Über Redeverbot, Kartenprobleme, Krätze und strategische Entspannung

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Schweigen

Er würde mit mir reden, unterbricht mich der Babysohn mit deutlichen Worten. Wir sind auf einer längeren Autofahrt und jeder meiner Versuche, mit fraumierau ein paar Sätze zu wechseln, scheitert. Er würde mit mir reden und ich solle nicht mit Mama reden, wiederholt er von der Rückbank seine Forderung. Überhaupt, solle ich mit niemandem reden. Ok, sage ich und warte. Bäume auf der Landstraße ziehen vorbei. Es bleibt still im Auto. Was er mir denn sagen wolle, frage ich nach. Ja, er rede mit mir, bestätigt er. Aber er sage doch gar nichts, wende ich ein. Doch. Dochdoch. Wieder ist es still. Wir könnten es ja so machen, breche ich das Schweigen, dass ich einfach mit Mama weiterrede, bis er etwas zu sagen hätte? Nein, das wolle er nicht. Er rede ja schließlich mit mir. Wieder warte ich. Wieder bleibt es still. Ob ich richtig verstanden hätte, dass er mit mir reden wolle, aber gerade nichts zu sagen habe und ich auch nicht mit anderen sprechen dürfe, weil er vielleicht etwas sagen wolle? Doch, antwortet er unsicher. Oder nein. Er rede mit mir! Gut, denke ich, genieße ich die Stille. Hat man ja auch selten. Betretenes Schweigen im Auto. Ich erinnere mich daran, wie mir fraumierau mal irgendwas mit Kampf um Ressourcen bei Kindern erzählen wollte und ich nicht verstand, was diese Ressourcen sein sollen. Jetzt weiß ich es, weil ich selber eine bin. Ein bisschen ehrt es einen ja. Nur wäre ja so ein Gespräch mit der Beifahrerin auch nicht von schlechten Eltern.

Kartenprobleme

Zumal wir in der letzten Zeit Navigationsprobleme haben. Je schlechter das Gelände, desto weniger wahrscheinlich gehen unsere Routen-Apps auf den Telefonen. In einem Anflug von Verzweiflung habe ich eine Deutschlandkarte gekauft und ins Handschuhfach gelegt. Als wir uns mal wieder in einem „fahren sie hier lang, voll die Abkürzung!“-Wald verirrt hatten und die Karte auf dem iPhone sich drehte, bat ich um Kartenhilfe. Das große Büchlein raschelte neben mir und ich gab meine Gedanken durch. Dass wir ja wahrscheinlich nach links müssten und dann wahrscheinlich nach rechts und dass das Dorf hier soundso hieße. Vom Nebenplatz hieß es immer nur „ja“ und „hmm… ok“ und „ja“ und ich fühlte, das alles gut wird. Bis fraumierau zugab, dass sie eigentlich überhaupt keine Ahnung hätte, wie das mit dem Kartenlesen ginge und sie die letzte Viertelstunde einfach nur allem zugestimmt hätte, damit ich sie gefälligst in Ruhe lasse. Aber sie freue sich, dass sie mir ein gutes Selbstwertgefühl vermittelt hätte und man sehe ja, ich hätte es auch so geschafft. Warum sie mir das nicht alles vorm Kaufen der Karte mitgeteilt hätte, frage ich. Liebevoll lächelnd zuckt sie mit den Schultern und dreht sich weg.

Krätze

So ein bisschen Verirren ist ja vielleicht auch nicht übel, denn zu Hause ist es auch nicht besser. Gerade kam eine E-Mail rein, dass es im Kindergarten die Krätze gibt. Die Krätze gehörte zu den Erkrankungen, die ich bis zu dem Punkt, an dem unsere Kinder in Kitas gingen, für ein geflügeltes Wort gehalten habe. Die Krätze haben – das klang zu fies, um echt zu sein. Und dann lernst Du, dass es die wirklich gibt und dass Du das eigentlich gar nicht wissen wolltest. Dabei erschreckt mich dieses Thema nun durchschnittlich einmal pro Jahr (siehe hier und hier). Jedenfalls ist die erste Reaktion bei so einer Mail, ein leichter Hass auf Datenschutz, weil man natürlich genau wissen will, welches verlotterte Kind (Es sind immer die anderen!) das nun wieder angeschleppt hat, damit man ein wenig eine Hasskappe auf die Eltern schieben kann (Die sind auf jeden Fall Schuld!), und die nächsten Wochen die Straßenseite wechseln kann. Leider bleibt es bei einem allgemeinen „es ist ein Fall von Krätze aufgetreten“, der Rest bleibt der Phantasie überlassen. Na, dann kann man ja auch einfach mal ein paar Tage Kita-Urlaub anmelden. Ganz anders übrigens als bei einer Schule, wo man trotz der rituellen „Es gibt Läuse in der 3A“, „In der 2B gibt es Scharlach“ und „Hand Mund Fuß in 3C!“-Schilder am Eingang sein Kind dennoch täglich abliefern muss.

