Über eine Wurmkur für anderthalb Kinder, eine Tapas-Bar zum Frühstück und eine Nussschutz-Impfung

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Disclaimer: Der folgende Text ist nicht wurmfrei.

(Negativ-)Bucket-List

Wenn es dann passiert, ist es gar nicht mehr so schlimm, rede ich mir ein. Wie damals. Da hatte ich immer panische Angst davor, Kinder zu bekommen und dann eines Tages im Stau zu stehen, während es auf der Rückbank akustisch schwer erträgliche kindliche Nervenzusammenbrüche gibt und zugleich Benjamin Blümchens »TÖRÖÖÖ« aus dem Radio schallt. Wie so eine Szene aus einer schlechten Comedy. Als es dann so weit war, war ich zu fertig mit den Nerven, um sofort zu bemerken, dass ich gerade Top 1 meiner Negativ-Eltern-Bucketlist abgehakt habe. Benjamin Törööö Blümchen im Stau mit brüllenden Kindern auf der Rückbank: Check. Ich habe es überlebt. Meine Selbstachtung weniger.

Infiltration

Auf Platz zwei stand für erfreulich viele unerfüllte Jahre „Wurmbefall in der Familie“. Bis zu diesem Abend, an dem ich nun ein Uhr morgens frierend vor der Nachtapotheke stehe und dennoch froh bin um jede Minute, in der ich der Wohnung fernbleiben darf. Zu Hause habe ich es noch mit „Jetzt habt Ihr endlich Haustiere!“-Scherzen versucht. Dann wurde mir aber dennoch blümerant und ich bin ganz freiwillig mitten in der ungemütlich nasskalten Winternacht zur Apotheke. Wurmbefall – die Diagnose zu stellen ist ja schon eine Grenzerfahrung. Aber Wurmbefall – das Wissen, dass es sie gibt, sie Deine Familie infiltriert haben UND VIELLEICHT AUCH DICH, geht über meine Nerven. Wenn es einen guten Zeitpunkt für den „Ich gehe mal Zigaretten holen“-Abgang gibt, dann jetzt. Dann gibt es vielleicht in einer paar Wochen eine Folge »Aktzenzeichen XY ungelöst« mit so einem Einspieler, wo jemand, der mir fast ähnlich sieht, geheimnisvoll verschwindet und wenn der Moderator dann sagt, dass ich konkret nach einer Wurmbefalldiagnose der Kinder auf dem Weg zur Apotheke verschwunden bin, denken sich die zusehenden Eltern alle still „Yes, der hat’s durchgezogen!“.

Einmal Durchkärchern, bitte

Die Apothekerin jedenfalls will mich scheinbar auch gern wieder loswerden, denn meine „Eine Großpackung Wurmkur für fünf Personen“-Bestellung scheint irgendwie fragwürdig zu sein. Welchen Wirkstoff ich denn wolle? Das sei mir egal, Hauptsache totale Vernichtung. Am Liebsten hätte ich ja einen Kärcher, der ein Gemisch aus Sagrotan und Napalm versprüht, aber ein Medikament wäre ja auch ein Anfang, scherze ich. Es täte ihr leid, das sei jetzt auch nicht so üblich als Anfrage und sie hätte noch eine Packung für ein, vielleicht anderthalb Kinder. Was sie denn mit einem halben Kind meine, frage ich nach. Oben oder unten? Das sei ja hier entscheidend! Regungslos erklärt sie, dass sie eben ein kleines Kind meine. Ich würde schon verstehen. Das letzte Mal habe ich so einen abfälligen Blick in der Apotheke geerntet, als ich für fünf Personen Läusemittel kaufen wollte. Bei Familienbefall giltst Du immer sofort als Problemherd.

Ressourcenorientierte Elternschaft

Aber zwei Tage und eine ohne Napalm und Sagrotan durchgekärcherte Wohnung später war wieder alles gut. Zur Zeit waschen die Kinder sogar freiwillig das Obst ab, bevor sie es essen. Vielleicht hätte ich die Gelegenheit ja nutzen sollen und erzählen, dass man zur Vermeidung von Wurmbefall nicht nur das Obst abwaschen, sondern auch unbedingt das Bett machen, den Müll runterbringen, den Geschirrspüler einräumen und sich ohne Murren die Zähne putzen muss? Ich sollte doch endlich meine Knaller Erziehungstipps im Buch „Ressourcenorientierte Elternschaft – Nervenschonung durch Gesignation. Mit 100 Tipps, die sie lieber für sich behalten“ zusammenfassen. Wird bestimmt ein Selbstläufer. Nachdem mir gerade ein Verlag einen Buchtitel zum schnell Fertigschreiben mit Kind mit Pampers auf dem Kopf im Titelbild angeboten hat („SO LUSTIG! … Da können sie vielleicht einfach ihre Blogartikel wiederverwerten?“), kann es ja nur nach oben gehen.

