Über… Irgendwas ist immer

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Diese Woche noch einmal einleitend der Hinweis, dass ich die Montagspost eigentlich ja für fraumierau schreibe. Es ist unsere Art, den trubeligen Alltag mit drei Kindern Revue passieren zu lassen und mit einem Blick vor allem auf die lustigen Situationen auch die stressigen Momente zu verarbeiten. So geht es manchmal auch um Ernsteres, wie heute einen Krankenausaufenthalt. In den passenden Augenblicken sind wir dann auch aber ganz pathetisch. Versprochen.

Ich bin hier nur Gast

Nein, sie glaube nicht, dass sie jetzt ins Krankenhaus müsse. Die Ärztin habe ja gesagt, sie solle einfach mal zwei Wochen warten. Während sie sich auf dem Autositz neben mir leicht krümmt, rolle ich ein ganz klein bisschen mit den Augen, weil sie ja immer tapfer sein muss. Ausnahmsweise gibt es keine Familiendemokratie und ich fahre sie einfach zur Notaufnahme. Ja, na gut, sie könne es sich ja mal ansehen. Sie hätte eh gerade nichts anderes vor. Gespielt mürrisch steigt sie aus und schleppt sich rein. Bei jeder Person, die halbwegs offiziell weiß gekleidet aussieht, entschuldigt sie sich im Vorbeigehen. Es täte ihr leid, hier Ressourcen zu belegen, aber ihre Familie hätte drauf bestanden, dass sie herkommt. Zwei rauchende Patientinnen, die in Schlafhemden und Winterjacken am Eingang stehen, sehen sich kurz irritiert an, nicken dann aber betont verständnisvoll.

Setzen Sie sich

Sie solle sich keine Sorgen machen, man würde sie einfach mal ganz unverbindlich untersuchen. Und hier stehe ja auch zufällig auch ein Rollstuhl! Da könne sie sich ja dann auch einfach mal reinsetzen. Ja, aber sie könne doch auch laufen, wendet sie ein. Das stimme schon, gibt der geduldige Pfleger zurück, aber der Stuhl sei ja nun da und da dürfe man ihn ja auch einfach einmal nutzen, nicht wahr. Na gut, aber sie wolle niemandem den Rollstuhl wegnehmen. Sie könne da ganz unbesorgt sein, es gäbe noch mehr davon.

Glasnudeln

Im Ultraschallraum kichert die Ärztin plötzlich und tippt ihren Kollegen an. Als er auf den Bildschirm blickt, gehen auch seine Mundwinkel leicht nach oben. Ob sie vielleicht… Glasnudeln gegessen habe? Man könne auf dem Bild eigentlich nichts außer Glasnudeln sehen. Ja, ob das schlimm sei? Glasnudeln, fragt sie erschrocken? Nein, natürlich nicht. Sie hätten nur noch nie Glasnudeln im Ultraschall gesehen. Sie würden mal noch einen anderen Kollegen holen, der wolle das sicher auch sehen. Nachdem es langsam voll wird im Sonographie-Raum, wird sie gefragt, ob man privat ein Foto machen könne. Das sei doch wirklich zu ulkig. Aber sie müssten da jetzt noch etwas ernstes besprechen: Ihre Symptome sprächen ja schon für Alkoholproblem. Sie solle da jetzt bitte ganz ehrlich sein und aufzählen, was sie in letzter Zeit so getrunken habe. Sie zuckt mit den Schultern. Sie könne ganz offen reden! Naja, etwas sei da gewesen, gibt sie schuldbewusst zu. Im Adventskalender sei eine Praline mit Rum-Füllung gewesen. Ich vermute ja höchstens die Erfrischungsstäbchen von letzter Woche als gemeingefährlich, aber gut.

Sie schreibt mir eine Nachricht, bitte die restlichen Glasnudeln aus der Vorratskammer zu verschenken, nie wieder welche zu kaufen und den  Adventskalender am besten selber zu essen. Danke auch fürs gemeingefährliche Geschenk!

Hufflepuff

Als ich sie später anrufe, erklärt sie, man habe sie ganz überraschend doch da behalten. Das sei sicher ein Irrtum. Oder sie sei jetzt Ultraschall-Modell. Aber okay, sie bleibe mal auf Probe für eine Nacht. Man hätte sie übrigens auf der Neurologie untergebracht. Woanders sei kein Platz mehr gewesen. Aber es sei doch sehr nett hier, führt sie fort. Die eine Pflegerin habe mit ihr einen Harry-Potter-Test gemacht. Sie wisse jetzt, dass sie zu Hufflepuff gehöre! Kurz überlege ich, ob sie sie einfach für verrückt erklärt und weggeschlossen haben.

