Über niemals ausziehen, Camping, Goldsieben und widersprüchliche Kinder

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Ausziehen

Wie jetzt, er müsse irgendwann ausziehen? Mit schockiertem Gesichtsausdruck hakt der kleine Sohn nach, wie wir das gemeint hätten? Na, später, beschwichtigen wir, wenn er groß sei. Dann würde er doch mal in eine eigene Wohnung ziehen. Aber das wolle er nicht, protestiert er. Niemals! Irgendwie ist das Gespräch am Frühstückstisch aus dem Ruder gelaufen. Es ging eigentlich nur darum, dass er später alles so gestalten könne, wie er wolle – es jetzt aber ganz formidabel wäre, wenn er mit den Stiften nicht alles vollmalen würde. Jedenfalls, werfe ich ein, könnte er später mal so wohnen, wie er möchte. Und das sei ja auch gut, weil wir ja irgendwann nicht mehr da seien. WIE WIR DAS JETZT GEMEINT HÄTTEN, fragt er bestürzt nach. Alle Blicke sind auf mich gerichtet. Na, also, Menschen würde ja sterben, wenn sie alt sind. Und dann würde er vielleicht mit anderen lieben Menschen zusammenwohnen? Ich ahne, dass ich es gerade nicht besser gemacht habe, und schiebe nach, dass Menschen wirklich ganz alt seien, wenn sie sterben. Aber wir seien doch ganz alt, hyperventiliert er. Einen Erziehungsratgeber schreibe ich in diesem Leben nicht mehr, beschließe ich.

Museum

Die Gespräche vorher verliefen noch ganz anders. Im Bericht über den Besuch des Naturkundemuseums ging es um gefährliche Dinosaurier, Fleischfresser und andere Gefahren für Leib und Leben. Und dann fragte das jüngste Kind nach, wo eigentlich die ausgestopften Menschen im Museum stehen würden? Bevor ich eine passende Antwort parat hatte, belehrten die größeren Geschwister, dass es ja wohl keine ausgestopften Menschen geben würde… dafür aber so komische Gehäutete in einem anderem Museum. Da könne man sogar die Muskeln sehen! Ob er nicht das Plakat am Bahnhof kennen würde? Die Kinder beraten, dass sie da ja unbedingt mal hinmüssten. Ich erinnere mich dran, wie wir letztens Disneys Frozen ausmachen mussten, weil es ihnen zu gruselig war.

Camping

Dabei war ja schon der eintägige Campingurlaub eine gute Einstimmung auf nicht vorhersagbare Kinder-Stimmungen. Als wir nachts auf dem Platz ankamen, wurden wir von den Kindern aufgefordert, den Ort sofort wieder zu verlassen. Vetorecht aberkann! Es würde schlecht riechen und das sei inakzeptabel. In der Tat roch es irgendwie nach Dixie-Toilette. Aber das sei ja auch nichts anderes als die bevorstehende Biermeile vor unserer Haustür (die wir immer Uriniermeile nennen), wendete ich ein. Es folgte Kritik an der Beleuchtung. Es sei einfach zu dunkel. Wirklich, viel zu dunkel. Aber das sei doch schön, sie sollten mal die vielen Sterne ansehen! Nach dem intensiven Gebrauch von Hochleistungstaschenlampen, um unseren Bungalow zu finden, wurde festgestellt, dass es ja nicht ginge, dass jetzt alle einzeln in diesen Doppelstockbetten schlafen. Also gut, wir reihten wieder Matte an Matte. Nächster Nervenzusammenbruch: Die Baderäume, die, wie so üblich, feucht rochen, nass waren und diesen Flair von „zu Hause ist es auch schön“ hatten. Und außerdem keine Duschvorhänge besaßen, was zu der berechtigten Frage führte, ob hier gleich „alte Männer“ mit baumelnden Penissen duschen würden? Jedenfalls weigerte sich ein Kind, dort die Zähne zu putzen und ich beschloss, mir heimlich mal wieder den Stadtneurotiker anzusehen (Ich glaube, Woody Allen guckt man nicht mehr, oder?).

my precious!!!

Goldsieben

Die Stunden zogen sich ein wenig dahin und ein „das kennen wir so nicht“-Moment folgte dem nächsten. Immerhin gab es Spielangebote für Kinder und hochbeliebt war das Goldsieben. Mit kleinen Sieben konnte falsche Goldklümpchen aus Sand gesiebt werden. Das ging genau fünf Minuten gut. Danach lagen sich alle in den Haaren, weil aus dem harmonischen Sieben ein erbitterter Ressourcenkampf um „Wer besitzt das meiste Gold?!“ geworden ist. Ich glaube ja, das mit dem Kommunismus wird nichts mehr – auch, wenn ich die Kinder vorher noch in Chemnitz vor die Karl-Marx-Büste für amtliche Tourismus-Fotos geschleppt und mit „Papa erzählte wieder von vor der Wende“-Geschichten gelangweilt habe.

