Kinder und Scherben, oder: Was wirklich zählt

Veröffentlicht von leitmedium am

Klirr. Wie oft ich das Geräusch höre. Es ist Teil des Familienalltags. Oft sind es nur kaum erwähnenswerte Geschirrteile, die in tausend Stücke zerspringen. Doch nicht selten sind es auch Dinge, an denen man emotional hängt oder auf die man ungern verzichtet. Denke ich nur an die letzte Zeit, fallen mir ein iPad, zwei Waschbecken und ein Salzstreuer ein:

Das iPad

Ich nenne es nur noch „das arme iPad“. Es wurde zur mobilen Hörspiel-Station ernannt, leistet darin sehr gute Arbeit und muss als Dank seitdem so einiges über sich ergehen lassen. Besonders oft fliegt es. Vom Tisch, von der Waschmaschine, vom Hochbett – oder einfach aus der Hand. Einmal ist das Display so gesplittert, dass sich eine gefährliche Menge kleiner Glassplitter ansammelte und ich mit dem Staubsauger Ersthilfe leisten musste. Irgendwie vergisst man, dass die Oberfläche wirklich aus Glas ist, bis ein Splitter im eigenen Finger steckt. Aua. Ein Glaswechsel für ein altes iPad kostet um die einhundert Euro. Doppelt aua.

Gerade erst ist es wieder einmal runtergefallen. Diesmal hat es zur Abwechslung nicht das Glas erwischt, sondern der Lautstärkeregler war so eingedrückt, dass jegliche Abspielversuche mit vorwurfsvoller Lautlosigkeit quittiert wurden. Mit Fingerspitzengefühl und knirschendem Glasdisplay konnte ich es etwas zurückdrücken. Jetzt gibt es keine dauerhafte Stille mehr. Da die Knöpfe aber weiterhin nicht funktionieren, kann man die Lautstärke nur noch auf dem Display einstellen. Geht ja auch, wirkt etwas postapokalyptisch und die Kinder lernen, wie man mit technischen Problemen umgehen kann. Immerhin.

Der Salzstreuer

Aus meinem Elternhaus habe ich kaum etwas mitgenommen. Wir hatten ja nichts. Eins der wenigen Stücke war dieser kleine Salzstreuer aus Glas. Er war nicht besonders schön, aber er war immer da, seit ich denken kann. Bis letzte Woche. Es sieht schön aus, wenn Glasscherben und Salz sich vermengen. Leider war der Boden zu vollgekrümelt für ein hübsches Abschiedsfoto. Nicht mal das ist geblieben. Wenn ich auf einem Flohmarkt einen gleich aussehenden finde, werde ich ihn kaufen und einfach vergessen, dass er nicht der „echte“ ist. Falls Ihr mal bei uns zu Besuch seid, tut bitte so, als wüsstet Ihr das nicht.

Das Waschbecken

Unser Top-Versicherungsfall. Nicht nur einmal, nein zweimal mussten wir unserer Versicherung ein Loch im Waschbecken melden. Wie das da reinkommt? Es gibt verschiedene Erklärungsversuche. Einer lautet: Fällt ein schwerer Zahnputzbecher einem Kind aus der Hand, das auf der Waschmaschine neben dem Waschbecken sitzt, und kommt ungünstig auf, gibt es einen Riss im Becken und wenig später ein Loch. War das verständlich? Laut Versicherung nicht so richtig. Ist übrigens ziemlich eklig, wenn man das nicht schnell reparieren lässt, denn dann läuft das Waschbecken von innen mit (benutztem!) Wasser voll. Hat man was zu erklären, wenn mal Besuch kommt und vielleicht ein paar neue Mitbewohner. Oder man klebt es ab. Dann hat man auch was zu erklären. Nur eben was anderes.

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Noch mehr zu erklären hat man aber der Versicherung, wenn man das zweite Mal ein Waschbecken mit Loch meldet. Leichtes Unverständnis, wie das Loch nun einmal und dann noch ein zweites Mal reingekommen ist. Ein Waschbeckenwechsel kostet 200 Euro. Die Versicherung teilte uns mit, dass sie es bevorzugt, eher große Schäden zu regulieren als mehrere kleine. Aha. Wir arbeiten dran!

Prioritäten

Bei all der Trauer um Dinge, die kaputt gehen, ist eines immer wichtiger: dass niemand zu schaden kommt. Höre ich es klirren, denke ich schon lange nicht mehr „Oh nein, was war das?“, sondern „Hoffentlich hat sich niemand verletzt“. Im Kühlschrank lagern unzählige Kühlkissen und wir haben einen Erste Hilfe Kasten für Kitas. Profiding. Es ist gut, dass die Nothilfen da sind, aber es ist noch besser, wenn sie nicht benötigt werden. Kinder haben mir Dinge weniger wichtig gemacht. Was früher ein trauriges Abschiednehmen von Gegenständen war, ist dem warmen Gefühl gewichen, dass die Menschen um einen herum wichtiger sind.

