Klappernde Reiskocher, ein Schreck, (k)ein Geheimnis, Lautstärke und Gilmore Girls

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Dass ich Telefonieren nicht so richtig mag, sollte mittlerweile schon die Tagesschau berichtet haben. Aber in der Familie ist das ja wichtig mit den Telefonaten. Weil man sich schnell wichtige Sachen sagen muss und so. Also zum Beispiel, wenn der Sohn anruft und mitteilt, dass das Telefon zu leise ist. Diese Woche gab es wieder drei Telefonate, die ich festhalten muss.

Anruf 1: Der Reiskocher

Tradition haben hier „Etwas ist kaputt gegangen!“-Anrufe. Eigentlich wäre es an manchen Tagen einfacher, nur kurz mitzuteilen, welche Teile der Wohnung noch stehen. Doch diesmal waren es nicht die Kinder, die alles in Schutt und Asche gelegt haben (Unser Waschbecken ist übrigens noch heile!). fraumierau rief etwas leise an und versuchte, in sachlichem Ton vorzutragen, dass der Reiskocher defekt sei. An dieser Stelle ist es immer wichtig, mir die Schuld zuzuweisen. Das haben wir im Ehevertrag so geregelt, denn so muss nie gestritten werden, wer schuld ist. Das spart viel Zeit und nerven. Die Frage war nur, wie ich in meiner Abwesenheit den Reiskocher, eigens angeschafft, um den Wunsch der Tochter, nicht mehr an der Schulspeisung teilnehmen zu müssen, maschinell zu unterstützen, … wo war ich? … Also jedenfalls: Wie konnte ich nun schuld sein trotz Abwesenheit? Das ist einfach. Der Reiskocher hat eine Kochschale, in die Reis und Wasser reinkommen. So die Theorie. Diesmal jedoch hatte ich den unverzeihlichen Fehler begangen, die Schale zwecks Reinigung in den Geschirrspüler zu tun. Sowas macht man ja auch nicht, ohne vorher per Rundbrief die Wartungsarbeit anzukündigen. Also landeten Reis und Wasser direkt im Kocher und sickerten fröhlich durchs Gerät. Der klingt jetzt wie ein mit Smarties gefüllter Weihnachtsmann, wenn man ihn schüttelt. Ich überlege, ob ich versuchen soll, ihn aufzuschrauben, oder ob danach alles noch schlimmer ist. Seit ich als Fünfjähriger einmal einen Wecker durch Auf- und wieder Zuschrauben repariert habe, sind sehr sehr viele zu Bruch gegangen durch meine „Das kriege ich hin“-Versuche. Wenn Ihr mich mit einem Schraubenzieher seht, sucht einfach das Weite.

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Update: Zum Reiskocher wurde mir gerade noch mitgeteilt, dass fraumierau ja so müde war (in diesem Fall wegen der Kinder – an denen bin ich ja auch schuld) und weil sie nichts sehen konnte, weil sie keine Zeit hätte, sich neue Kontaktlinsen zu besorgen (Grund: siehe weiter oben).

Anruf 2: Großmama

Der zweite Anruf ereilte gar nicht mich, sondern die Großmama. Morgens um sieben teilt der Sohn (4) en passant mit, er müsse jetzt telefonieren. Ich denke noch so „Ach wie süß, seine Telefonspiele“. Fünf Minuten später gehe ich am Kinderzimmer vorbei, sehe ihn mit einem Telefon in der Hand. Er sieht mich mit leicht genervtem Gesichtsausdruck an, und schiebt mit dem Fuß die Tür zu. Äh. „Er telefoniert mit Deiner Mutter“, kommentiert fraumierau. Eine Viertelstunde später kommt er aus dem Zimmer, steckt das Telefon in die Ladeschale und setzt sich kommentarlos an den Frühstückstisch. Was da jetzt besprochen wurde, weiß ich bis heute nicht. What happened in Festnetz, stays in Festnetz.

Anruf 3: Das Kind ist weg

Anruf 3. Der Anruf, vor dem ich mich immer gefürchtet habe. fraumierau aufgelöst um die Mittagszeit: Die Tochter sei nicht mehr in der Schule. Einfach weg. Das ist die Situation, in der kurz ein Ozean über einem zusammenbricht und man gar nicht weiß, was man tun soll. Die Tochter jedenfalls hatte niemandem zum Abholen vorgefunden (sie war zu früh) und entschied dann, eben nach Hause zu gehen. So als freundliche Überraschung. Das erste Mal. Unangekündigt. Multiple Herzinfarkte in der Familie.  Jetzt ist auch dieses Erlebnis geschafft. Irgendwann erzähle ich Euch, wie ich als Fünfjähriger nachts allein durch Berlin geirrt bin. Vorher solltet Ihr Euch aber setzen. Jedenfalls konnte ich den Impuls, als Kind das Richtige tun zu wollen, aber genau das Falsche zu machen, nachempfinden. Habe ich auch schon gemacht. Muss man drüber sprechen. Und dann hoffentlich nie wieder (klopft auf Holz).

