Über Pinsel im Abfluss, eBay Kleinanzeigen, Nietzsche und Hudern

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Pinsel im Abfluss

Ihr sei übrigens ein Pinsel in den Abfluss gefallen, sagt sie im Vorbeigehen. Sätze im Vorbeigehen sind ja immer gefährlich. Ich spule innerlich noch einmal zurück, um die Bemerkung zu verarbeiten. Wie jetzt, ein Pinsel sei in den Abfluss gefallen? Wie sie das jetzt meine, frage ich nach. Na, ein Pinsel sei eben in den Abfluss im Waschbecken gefallen, wiederholt sie. Sie hätte ihn da auch nicht mehr rausbekommen. Und dass er da reingefallen sei, ist sowieso meine Schuld, weil ich erstens immer schuld bin, zweitens ja quasi verantwortlich bin, dass wir überhaupt Kinder hätten, nicht wahr, knickknack, und drittens sei der Abflussstöpsel oder wie der hieße eine optische Zumutung.

Abflusstöpsel

Da hat sie nicht ganz Unrecht. Die Familie hatte es letztes Jahr geschafft, wegen eines monatelang fehlenden Stöpsels eine Zahnpastatube im Waschbeckenabfluss zu versenken. Mein Versuch, das Abflussrohr mit einem Staubsauger und einem Nylonstrumpf-Filter freizusaugen endete in einem Debakel. Frustriert und aus Protest gegen meine eigene Unfähigkeit hatte ich den hässlichsten Stöpsel gekauft, den es gab. Jedenfalls wird man mit dem Alter ja weise und mein Impuls, jetzt irgendwas auseinanderzuschrauben, innovativ zu denken oder überhaupt die Initiative zu ergreifen, um den Pinsel wieder zu befreien, hielt sich in Grenzen. Es befindet sich jetzt also ein Pinsel irgendwo in unserem Abfluss und bis zur nächsten Verstopfung kommt diese Information nur als Aktennotiz auf die „Müsste man mal was machen“-Liste – gleich direkt unter das noch immer mit Tape zugeklebte Abflussrohr und das Fenster, das sich nicht mehr richtig schließen lässt.

Ich gebe zu, der Stöpsel wird keine Instagram-Karriere machen.

eBay Kleinanzeigen

Immerhin haben wir letztens den Elan gefunden, ein Bettgestell abzugeben, das seit Wochen hochkant das Schlafzimmer versperrte. Abgeben heißt ja heute eigentlich nur, motiviert genug zu sein, ein Foto und fünf Worte in eBay Kleinanzeigen zu posten. Und wenn man dann nicht das Pech hat und es steht ein schüchterner junger Typ im Flur, der fragt, ob man vielleicht auch gebrauchte Damenschuhe oder „was anderes getragenes, wo man drin schwitzt“, übrig habe, dann ist das auch alles sehr entspannt. Nur diesmal rief mich fraumierau an, was sie sonst nie macht, weil wir ja ungern telefonieren. Ich dachte also „Oho, die fraumierau ruft an, das muss aber wichtig sein!“ Und dann war sie dran und im Hintergrund so Endzeitstimmung. Ich müsse ihr helfen, so ginge es nicht weiter. Gleich käme jemand und wolle das Bett abholen, aber die Kinder hätten alle einen nervous breakdown und sich quasi schreiend ans Bettgestell gekettet. Sie würden flehen, dieses eine, heißgeliebte Bett, das seit Wochen nutzlos rumsteht und diverse kleine Zehnen bei nächtlichen Toilettengängen gebrochen hat, dieses müsste dableiben. Sie würden es nicht hergeben! Niemals! Während fraumierau das erzählen will, bricht sie in Lachen aus, weil manchmal wird einem ja erst bewusst, wie komisch etwas ist, wenn man es weitererzählt.