Im Keller des Krankenhauses nicht falsch abbiegen!

Mission Impossible

Ein Spaziergang von einer Stunde sei in Ordnung, erklärt der Arzt am vierten Tag. Aber das Gelände dürfe sie nicht verlassen. Versicherungsschutz und so. Jaja, nicke ich hektisch und stelle meine Uhr-Timer auf sechzig Minuten. Nachdem sich rausgestellt hat, dass Toiletten und Duschen der Station geteilte Einrichtungen im Flur sind, ist die Kompromissbereitschaft ein wenig gesunken. Ich nehme fraumierau unter den Arm, fahre mit ihr in den Keller, der wie die Kulisse eines Steven King Films aussieht und bringe sie über einen ausgeklügelten Fluchtplan für eine Dusche in die eigenen vier Wänden nach Hause. Sie hat dabei ihren verwegen „So etwas aufregendes habe ich noch nie gemacht!“-Blick und ich muss ihr mehrfach bestätigen, dass sie nicht im Gefängnis landen wird. Außerdem hätte sie dann wenigstens eine Toilette auf dem Zimmer. Man müsse ja ressourcen-orientiert denken.

Kevin allein zu Hause

Bei unseren Besuchen nimmt der Babysohn jedes Mal das Krankenhaus auseinander. Die Steuerung für das Krankenbett lädt magisch dazu ein, minutenlang fraumierau zu einem Sandwich zusammen- und auseinanderzuklappen. Und überall sind so spannende Schalter, die man drücken kann. Mein Hinweis, dass manche Knöpfe wie Pokemon-Bälle aussehen, hat das Interesse auch nicht gerade gesenkt. Das sei ja ein wenig wie in Kevin allein zu Haus, kommentiere ich, als ich sanft den Tropf aus Stolperweite des Kindes schiebe. Ernst zieht fraumierau eine Augenbraue hoch und referiert, dass dieser Film aus bindungstheoretischer Sicht ja wirklich sehr, SEHR problematisch sei. Da hätte sie gerade einen Text gelesen. Ja, ich auch, falle ich ins ihr Wort. Er hatte »Spaßbremse allein zu Haus« als Überschrift. Sie sieht mich kurz mitleidig an und lässt sich weiter vom Sohn im Bett hoch- und runterfahren.

Eindeutig Pokéball, oder?

Und Heilig Abend?

Aber was nun sei, wenn sie Heilig Abend noch immer im Krankenhaus bleiben müsse, fragt sie? Was sei dann mit den Kindern? Na, dann gebe es eben auf der Station eine Bescherung, beruhige ich sie. Dann hätten die Kinder ausnahmsweise mal einen amtlichen Weihnachtsbaum. Und nach dem Festtags-Graubrot-Mahl müssten wir nicht mal abwaschen. Das sei doch voll der Luxus-Abend! Die Kinder essen während des Gesprächs genüsslich das Krankenhaus-Zwieback. Zumindest kulinarisch sind sie hier zufrieden, spätestens seit ihnen der von oben bis unten tättowierte Pfleger warme Kakaos in Schnabeltassen gebracht hat. Er hätte ja selber keine Kinder, daher wisse er nicht, ob sie einen Schnabel bräuchten und ob es zu warm oder zu kalt sei. Ich bin ein bisschen gerührt über die Freundlichkeit und die Kinder glucksen, weil sie nicht wissen, wie man so aus Schnabeltassen trinkt und kleckern den Raum von oben bis unten voll. So langsam sieht das Zimmer wie zu Hause aus, stelle ich fest. Mit der Feststellung fühlen uns alle ein bisschen wohler.

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Die nächste Folge MKL-Podcast sollte eigentlich schon am 15.12. erscheinen, muss aber wegen, nunja, irgendwas ist immer, noch ein paar Tage warten.


Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

17 Kommentare

Anonyma · 18. Dezember 2018 um 10:04

zuerst gute Besserung für Susanne!! Ich hoffe sie kann bald nach Hause!

Die Fluchtaktion ist super!

Ich war sehr gerührt von dem Pfleger! Ich habe so viel unfreundliches Pflegepersonal erlebt ( und ich weiß der job ist hart und absolut unterbezahlt!!), dass es mich so gerührt hat dass er Kakao anbietet und dann noch so empathisch nachfragt weil er keine Kinder hat. Einfach nur toll!

JanaS · 18. Dezember 2018 um 10:06

Irgendwie schön, trotz blöder Situation…
Trotzdem: gute Besserung für Susanne!