Adventskalendergeheimnisse

Am Samstag habe ich versucht, heimlich Zutaten für einen Adventskalender für fraumierau zu kaufen. Das lief so: Ich nehme den Sohn und gehe mit ihm in den Schokoladenladen. Damit er ruhig bleibt, darf er sich in eine Sache aussuchen. Damit seine Schwester später nicht ausflippt, soll er davon zwei nehmen. Mit steigender Kinderzahl kauft man ja immer alles mehrfach.  Während der Sohn mit der Auswahl beschäftigt ist, packe ich Körbe voll mit Schokoladenteilchen. Es gibt da sehr konkrete Vorstellungen von fraumierau, was gut ist und es ist eine Wissenschaft, nicht die falsche Schokolade zu greifen. Schon während des Bezahlens erkläre ich dem Sohn, dass das jetzt ganz geheim war und er nichts erzählen darf. Ja, klar, überhaupt kein Problem. Seine Lippen seien verschlossen. Geheimnisse fände er ganz toll. Eine Stunde später kommen wir zu Hause an, ich schließe die Tür auf, der Sohn stürmt in die Wohnung und brüllt „MAMA, PAPA WAR IM SCHOKOLADENLADEN UND HAT KLEINE ÜBERRASCHUNGEN FÜR DEINEN KALENDER GEKAUFT!“. Der Trick ist ja, mit Kindern Geheimnisse zu üben, bei denen man eigentlich schon erwartet, dass es nicht klappt. Das Geheimnis mit den Knisterschokoladen ist übrigens auch aufgeflogen. Ich glaube manchmal, sie liest heimlich mein Blog.

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Du bist zu laut

Überhaupt wurde viel kommuniziert diese Woche. Auch untereinander. Ich stehe einigermaßen ratlos da, wenn die Kinder sich gegenseitig mitteilen, dass sie sich gerade etwas zu laut fänden. Dann will ich mich kurz wie in der Schule melden und anmerken, dass ich ja auch … also gelegentlich … schon vorgetragen hätte, dass es vielleicht doch ein wenig leiser ginge? Aber das zählt offenbar nicht, im Gegensatz zum Kinder-internen Lautstärkegipfel, wo das Thema Geräuschbelästigungen sehr ernst genommen wird. Unser Nachbar von unten hat letztens einen Brief geschrieben und uns gefragt, ob er uns einen Teppich kaufen könne. So für die ganze Wohnung. Er verstünde das mit den Kindern (es war wirklich freundlich geschrieben), aber es sei doch gelegentlich … also morgens um sieben würde er doch schlafen wollen. Gerade kam noch ein Brief, dass er jetzt in der Küche schläft und ob wir nicht den Wäschetrockner nur tagsüber laufen lassen können. Klar, können wir. Man ahnt ja nicht, dass jemand in der Küche drunter schläft. Nur zur Entschärfung: Die Kinder schlafen von zwanzig bis sieben Uhr morgens. Elf Stunden ist also ruhig. Wenn dann aber verschiedene Tagesrhythmen aufeinander prallen, wird es knifflig. Wir geben unser Bestes, aber ich will auch nicht unter mir wohnen.

Gilmore Girls

Abends, da haben fraumierau und ich so ein Fernguck-Ritual. Ok, man müsste es heutzutage eher Netflix-Ritual nennen. Endlich konnten wir die neuen Folgen Gilmore Girls gucken, nur ging das wie immer nicht so richtig. Bei Folge eins krabbelte kurz vor Mitternacht der Babysohn quietschvergnügt durchs Wohnzimmer. Bei Folge zwei fiel seinen Geschwistern nachts permanent auf, dass sie etwas bräuchten. Wasser, frische Luft, oder einfach eine Reaktion. Und bei den anderen beiden Folgen ist fraumierau nach gefühlten zehn Sekunden eingeschlafen. Ihr neuer Rekord ist es, nach Ende der Folge aufzuwachen, mich zu fragen, was passiert sei. Ich erkläre es. Fünf Minuten später wacht sie wieder auf und fragt mich nochmal, was passiert sei. Die Erklärung von vorher war nicht zum Bewusstsein durchgedrungen. Ich habe ja die Vermutung, sie benutzt meine Stimme einfach als Einschlafhilfe. Deswegen fragt sie nachts manchmal noch ganz komplizierte Sachen. Dann erzähle ich etwas und dann ist es plötzlich so still.

Kisten, Kisten, Kisten

Was ansonsten passiert ist diese Woche, könnte ich in einem Bild ausdrücken: Ich sitze zwischen Kisten. Vor mir stehen 25 riesige Kisten und hinter mir auch, dann noch ein Schwerlastregal und lauter weitere Kartons. Das war mal das Büro. So ein stiller Rückzugsort. Früher. Die meisten Lieferungen der Erstlingsbox kamen fast alle am Samstag. Die Paketboten hassen uns jetzt alle ein wenig. Die Kartons wurden vom Kartonmacher selber gebracht. So 100 Kartons hochtragen ist ja auch ein bisschen ätzend. Aber schlimmer noch ist es, 100 Kartons aufzubauen. Weil fraumierau ja Gespür für Dramaturgie hat, hat sie erst tapfer 96 Kisten zusammengefaltet und ist sie danach kurz umgefallen. Das macht sie immer, wenn es alles ein bisschen viel war. Dann geht es so: plums. Ja, waren wir schon damit beim Arzt. Niedriger Blutdruck und so. Bitte keine Arzt-Tipps! Jedenfalls erschrecken wir uns immer drüber und dann lachen wir doch. Ich muss nochmal aufschreiben, wie ich sie mal mit Skype überwachen musste, als es ein wenig akuter war.