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Ich erinnere mich an eine Situation, in der ich als nicht-mehr-so-ganz-Kind ein letztes Mal die andere Perspektive erlebte: Ich war bei einem Verwandten zu Besuch und hatte gerade frisch meinen Führerschein. Es wurde abends und ich musste noch zu meinem Schlafplatz. Taxi? Nein, er bot mir sein Auto ein. Was war ich aufgeregt. Ein echtes Auto! In der Fremde! „Aber was, wenn ich einen Unfall baue und das Auto beschädige?“ fragte ich. „Hauptsache, Dir passiert nichts“, antwortete. Natürlich. Wie sehr er Recht hatte.

Ich habe diesen Satz übernommen. Es ist das, was ich aus den vielen Scherben gelernt habe. Jetzt gehe ich nochmal im Bad saugen. Glas auf Fliesen splittert wirklich gemein.

p.s.: Das klingt jetzt unglaubwürdig, aber nachdem ich diesen Post heute morgen fertig gestellt hatte sind kaputt gegangen: ein Eierbecher, ein Teller und das Schutzglas eines kleines Kinderofens.

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Kategorien: Allgemein

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Parteiloser Postprivatier.

8 Kommentare

Maike Siemen · 12. September 2016 um 1:32

schön…, wunderbar wenn es anderen Eltern ähnlich ergeht.
Es gibt hin und wieder auch dieses Momente wo ein Kind im Nachhinein betrachtet der Mami eine Freude bereiten wollte und es sehr still werden kann. Achtung! Liebe Eltern dann ist es besonders gefährlich dem nicht nach zugehen.
Theo 2,3/4 also fast 3Jahre hörte wie seine Mutter am Telefon ihrer Freundin aus Hamburg ganz beiläufig mitteilte das ihr nächstes Laptop in weiß und von Appel sein sollte. Das Wort Appel konnte mein Sohn leider noch nicht umsetzen, dennoch den Rest, wozu hatte Mami auch die Penaten-Creme auf dem Badewannenrand stehen gelassen.Ein kleiner Handfeger aus seiner kleinen Puppenstube eignete sich hervorragend als Pinsel und sogleich wurde sich ans Tageswerk für Mamies neues weißes Laptop heran gemacht. Da diese Telefonate mit guten Freundinnen leider viel zu lange andauern, gab es den unvermeidlichen handwerklich einwandfreien Anstrich von klein Theo auf Mamies zum Glück zugeklappten Laptops.
Oh weh…., diese Freude war so groß das Ich als Betroffene kurz vor Schnappatmungen stand und mein Kind ins Kinderzimmer verbannen musste um nicht überreagieren zu müssen.
Puhhh! Geschafft……
Schreien hilft dann leider nicht mehr,…. aber ich habe es danach dennoch getan.
Danke für die schönen Illustrationen Ihrer Familie

Kalay · 13. September 2016 um 23:29

Herzerfrischend 😉

    Kalay · 13. September 2016 um 23:31

    ich habe nur „herzerfirschend“ geschrieben.

    „Dein Komentar muß noch moderiert werden“, habe ich nicht geschrieben;-)

    Mannomann, wird schon kompliziert, eh’s anfängt oder

Anja · 22. Dezember 2016 um 10:04

Hier eine Lösung für das Ipad-Problem: (Achtung, Werbung) kauft eine Toniebox! Die Erfinder kenne ich persönlich und in der Kita unserer Töchter ist sie der absolute Hit!

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[…] Sonntagmorgen. Die Nacht war viel zu kurz, das Baby hat schlecht geschlafen und nun Schnupfen. Oder doch die Zähne? Auf jeden Fall gab es nicht viel Schlaf für mich. Passend dazu gehen auch gleich ein paar Sachen zu Bruch – aber niemandem ist etwas passiert. […]

Klappernde Reiskocher, ein Schreck, (k)ein Geheimnis, Lautstärke und Gilmore Girls - vier plus eins · 28. November 2016 um 21:18

[…] haben hier „Etwas ist kaputt gegangen!“-Anrufe. Eigentlich wäre es an manchen Tagen einfacher, nur kurz mitzuteilen, welche Teile der Wohnung […]

Wochenende in Bildern 17./18. Dezember 2016 - Geborgen Wachsen · 18. Dezember 2016 um 21:04

[…] uns und den Kindern. Und der Geschirrspüler funktioniert auch noch. Mein Mann hat damit wohl den größten Glasscherbenberg seiner Scherbensammlung. Aber darüber schreibt er bestimmt noch […]

Über eine Menstruationstasse, das Waschbecken (mal wieder) und gesucht-gefunden-gesuchte Kontaktlinsen - vier plus eins · 1. Oktober 2018 um 23:24

[…] so viel Nutzung wundert es mich auch nicht, dass wir nun tatsächlich das dritte Mal einen Sprung im Waschbecken haben. Ich weiß auch gar nicht, wie ich das noch in ernsten Worten der […]

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