Die Schaukel

Das Bett kam jedenfalls weg und ich dachte so „Toll, endlich keine Schmerzen mehr nachts in der Dunkelheit“, aber da hatte ich vergessen, dass jeder Freiraum hier ja sofort zugebastelt werden muss. Leider haben wir jetzt eine Art Schaukel am Bett. Ich verstehe auch nicht, wieso. Auf meine Nachfrage, warum wir denn so eine halbe Schaukel am Bett bräuchten, teilte man mir mit, weil da jetzt eben Platz für sei. Meine freundliche Erkundigung, warum genau die Schaukel so schräg sei, brachte mir nur einen „bist Du wieder penibel“-Blick ein. Und irgendwas sagt mir, dass man sich da nachts richtig gemein dran verletzten kann. Ich werde dieses beleidigend schiefe Ding jedenfalls heimlich nachts abschrauben und entsorgen.

Läuse

Am selben Abend ging das nicht, denn er verlief anders als geplant. Ich dachte so, ich stehe dann nochmal auf, schraub alles ab, verstecke es und alle vergessen es. Doch leider waren fraumierau und ich schon wieder zu lang vor Netflix hängengeblieben und dann sagte sie beim Zähneputzen die magischen Worte „Es juckt so auf meinem Kopf“. Boah, ne, dachte ich. In der Kita hing schon so ein Scheiß „Wir haben Läuse!“ -Schild. Ja, Gratulation! Fünf Minuten später wusste ich „Wir jetzt auch!“. Doch das war ja nur der halbe Witz. In der Schule hingen nämlich auch Ringelröteln! Und Scharlach!-Schilder! And guess what: Wir hatten zu Hause Verdacht auf beides. Wenn schon, denn schon. Ich würde ja Schulen und Kitas einfach generell von der Seuchenschutzbehörde schließen lassen. Als Elter von Schul- und Kitakindern guckt man ja Zombiekalypse-Filme eher zur Entspannung. „Haha, nur ein Virus, lame!“

Nietzsche

Jedenfalls sind wir jetzt Level 2 Eltern, weil wir hatten Läusemittel auf Vorrat. Wir haben sonst nie was auf Vorrat – außer Mozzarella. Das hat die Kinder bei der Läusebehandlung ein Uhr morgens aber auch nicht milder gestimmt und mich auch nicht so richtig, weil so richtig Party ist das ja nicht mit der Sprühflasche in der Hand und maulenden Kindern und danach ist der Fußboden in der Wohnung immer so rutschig vom Öl-Aerosol (Disclaimer: Bitte hinterlassen Sie keinerlei Behandlungstipps in den Kommentar oder ich komme nachts zu Ihnen und lege Ihnen eine Laus aufs Kopfkissen). Am nächsten Tag habe ich wieder gemerkt, dass man für mindestens 24 Stunden Outlaw ist, wenn man zum Beispiel stolz verschlafen am Tresen im Café erzählt, dass man nachts eine Familien-Läusebehandlung durchgeführt hat. Ich glaube, man muss das immer in die Vergangenheit projizieren. Ausgenommen sind andere Eltern, denen das auch so ein bisschen scheißegal ist, weil sie gerade irgend eine andere Seuche bekämpft haben. Die Ringelröteln waren bei uns durch zu viel Googeln ja kurzzeitig auch die Krätze. Alter. Niemals, wirklich niemals Artikel über die Krätze lesen! Und vor allem keine Bilder angucken. Nietzsche schrieb „Gott ist tot“, nachdem er den Netdoktor-Artikel über die Krätze gelesen hat.