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Aber um bei den Kisten zu bleiben: Ein gewisser leitmedium war diese Woche so schlau und hat die Excel-Tabellen für den Versand von Crowdfunding-Dankeschöns vertauscht und Rucksäcke an Menschen geschickt, die eigentlich Bücher bestellt haben. Ihr könnt Euch gar nicht das Gefühl vorstellen, wenn man merkt, was man falsch gemacht hat. Es geht in die Top 3 meiner peinlichsten Momente ein. Und es ist nicht leicht gewesen, reinzukommen.

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Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

11 Kommentare

Sandra · 28. November 2016 um 23:49

Ihr Mieraus seid der Knaller! So viel Humor über den alltäglichen Wahnsinn tut unheimlich gut. Ich musste aufpassen nicht zu doll zu lachen mit schlafendem Kind neben mir.

    beate · 29. November 2016 um 12:01

    das finde ich auch! Die Mieraus sind die besten!

J. · 29. November 2016 um 8:46

Ach danke , hab mal wieder herzlich gelacht. Ich find ja persönlich besonders witzig , wie unterschiedlich ihr das immer darstellt. Schreibt doch mal ein Buch gemeinsam, euer Alltag gibt ja anscheinend genug Stoff dafür her. Ich würd’s kaufen und wenn ich dann anstelle des Buchs einen Rucksack geschickt bekäme …

Sandra · 29. November 2016 um 10:40

Ach wie schön 🙂 unsere Nachbarin unter uns hat uns mal nebem einem auch sehr netten Brief Filzpantoffeln für die ganze Familie gebracht… sie wüsste gar nicht mehr, in welchem Zimmer sie schlafen soll, weil wir ab 6 Uhr morgens durch unsere Wohnung laufen.
Ein paar Wochen später hat sie uns sogar einen Wohnungstausch angeboten.

Ist schon doof – aber nicht zu ändern – es sein denn wir könnten fliegen 😉

Leni · 29. November 2016 um 11:56

Herrlich, Danke, ich hab auch herzhaft gelacht 🙂

Nadine · 29. November 2016 um 15:33

Hab ich also richtig zwischen Instagram-Zeilen von fraumiereau gelesen, dass die Rucksäcke mehr ein Logistikfehler waren als eine kleine Aufmerksamkeit ;o)
Ich habe mich trotzdem sehr darüber gefreut!

    leitmedium · 29. November 2016 um 15:37

    Ja, das hast Du. Wir haben einfach eine Aufmerksamkeit draus gemacht, statt jetzt irgendwelche Hin- und Hersende-Orgien zu veranstalten. So habt Ihr Euch gefreut und ich mich kurz über mich selbst geärgert. Fairer Tausch 🙂

Kati · 4. Dezember 2016 um 2:56

Ach ihr Mieraus ❤️️❤️️❤️️! Danke wieder für die herzhaften Lachanfälle…..ich wäre definitiv eine Buchkäuferin!

Kathrin · 8. Dezember 2016 um 15:03

Wir haben solche Nachbarn über uns wohnen, die laufen, laufen und laufen… Ein älteres Ehepaar manchmal die Enkel zu Besuch, aber die Lauforgien fallen mir immer auf, wenn ich ab ca. 19:30 Uhr unsere Kinder einschlafbegleite. Da laufen sie unablässig über unserem Schlafzimmer herum, ins Wohnzimmer, die Türen klappen und ins Bad… Es beflügelt sehr meine Fantasie, wenn ich mir die Gründe ausmale, manchmal muss ich kichern… 20:30 Uhr ist dann Ruhe oben. Irgendwann frage ich sie mal ;-)!

7 von 12 sind nicht 12 von 12 aber immerhin - vier plus eins · 12. März 2017 um 22:20

[…] Hausschuhen anforderdeten, das Zimmer fegten und den Boden mit einer Taschenlampe absuchten. Aber seitdem der Geschirrspüler umgefallen ist, haben wir das Thema Scherben einfach durchgespielt. Ich bin nur immer mal wieder genervt davon, […]

Über Kinderflohmärkte, alte Telefone, Waschsalons, Tofu auf dem Land und Tenials mit nervous breakdowns - vier plus eins · 13. Juni 2017 um 9:03

[…] riesigen Trockner. Tatsächlich trocknen die und laufen nicht wie unserer eine halben Nacht, bis der Nachbar verzweifelte Briefe schreibt, weil er nicht mehr in der Küche schlafen kann. Er ist übrigens mittlerweile ausgezogen und hat […]

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