Frühstücks-Verteilungskämpfe

Das mit den Ressourcen ist bei den Kindern hier sonst weiterhin ein Problem. Zum Beispiel gestaltet sich das Frühstück, nachdem ich in einem Podcast lang und breit erklärt habe, wie problemlos das bei uns läuft, neuerdings als täglicher Problemfall. Der Babysohn ist sehr unentscheidungsfreudig. Er ist sich aber immerhin sicher, dass er sich nicht entscheiden kann und dass er defintiv von allem etwas benötigt und zwar die größte Portion. WIRKLICH AUF JEDEN FALL. Er müsse sonst verhungern! Er lässt sich notfalls auch Portionen für die weite Reise zur Kita einpacken. Und so sieht sein Frühstück eher nach einer Tapas-Bar aus, was einem zumindest drei Minuten Ruhe für einen Kaffee und den Rest des Tages wieder verwendetes Essen vom Morgen einbringt. Zero Waste mit Kindern ist ja auch nicht nur Zuckerschlecken.

Ein „Kaffee“ ein Joghurt wie die Schwester, ein Müsli wie der Bruder und ein irgendwas wie die Eltern.

Nuss-Impfung

Dafür werden die Nüsse geschwisterlich geteilt. Nur die noch unbekannten Arten werden allseits besonders skeptisch untersucht. Und was das denn nun wieder sei, fragt das Kind nach, als es mit leicht fremdelnden Gesichtsausdruck in eine Nuss beißt. »Das ist eine Pekannuss«, erkläre ich. Kurz herrscht angespannte Stille. Und dagegen seien wir geimpft?

Und, was steht auf Eurer „möchte ich mit Kindern lieber nicht erleben“-Liste? 🙂

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Kategorien: Montagspost

leitmedium

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12 Kommentare

Julia · 19. März 2019 um 9:28

Ich könnte dir hier jetzt schreiben, was wir mit unseren 4 auf keinen Fall erleben wollen. ABER: das wäre extrem leichtsinnig!!!! Weil die Erfahrung mich lehrt, dass solche Dinge genau immer dann kommen, wenn man gerade aufgeschrieben oder gesagt oder gedacht oder jemand anderen hat sagen hören…, dass man das NICHT will! Oder man erzählt irgendwem wie toll irgendwas bei einem zuhause funktioniert und ZACK funktioniert genau das nicht mehr – zb frühstücken ?

    leitmedium · 19. März 2019 um 9:29

    Diese wahrscheinlich sehr schlaue Überlegung lässt mich gerade dran zweifeln, jemals wieder eine Zeile zu schreiben ?

Birgit · 19. März 2019 um 9:35

Meine Top 4 sortiert absteigend sortiert nach Unbeliebtheit- aus der Kategorie, Sachen, die man nicht braucht, aber wohl mit Kindern unvermeidlich sind:

1. Läuse
2. Würmer
3. Magen-Darm
4. Krätze (bis jetzt zum Glück noch verschont geblieben obwohl der Kiga schon kurz vor der temporären Schließung stand)

Barbara · 19. März 2019 um 10:02

Wir haben zehn bzw. sieben Jahre geschafft – dann ist Nr. 2 doch passiert und dieses „es juckt mich überall“-Gefühl nach Diagnosestellung ist immer noch nicht ganz weg… Die Kinderärztin meinte übrigens – anders als der Bereitschaftsarzt – dass die Wurmkur unbedingt nach drei Wochen nochmal gemacht werden muss, bei allen. Und das Zeug schmeckt nach Kokosplätzchen. Ich hasse Kokosplätzchen.

Anka · 19. März 2019 um 10:19

Krätze und Würmer hatten wir schon. Tipp dazu: mit der Wurmdiagnose schmeißt einem die Sprechstundenhilfe beim Kinderarzt ein Rezept in die Hand, und zwar für die ganze Familie. Meistens muss nur ein Elternteil die ganzen Chipkarten hinbringen. Dann hat man die Tabletten da und bei den Kinderpackungen bleibt genug für eine zweite Behandlung beim nächsten Befall.
(Haben das schon 5 oder 6 Mal durch, Apothekerin: das kommt auf die Darmflora an, manche Kinder haben das dauernd, manche nie, und manche haben Eltern die das nie merken.)

Dafür: erfolgreich Benjamin und Bibi umschifft. Die kommen mir nicht ins Haus und dabei bleibt es 🙂

Das ist auch echt mein Horrorszenario: Gedudel aus allen Ecken, und zwar Kinderlieder mit nervigen Kinderstimmen. Sie können selber so lange singen wie sie wollen, ich singe auch gern
endlos mit, kein Problem.