Schnuffel · 18. Dezember 2018 um 10:15

Danke,ich habe eine traurige Phase aber dein Text hat mich zum kichern gebracht.vielen Dank!

Maja Rae · 18. Dezember 2018 um 11:05

Ihr macht wirklich das Beate aus so einer bescheidenen Situation! Ganz viel Liebe und Kraft, damit Susanne bald nach Hause kann!!

Lena Busch · 18. Dezember 2018 um 11:24

Alles alles Liebe und gute Besserung für Susanne !

Victoria · 18. Dezember 2018 um 11:48

Gute Besserung an die Patientin! Ich drücke die Daumen, dass ihr Weihnachten alle zuhause seid 🙂 Obwohl Graubrot; das kulinarische Highlight könnt ihr euch eigentlich nicht entgehen lassen 😉 alles liebe

Sozitussi79 · 18. Dezember 2018 um 11:52

Hach, dieser Artikel ist der absolute beste und schon wieder einmal finde ich mich total wieder. Leider musste auch ich vor Kurzem mal eben in der gleichen Kette einchecken. Ich habe auch bis heute nicht ganz verstanden wie ich diesen Pauschalurlaub gewinnen konnte.
Ich muss mich jetzt schon die dritte Woche Zuhause schonen.

Gute Besserung an Frau Mierau

Kirjava · 18. Dezember 2018 um 16:14

Den Pfleger finde ich ja ganz großartig. 😀 Ich war neulich häufiger zu Gast in einem solchen Etablissement, meine Oma hatte dort einen Aufenthalt gewonnen, und hatte praktisch ausschließlich sehr nettes Personal kennengelernt. Das fand ichs ehr beeindruckend, angesichts der allgemeinen Arbeitsbedingungen.

Gute Besserung für fraumierau, auf eine baldige Heimkehr und eine graubrotfreie Weihnacht!

FrauC · 19. Dezember 2018 um 10:11

Als ich mal Heiligabend im Krankenhaus verbracht habe, gab’s Gänsebraten und ein Weihnachtsliederheft von der Krankenhausseelsorge. Es besteht also Hoffnung…

Aber ich drücke trotzdem die Daumen für Weihnachten zu Hause!

Liga · 19. Dezember 2018 um 12:49

Gute Besserung und ganz viel beileid für die neugierigen Ärzte! Beim Zahnartzt in Riga war die Zahnärztin begeistert von meinen Deutschen gold Füllungen. Sie wollte auch Fotos und dann ist ein anderer Zahnartzt mit einer fullsize DSLR Kamera samt riesen Blitzt vorbei gekommen um in meinem weit augresissenen Mund ein kleines Fotoshooting zu veranstalen …

Simone Paul · 19. Dezember 2018 um 13:23

Gute Besserung für Susanne. Wir drücken fest die Daumen, dass sie bald heim darf.

Richard (vatersohn.blog) · 19. Dezember 2018 um 16:04

Gute Besserung!
LG, Richard & Hugo vom https://www.vatersohn.blog/

Christine · 19. Dezember 2018 um 20:51

Gute Besserung für fraumierau

Katharina · 23. Dezember 2018 um 12:42

Schnelle, gute Besserung und ein gemeinsames ruhiges Weihnachten zuhause oder im Landhaus für alle 5!!!

Nur noch schnell die Welt retten - Wie ich Weihnachten leben lernte - Unterm Dreck ist's sauber · 21. Dezember 2018 um 9:05

[…] das zu wissen, sollte nicht erst etwas Schlimmes passieren. Man sollte nicht erst im Krankenhaus liegen, oder einen Unfall haben müssen. Man sollte nicht erst dann das Leben lieben lernen, wenn […]

Über verwirrende E-Mails und Mausohren statt Mondlandung - vier plus eins · 15. Januar 2019 um 0:05

[…] schon hätte wissen können. Schlimmster Fall der letzten Wochen: Die Mausohren. Als fraumierau gerade im Krankenhaus war, sollten die Kinder Mausohren für ein Weihnachtsfest mitbringen. Ich hatte kurz überlegt, noch […]

Über Homeoffice, Kinder-Serien und Krümel - vier plus eins · 5. Februar 2019 um 0:25

[…] genommen aber hat mir aber letztens im Widerspruch zu einer Ärztin eine App geraten, fraumierau sofort ins Krankenhaus zu bringen und naja, 1:0 für die App, nicht wahr. Seitdem muss ich sie zumindest nicht mehr verstohlen unterm […]

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