Hudern

Am Montag dann waren die kleinen jedenfalls noch krank und fraumierau sollte die Tochter in die Schule bringen und dann in einem Café an ihrem Buch schreiben. Weil ja normalerweise ich die Schultour mache, schlug ich vor, dass sie ja dann auch gleich das Frühstück machen, mich etwas länger schlafen und dann wecken könne. Vertauschte Rollen! Da war aber Jahrmarkt. Ob ich denn nicht wisse, wie sie sich nachts aufopfere! Sie würde schließlich die Kinder hudern! Wie jetzt, hudern, fragte ich. Was das denn sei. Na: HUDERN. Ich überlegte, wie man das schreibt. Hoodern? So Gangsta? Oder ob sie einen Schlaganfall hatte und etwas anderes sagen wollte? Ich musste es wissen, also googelte ich es trotz später Stunde

Ok, Ich bin ja der Meinung, dass hier jemand eh eine kleine Nummer mit Vögeln zu laufen hat. ABer Scherz beiseite. In Grimms Wörterbuch heißt es dazu:

Ich glaube, ich will jetzt auch mal gehudert werden. Und dann schreibe ich ein Huder-Blog, veröffentliche ein Huder-Buch, zwei Huder-Zeitschriften, einen Kalender und mache einen Youtube-Kanal. Scheiß doch auf hygge.

Bis bald, meine Küken!

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Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

9 Kommentare

Sag auch noch was · 23. Januar 2018 um 0:35

Gerne gelesen, wie immer! Ringelröteln und Läuse waren hier auch zu Gast. Die Röteln sind laut Münchner Kinderarzt mit auftreten des Ausschlags nicht mehr ansteckend, so dass das Läuse freie Kind mit Ringel deutlich sichtbar im Gesicht in der Schule ihren Spaß hatte…

Nicole · 23. Januar 2018 um 20:01

ich lache aktuell nicht so viel, dafür aber den kompletten text durch. sehr herzlichen dank!

michael · 23. Januar 2018 um 21:16

lustig das es oft um Läuse geht, bei uns hat der kleine gerade Läuse und die ganze Familie kratzt sich schon wieder 😉 Hudern wir halt mal ein wenig …

hugo · 24. Januar 2018 um 8:04

neue domain für die frau anmelden: gehudert-wachsen / geborgen-hudern

Mera · 8. Februar 2018 um 21:31

Oh Gott (sic!), Krätze … davon haben wir zu den Feiertagen eine unangenehme-wahre- Geschichte gehört. Alleine das reicht, nicht gut schlafen zu können ☠️

Hudern - Über den Wert des Kuschelns im Elternbett - Geborgen Wachsen · 23. Januar 2018 um 21:23

[…] sie Nacht für Nacht erfahren, wenn sie es brauchen. Heute, so viele Jahre nach meiner Kindheit, blickte ich lachend mit meinem Mann auf ein Wort, dessen Bedeutung ich nie in einem anderen Zusammenhang gesehen hatte als dieses Kuscheln am Abend. […]

Über beleidigte Holzwürmer, fehlgeschlagene Gesichtserkennung und Nein! - vier plus eins · 29. Januar 2018 um 23:10

[…] kommen wir zu den guten Nachrichten: Das mit den Läusen, das uns ja letzte Woche mal wieder getroffen hatte, muss gar nicht so schlimm sein. In Berlin gibt es nämlich einen Läuse-Laden. Oder besser: einen […]

Über Urlaub mit Kita-Eltern, Ostereier aussaugen und die Vorteile von Grippe - vier plus eins · 19. März 2018 um 23:25

[…] ihrem kurzen strengen Blick nach eine ziemlich blöde Frage war. Mein Hinweis, dass mein Versuch, den verstopften Abfluss mit dem Staubsauger auszusaugen mir bis heute nachgetragen wird, und damit vielleicht kein gutes Omen für das osterliche Aussaugen von Eiern sei, wurde mit „Du […]

Über Redeverbot, Kartenprobleme, Krätze und strategische Entspannung - vier plus eins · 29. Oktober 2018 um 23:37

[…] wissen wolltest. Dabei erschreckt mich dieses Thema nun durchschnittlich einmal pro Jahr (siehe hier und hier). Jedenfalls ist die erste Reaktion bei so einer Mail, ein leichter Hass auf Datenschutz, […]

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