Entspann Dich!

Als wir jedenfalls von unserer Auto-Odyssee endlich zurück sind, nutze ich die Gelegenheit, zu betonen, wie anstrengend das nun alles war und ich wirklich mal aufs Sofa müsse. Allein. Diese Momente sind ja selten akzeptiert, denn in der Regel wird man als Elter auf einem Sofa sofort selber zu einer Matratze. Im besten Fall zum Kuscheln, im Schlechtesten zum Draufherumspringen. Die Kinder jedoch nicken überraschend verständnisvoll, besänftigen mich und erklären, ich solle mir keine Gedanken machen, sie würden sich um mich kümmern. Ich solle mir nur schon mal Schuhe und Socken ausziehen. Ich bin zu verwirrt, um ein angebrachtes Misstrauen zu entwickeln, setze mich aufs Sofa und lasse geschehen. Es wird getuschelt, gekichert, Schüsseln werden angeschleppt, Flüssigkeiten und Fläschchen getragen. Man werde mir jetzt ein Fußbad machen, erklärt man mir. Als das Wasser eingegossen wird, erahne ich am Geruch, dass mein einziges Kosmetika – ein Fläschchen unverschämt teures Öl – soeben komplett ins Wasser entleert wurde. Ist ja für den guten Zweck, rede ich mir beschwichtigend zu. Gleichzeitig werden meine Füße in eine Schüssel dirigiert. Diese ist viel zu klein, die Verdrängung setzt den Fußboden komplett unter Wasser. Das ist auch gut so, denn so umgibt weniger viel zu heißes Wasser meine Füße. Ich beiße kurz die Zähne zusammen, bedanke mich und frage, ob wir fertig seien. Ich müsse dann auch noch was machen. Neinnein, sie hätten doch erst angefangen, jubeln sie. Es gäbe noch eine Nackenmassage und dann hätten sie beschlossen, dass sie mich mit einem Film, den sie aussuchen überraschen würden! Papa-Kino! Ich könne ja einfach auf dem Sofa bleiben und schonmal Netflix anmachen. Ich müsste ihnen dann nur kurz helfen, Popcorn zu machen. Irgendwo sind wir gerade falsch abgebogen, überlege ich. Aber was solls. Dann eben verbranntes Popcorn und Bibi und Tina. Selbst das ist besser als die Krätze.

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Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

7 Kommentare

Klara · 30. Oktober 2018 um 8:09

Wir bekamen auch mal einen Anruf: „Ach ja, haben wir bei unserem Besuch heute Nachmittag ganz vergessen zu erwähnen: Wir haben die Krätze.“ – Danke. Seit dem darauf folgenden leicht hysterischen Gespräch mit einem Arzt weiß ich, dass die Krätze etwa so häufig vorkommt und behandelbar ist wie Läuse. Also eher ein Grund die betroffenen Eltern (nach Abschluss der Behandlung!) mal in den Arm zu nehmen.

    leitmedium · 30. Oktober 2018 um 8:12

    Und nach mehreren Monaten Übergangszeit! =)

      Klara · 30. Oktober 2018 um 8:26

      Und mit Handschuhen.

        Yani · 30. Oktober 2018 um 9:06

        Oder eine mitfühlende Postkarte schreiben …

Angi · 30. Oktober 2018 um 10:10

Danke für die wöchentliche Erheiterung! Bekommst du vom Holger mit dem aufgeknöpften Hemd am Anfang und dem Orange-Stich des ganzen Films auch Angst? 😀

vierpluseins: Kindergartenkrankheiten und sonstiger Familienwahnsinn - Geborgen Wachsen · 30. Oktober 2018 um 8:57

[…] Immer montags schreibt Herr Mierau über das bindungsorientierte Familienleben aus seiner Sicht – und bringt da viel Humor mit. Dieses Mal geht es um Krätze, verbrannte Füße und Navigation hier. […]

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