Abfahrt

Als wir den Campingplatz wieder verlassen und endlich endlich die vielen „können wir endlich fahren“-Bitten erhöhrt wurden, gibt es abermals Protest: Man sei zu dem Schluss gekommen, dass es ja hier doch ganz schön sei. Ob wir noch ein, zwei Nächte bleiben könnten? Zähne putzen könnte man ja danach wieder.

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Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

10 Kommentare

Lena Busch · 6. August 2019 um 8:32

Oh ja, das Gespräch mit dem Ausziehen kennen wir und bei einem Kind hat es offensichtlich nachhaltige Traumata verursacht. Bei Übermüdung vergießt es regelmäßig bittere Tränen angesichts unseres sicher bald bevorstehenden Todes (older then Methusalem, ya know) und ihrer damit einhergehenden bitteren eigenen Zukunft.
Camping – inzwischen, mit zwei Elternteilen über 40 und nach einer Phase des Langzeitreisens mit Leben im Wohnmobil, „gönnen“ wir uns dahingehend nun stets Plätze mit möglichst Höchstzahl an Sternen. Hilft nicht immer, aber minimiert unangenehme Sanitär-Erlebnisse.

Lena Lehmann · 6. August 2019 um 10:37

Oh ja, Gespräche übers Ausziehen und unser Ableben hatten wir auch schon viele… Wir haben regelmäßig Statements wie „Ich werde niemals hier ausziehen, ich will immer bei euch wohnen!“ auf Video festgehalten, das gibt zusammen mit vielen anderen Aussagen in der Art sicher ein tolles Geschenk zum 18. Geburtstag… ?
Mit dem Camping haben wir es diesen Sommer auch mal wieder versucht, nachdem der letzte Anlauf zu Zelten nach der ersten Nacht direkt abgebrochen werden musste, weil Kind spontan an Scharlach erkrankte… Tja, wir planten zwei Nächte im Spreewald auf Campingplatz Nr. 1 und anschließend gleich noch 3 Nächte Zelten an der Müritz. Ergebnis war wiederum die vorzeitige Abreise von der Müritz, weil Kind sich im Spreewald einen Norovirus holte… Beim nächsten Anlauf klappt’s dann bestimmt! ?

Andrea · 6. August 2019 um 11:42

„Aber wir seien doch ganz alt, hyperventiliert er. Einen Erziehungsratgeber schreibe ich in diesem Leben nicht mehr, beschließe ich.“ 🙂

Klara · 6. August 2019 um 12:15

Ich könnte ja gerade den Gegenteil-Artikel schreiben. Als ich vor mich hin sinniere, wie neugierig ich sei zu erfahren, wie das Kind mal aussehen wird, wenn es erwachsen ist, erklärt es mir, dass es dann ja wohl längst ausgezogen sei und es mich überhaupt nichts anginge, wie es dann aussähe.
Als Landbewohner machen wir gerade Urlaub in der Stadt. (Ein Kind duscht hier nicht.) Und was soll ich sagen. Hier liegt Kotze und Glitzer auf dem Gehweg und die Tauben fressen beides. Der totale Kulturschock!

Katrin · 6. August 2019 um 13:05

Die baumelnden Penisse gefallen mir am Besten ???
Bin gerade fast vor lachen von der Couch gefallen. Danke dafür……

Tatiana · 6. August 2019 um 21:53

Woody Allen ist leider großartig. Ich schau’s auch. Heimlich.

SiJa · 6. August 2019 um 23:07

Unsere Tochter (4) ist der Meinung, dass WIR irgendwann ausziehen werden. Sie bleibt hier wohnen, ist dich schön hier.

Lisa · 9. August 2019 um 8:42

Also ich habe letztens meinen 3-jährigen Sohn zum Papa sagen hören: „Mama ist nicht alt. Oma und Opa sind doch alt!“ ;-P

Über Geburtstag auf dem Spielplatz und keinen anaphylaktischen Schock - vier plus eins · 16. August 2019 um 8:56

[…] hin und es war eigentlich ganz schön, bis wir Urlaubsgeschichten austauschten. Ich konnte meine 24h-Camping-Story zum besten geben, als die Gästin mit einer „Es war so schön ruhig zu zweit in der […]

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