Caro · 19. März 2019 um 10:21

Bin noch an Beginn der Elternschaft (Baby halbes Jahr alt) und wir „erfreuen“ uns an einem Abszess direkt am Darmausgang. Heißt täglich mehrmals cremen mit Salbe und zweimal pro Tag sauteures Apotheken-Sitzbad. So zieht man ständig an und aus, ein dezenter Kamilleduft erfüllt die Wohnung. Und die Dissertation muss wieder bisschen warten.
Zum Glück merkt der Kleine nichts, hat keine Beschwerden. Und freut sich: yeah, zweimal pro Tag planschen.
Obwohl das sicherlich nicht zu vergleichen ist mit Läusen, Würmern oder Krätze. Deswegen heul ich mal leise. 😉

Kerstin · 19. März 2019 um 11:55

Denke gerade an die Nacht, in der der Vierjährige in unser Bett kroch und alles, aber auch alles vollkotzte, während der Halbjährige juchzend, klatschend und wippend daneben saß.
Oder an den Tag, als der Große zu meinem Mann rannte: „Papa! Papa! J. hat eine Nacktschnecke!!!“ und mein Mann den Kleinen nur noch glückselig mit braun verschmiertem Mund und Händen vorfand.
An Hörspielen kann ich alles ertragen außer Leo Grausemaus … selbstredend nicht durch uns in den Haushalt gelangt.
Ansonsten, Negativ-Bucket List? Hand-Mund-Fuß!!!!! Ich hoffe so sehr, dass wir die umschiffen.
Gute Erholung euch! Die Pekannuss ist der Brüller.

Margarete Audrey · 19. März 2019 um 18:46

Pfui ih bah, Würmer! Hier erfolgte die Diagnose am. Donnerstag beim. LIEBSTEN! Und glaub mir, das ist noch viel ekeliger, als einen Wurm aus dem kinderpo… Lassen wir das. Kind 2 und 3 haben auch welche, bei k 1 und mir selbst konnte ich auch nach ausführlicher Inspektion (niiiiicht spülen!!!) keine finden. Abartig. Definitiv platz eins meiner ‚will ich nicht erleben‘ momente! Wurmkur unbedingt nach 2-3 Wochen wiederholen. Und nächstes mal. Beim Kinderarzt tabletten für alle verschreiben lassen, so lässt du kein Vermögen in der Apotheke und kannst dir sogar noch den sagrotan verteiler kärcher leisten…

Ich · 20. März 2019 um 13:21

Ha! Leidensgenossen! Wir haben unser ungebetenes Haustier heute Nacht um eins bei K2 begrüßt. Unser Kinderarzt schickt die Eltern immer zu Hausarzt. Dieser begrüßt meinen Mann mit “Sie sind wohl eine Wurmfamilie” Grrr… glücklicherweise reichen die Kindermedikamente für Runde eins für einen potentiellen Neubefall. Ansonsten ist hier die große Aktion mit 1, 14 und 28 Tagen angesagt. Und wir bunkern für unsere Hausapotheke – in den Niederlanden ist das richtige Medikament für Erwachsene rezeptfrei erhältlich. Und sehr günstig im Vergleich zum rezeptfreien Medikament aus Deutschland. Eure Hausapotheke und der Geldbeutel wird euch etwas Kreativität danken. Zudem: der Wirkstoff bleibt nahezu komplett im Verdauungstrakt ohne vom Körper aufgenommen zu werden. Gute Nerven, ich fühle mich gleich nicht so alleine mit meinem Wäscheberg. Liebe Grüße

Rike · 21. März 2019 um 9:14

Bei uns hat ein Teil der Familie (leider immer die selben Armen) alle paar Monate auch die kleinen Gäste hier. Ich persönlich habe ja mittlerweile Himbeeren in Verdacht (die ich ja leider liebe) egal ob frisch oder TK, wild gepflückt oder gekauft – sobald es die bei uns gab kann ich 14 Tage runter zählen und nachts mit der Taschenlampe auf die Suche gehen *grrrr*

Rike · 24. März 2019 um 7:00

Mein Mann und ich sind Erzieher und haben so um die Weihnachtszeit immer das Bedürfnis gehabt an die Gruppentür ein Biohazard-Warnschild zu kleben.
Letztes Jahr ZEITGLEICH:
Röteln, Scharlach, Hand-Mund-Fuß, Grippe, Bindehautentzündung und Läuse.
Da braucht man ein sonniges Gemüt, um nicht sofort die Kündigung einzureichen.

Wenn man so beherzt von nem kranken Kind angeniest wird oder einem beim Wickeln durchfallmäßig und mit Hochdruck ins Gesicht ge***issen wird (ist einer Kollegin wirklich so passiert), verflucht man seine Berufswahl schon akut.

Nun ist unser Sohn selbst im Kita-Alter und wenn ich an dem Aushang mit den Krankheiten vorbei komme und dort nur ‚mehrere Erkrankungen mit Fieber‘ steht, muss ich innerlich schmunzeln und ‚laaaangweilig‘ denken.
Irgendwann wird es sich rächen, ich weiß 😉

Lasst euch nicht ärgern!

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