Über die Lebenserwartung von Eltern und ein dummes Gefühl in der Notaufnahme

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Notaufnahme

Was denn passiert sei, frag die Frau in der Notaufnahme, während sie mir auf den Kopf sieht. Ja, ich, ich hätte mir den Kopf gestoßen. Und die Rippe geprellt. Es sei schwer zu erklären. Aber gleichzeitig!, stammle ich. Es würde wirklich sehr weh tun, ich hätte ein wenig Wortfindungsschwierigkeiten, eine eingeschränkte Sicht und irgendwie ginge es mir ganz allgemein nicht gut. Ein Kollege, der neben ihr steht, attestiert mir eine nuschelnde Aussprache (und sieht mir kurz verstohlen auf den Kopf und kichert. Oder?). Ich finde nicht, dass ich nuschele, aber vielleicht kichert er ja auch nicht und ich kriege einfach nichts mehr mit, denke ich. Wenn das jetzt das Ende ist, dann ist es ein bisschen unprätentiös. Letzte Woche noch hatte ich mir einen Krankenhausaufenthalt gewünscht. In meiner Vorstellung aber gab es weiße Bettwäsche und Retro-Serien auf Sat.1-Gold. Jetzt gucke ich einem blutenden Bauarbeiter zu, der von Zimmer zu Zimmer geschickt wird und jedes Mal lachend „nicht erschrecken!“ brüllt, bevor er eintritt.

Mir wurde ein „Minime“ gemacht. Dachte bisher, das bezeichnet Kinder.

Bleischürze

Beim Röntgen hängt man mir eine schwere Bleischürze um. Während die Assistentin an dem unhandlichen Schurz hantiert, erkläre ich, dass das ja jetzt auch nicht mehr nötig sei, nicht wahr. Dochdoch, ermahnt sie, ich sei ja noch jung und falls ich mal Kinder haben wolle…, nicht wahr. Während ich überlege, ob mein Kopf zu verräterisch riecht, erkläre ich, dass das sehr freundlich von ihr sei, aber davon hätte ich mittlerweile ja wirklich genug und genau genommen sei ich ja wegen der Kinder hier. Vorschrift sei aber Vorschrift, Herr Mierau!, belehrt sie mich und spricht ab sofort sehr laut und deutlich mit mir.

Nach Hause

Nachdem die Unfallärztin die Röntgenbilder geprüft hat, klopft sie mir noch einmal Kopf (hat sie Handschuhe an?), Rücken und Brustkorb ab, beantwortet sich die Fragen, ob es da nun weh tue immer schneller als ich reagieren kann und diagnostiziert eine Gehirnerschütterung mit Rippenprellung und einem gequetschten Finger. Das würde zwar noch weh tun, aber ich könne nach Hause gehen. Ich müsse mich aber ein paar Tage schonen, im Bett ruhen und kühlen. Ich versuche bei der Vorstellung mehrere Tage ruhig im Bett zu liegen, zu kichern, muss mich aber der Rippenprellung geschlagen geben, die Nießen und Lachen nicht gut heißt. Spaßbremse.

Während ich nach Hause fahre, und weiß, dass ich heute vermutlich nicht sterbe, beschließe ich, dass der Tag auf meine „ganz unten“-Liste kommt. So langsam kommen auch die Erinnerungen der letzten Stunden wieder. Ich lasse die Ereignisse, die dazu führten, dass mich fast die Kinder oder noch kleinere Wesen auf dem Gewissen haben, Revue passieren.

Die Vorgeschichte

13:10 Uhr: Ich arbeite im HomeOffice. Der Tag ist ruhig, alles ist schön. Das Telefon klingelt. Die Schule. Nichts ist mehr schön, denn immer wenn Schule oder Kindergarten anrufen, bekommt man als Elter ja einen kurzen Herzinfarkt, weil sicher etwas schlimmes passiert ist. Wir müssten die Kinder jetzt abholen, erklärt man mir. Nein, es sei nichts passiert, aber man hätte Läuse bei einer Kontrolle gefunden. Während ich froh bin, dass es kein Videotelefonat ist und meine leichte Schamesröte höchstens hörbar ist, versichere ich mit Nachdruck, dass wir die Kinder mehrfach kontrolliert hätten. Nach jeder „LÄUSE!!!“-Mail der letzten Tage mindestens einmal – mit Taschenlampe und Kamm! Ja, das hätten die Kinder auch erzählt, erwidert es und ich frage mich, ob das nun eine wohlwollende oder kritische Feststellung ist.

