Über Homeoffice, Kinder-Serien und Krümel

Das mit dem Homeoffice hatte ich mir romantischer vorgestellt. Entspannt sitze ich da an meinem eigenen Schreibtisch, die Sonne scheint durchs Fenster, ein wenig Jazz dudelt im Küchenradio vor sich hin, ab und zu gehe ich mir einen Espresso machen und hänge entspannt meinen Arbeitsgedanken nach. In der Realität eile ich zwischen Schreibtisch und Kinderbetten hin und her, der Himmel ist Wolkenverhangen, aus dem Bad höre ich Kotzgeräusche und kurz frage ich mich, was ich eigentlich falsch gemacht habe. Die Familie jedenfalls hängt einer Magendarm-Erkrankung nach und ist ein bisschen sauer auf mich, dass es mich mal wieder nicht so richtig erwischt hat. Mein ja nur gut gemeinter Hinweis, das hänge eben mit der Willensstärke zusammen, hat die Situation auch nicht aufgelockert. Dabei ist mir ja durchaus auch blümerant. In der Telefonkonferenz mit einem Kunden deaktiviere ich hektisch die Videokamera und erkläre es mit technischen Problemen, damit man die Notfallschüssel auf meinem Schreibtisch nicht sieht. Nein, die komischen Geräusche im Hintergrund seien ganz normal – die Nachbarn hätten neue Katzen.

Über verwirrende E-Mails und Mausohren statt Mondlandung

Ich möge doch seinen Toast bitte ablutschen. So könne er das wirklich nicht essen. Wir sitzen am Frühstückstisch, der Babysohn schiebt seinen Teller zu mir und sieht mich eindringlich an. Wie jeden Morgen konnte er sich nicht entscheiden und hat ganz pragmatisch einmal alles auf dem Teller vermengt: Joghurt durchtränkt Toast, der unter Obst begraben liegt, das verschiedene Biss-Spuren trägt. Toast jedenfalls müsse sauber sein und der hier sei ja voller Joghurt und ich möge jetzt sofort helfen. So ein feucht-klammer Joghurt-Toast löst bei mir eine mittlere Panik-Attacke aus und ich versuche, ganz pädagogisch zu erklären, dass es schön sei, dass er mich um Hilfe bitte, aber andere Menschen wollten vielleicht nicht fremde Toastbrote lutschen. Er könne ja einfach den Rand abschneiden? Nein, das ginge nicht, weil dann würde ja etwas fehlen. Ich solle das jetzt mal machen bitte, er hätte schließlich Hunger.

Über… Irgendwas ist immer

Nein, sie glaube nicht, dass sie jetzt ins Krankenhaus müsse. Die Ärztin habe ja gesagt, sie solle einfach mal zwei Wochen warten. Während sie sich auf dem Autositz neben mir leicht krümmt, rolle ich ein ganz klein bisschen mit den Augen, weil sie ja immer tapfer sein muss. Ausnahmsweise gibt es keine Familiendemokratie und ich fahre sie einfach zur Notaufnahme. Ja, na gut, sie könne es sich ja mal ansehen. Sie hätte eh gerade nichts anderes vor. Gespielt mürrisch steigt sie aus und schleppt sich rein. Bei jeder Person, die halbwegs offiziell weiß gekleidet aussieht, entschuldigt sie sich im Vorbeigehen. Es täte ihr leid, hier Ressourcen zu belegen, aber ihre Familie hätte drauf bestanden, dass sie herkommt. Zwei rauchende Patientinnen, die in Schlafhemden und Winterjacken am Eingang stehen, sehen sich kurz irritiert an, nicken dann aber betont verständnisvoll.