15:24 Uhr: Alle Kinder sind zu Hause und ein wenig stolz hole ich das Läuse-Sprühöl aus dem Schrank, das ich vor längerem für die ganze Familie auf Vorrat gekauft habe. Die letzten Versuche, im Notfall Mittel zu besorgen haben aus mir einen Profi-Laus-und-Wurmbefall-Prepper gemacht. Dinge, die einem niemand erzählt, bevor man Kinder kriegt. Irgendwie kann sich niemand für meine „Ha, ich bin vorbereitet!“-Freude erwärmen. Und auch die nächste Stunde, die nur aus dem Geräusch „Tss Tss Tss“ und langsam wund werdenden Fingern von den Sprühstößen bestehen, sind nicht von bester Laune gesäht.

16:37 Uhr: Endlich sind alle Kinder versorgt und laufen mit Handtüchern um den Kopf durch die Wohnung. Sie überlegen, wer jetzt eigentlich woran Schuld sei und urteilen, der eintägige Camping-Urlaub sei schuld und nie wieder im Leben würden sie freiwillig einen Bungalow betreten. Der sei ihnen ja auch nicht sehr geheuer gewesen!

16:49 Uhr: Ich helfe fraumierau und erinnere mich, wie ich ihr beim letzten Mal auf ihren Wunsch 20cm Haare abgeschnitten habe, was sie mir daraufhin ein Jahr lang vorhielt.

17:04 Uhr: Alle sind versorgt. Ich bin dran, denn ich bin ja immer der letzte hier. Ich gehe ins Bad und staune, wie der Boden durch den Ölnebel doch wieder leicht rutschig geworden ist. Das ist mir beim letzten Mal schon aufgefallen. Kulant lehne ich jegliche Hilfsangebote ab. Mein Testosteron lässt mitteilen, ich kann das schon alleine! Weil ich keine Lust habe, michfür die Behandlung in die Wanne zu stellen und auch ein bisschen cool aussehen will dabei, stelle ich mich vor die Wanne, beuge mich vorn über und beginne mit den Sprühstö… RUMMS. Ich rutsche aus, knalle mit dem Brustkorb auf den vorderen Wannenrand und dem Kopf gleichzeitig auf den hinteren. Kurz weiß ich nicht, wo ich bin, sehe zum ersten Mal Sterne und empfinde diese Mischung aus Überraschung und Dummheit.

19:20 Uhr: Ich sitze in der Notaufnahme, kann mich nicht ganz genau an alles erinnern und frage mich, wie es dazu kommen konnte, dass ein Haufen Läuse dafür sorgte, dass ich nach Nyda riechend mit einer Gehirnerschütterung und einer geprellten Rippe im Krankenhaus sitze.

p.s.: Das Studienergebnis, dass Kinder die Lebenserwartung der Eltern erhöhen, ist ja wohl ein Scherz.

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Kategorien: Montagspost

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6 Kommentare

mihani · 20. August 2019 um 8:05

Oha, genau so etwas hatte ich nach dem kleinen Cliffhänger neulich befürchtet. Wenn man weiß, das Dimeticon auch als Gleitmittel bei Kondomen verwendet wird, ist es auch nicht mehr verwunderlich, dass das ordentlich flutscht…
Gute Besserung!

Frau Sandkuchen · 20. August 2019 um 8:49

Bei uns gab es die Läusebehandlung immer auf dem Hof, weil ich keine Lust auf die Schmiererei hatte und Angst, bei den Darwin-Awards zu landen 😂
Gute Besserung weiterhin!

Sandra · 20. August 2019 um 9:05

Gute Besserung, Herr Mierau!

Herzliche Grüße
Sandra

Steffi · 20. August 2019 um 13:34

Ihr erlebt echt die chaotischsten Sachen. Mein Mitgefühl!
Dein Bericht hat mir (leider) die Tränen in die Augen getrieben 😂

Gute und schnelle Genesung!

Das Wochenende in der Chemnitzer Umgebung wird euch so wohl noch länger in besonderer Erinnerung bleiben…

Über elterliches jain, die Halbwertszeit von Vorsätzen und den Schwellenwert von Hilferufen - vier plus eins · 7. Oktober 2019 um 23:05

[…] vorige Woche eine Lehrerin auf dem Schulhof mit leicht besorgtem Blick gefragt hat, ob es mir nach meinem Badewannenunfall wieder besser ginge, sie hätte von den Kindern davon erfahren, die leicht kichernd davon berichtet […]

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