Über unmögliche Zahnfotos in nutzlosen Galerien

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Triggerwarnungsrätsel: ⚙️ – ?

Galeriefensterscheibenputzangst

Was es denn in diesem Geschäft zu kaufen gäbe, fragen die Kinder und drücken sich die Nase an der Scheibe platt. Wir stehen vor einer Galerie, in der an weiß getünchten Kalkwänden avantgardistische Schwarzweiß-Fotos hängen. Sanft schiebe ich die Kindernasen vom Fenster weg. Bei jeder Nase-an-Scheibe-Situation bekomme ich beim Gedanken daran, dass mir gleich jemand vorwurfsvoll Fensterputzmittel in die Hand drückt leichte Hitzewallungen, denn ich hasse Fensterputzen. Eine an einem minimalistischen Holzschreibtisch sitzende Galeristin wirft mir einen leicht missbilligenden Blick zu. Noch mehr als Fensterputzen hasse ich ja diese Blicke. Sanft schiebe ich die Kindernasen wieder zum Fenster und halte mich gerade noch davon ab, ihre Köpfe mit leicht kreisenden Bewegungen an der Scheibe entlanggleiten zu lassen.

Zahnfotos

Das hier jedenfalls sei eine Foto-Galerie, erkläre ich. Man könne hier die Fotos an den Wänden kaufen. Leichte Enttäuschung macht sich bei den Kindern breit. Als ich weitergehen will, zieht mich ein Kind überraschend Richtung Eingangstür. Das sei ja perfekt, platzt es aus ihm heraus, denn dann könnten wir ja jetzt das Zahn-Foto ausdrucken! Wie jetzt, Zahnfoto ausdrucken…?, hake ich nach. Na vom gestern ausgefallenen Zahn hätten wir doch ein Foto gemacht. Und weil es ja an dem Zahn wirklich sehr gehangen habe, ihn aber nicht mehr dauerhaft bei sich haben könne, hätte es gern ein ausgedrucktes Foto. Gegen die Sehnsucht! Aber man könne in der Galerie doch nur die Fotos kaufen, die an der Wand hängen, erkläre ich noch einmal. Aber das sei doch kein Problem, man könnte doch das Zahnfoto an die Wand hängen, werde ich gekidsplained. Kurz überlege ich, was das Kunstwerk „Zahn, ausgefallen, Berlin 2019“ wohl kosten würde. Im Begleittext stünde „Dieser Zahn symbolisiert nicht nur die Kraftlosigkeit der Gesellschaft, sondern verweist zugleich in einem dialektischen Moment auf den dem Ende inhärenten Neubeginn und spendet Mut in einer Zeit der Ungewissheit“. Ich erkläre, dass das mit dem Fotoausdrucken hier nicht ginge, weil auf bedrückend ordentlichen Schreibtisch aus wahrscheinlich ästhetischen Gründen ja nicht mal ein Drucker stehe. Etwas missbilligend begutachten die Kinder das ganz offensichtlich völlig nutzlose Geschäft und wir ziehen weiter.

„Wackel mal!“

Aber das Thema Zähne lässt uns nicht los. Ständig kommt ein Kind und vermeldet einen neuen Wackelzahn. Dann muss man immer in den Mund fassen und rumwackeln. Meistens merkt man nichts, nickt aber beeindruckt und sagt „oohoooo, das wackelt aber!“. Oder es wackelt doch schon sehr und es wird einem ein wenig blümerant, weil so richtig schön ist dieser frühe körperliche Verfall ja auch nicht. Also hofft man, dass es dann auch irgendwann vorbei ist, weil man muss bis dahin täglich den Zahnstatus wie in der Sportberichterstattung begleiten und ständig in Münder fassen. Morgens, mittags, abends, wobei der Babysohn natürlich auch der Meinung ist, mindestens drei Wackelzähne zu haben, die er zur leichten Stimmungshebung aber „Fackelfähne“ nennt.

Zahnfee im Dauerstress

Generelle Ausnahmen für den sonst erwünschten endgültigen Zahnausfall sind übrigens prinzipiell Sonntage, weil da kann die verplante Zahnfee nicht noch schnell ein Geschenk besorgen. Letztens habe ich ja geistesgegenwärtig Zahnfeegeschenke auf Vorrat besorgt und fühlte micht kurzzeitig wie ein Profi-Elter. Leider ist den Kindern dann auch gleich auf Vorrat das halbe Gebiss rausgefallen. Und so richtig erschließt sich mir der Zahnfee-Sinn noch immer nicht. Es gibt eine Fee, die alte und in der Regel ziemlich verstörend aussehende Zähne gegen Geschenke tauscht und mitnimmt? Was macht sie damit? Möchte man es mit einer Person zu tun haben, die Kinderzähne sammelt? Ich weiß ja nicht! Aber gut, immerhin sind die Zähne dann offiziell eingetauscht und die Kinder fummeln nicht mehr damit rum. Leider gibt es dann leicht schräge PartnerInnen, die die Zähne in Dosen sammeln – als Andenken. Setzt sich dann dreißig Jahre später jemand andächtig hin, rührt mit dem Finger in der Zahndose und ist denkt ergriffen an die schöne Zeit zurück? Ich glaube nicht. Aber solange ich nicht wieder Gefahr laufe, in der Kammer auf Zähne zu treten, bin ich zufrieden.

Mechanismus

Zahn hin oder her. Je mehr Zähne raus sind, desto früher ist diese Phase vorbei. Ich verstehe, dass die Kinder dann manchmal am Rad drehen und es auch hinter sich bringen wollen. Man erklärt ja dann gern lapidar, sie könnten es doch mit einem Bindfaden versuchen. Bisher habe ich solche Versuche für Kindergeschichten gehalten, die man gern erzählt, die aber einfach Unfug sind. Bis eines unserer Kind Ernst gemacht hat und sich aus einer Rolle Zahnseide einen zunächst noch belächelten Mechanismus baute, um wenig später glücklich aber leicht Blut überströmt Erfolg zu vermelden. Ich glaube, fraumierau ist kurz in Ohnmacht gefallen und ich habe beschlossen, es dann jetzt mal doch mit der Vasektomie zu machen, weil noch mal ca. zwei dutzend Zähne halte ich nervlich nicht mehr aus, fürchte ich.

Mein Leben. Meine Regie.

Letzteres Thema ist ja eher so ein Thema, wo man so unter Bros drüber flüstert. Vielleicht schreibe ich das noch einmal gesondert auf, denn schon das Erstgespräch letztens war ein Gesamtkunstwerk. Bis hin zum Werbespruch einer Praxis: »Mein Leben. Meine Regie. Vasektomie«. Werbung für Männer ist immer so … männlich!


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Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

12 Kommentare

Charlot · 2. April 2019 um 0:23

So, jetzt war es an der Zeit für den Kaffee. Wird der auch um 1:00 Ihr nachts getrunken? Ich jedenfalls genieße hier gerade die Stille während Mann und Kind 1 (20 Monate) schon selig schlummern. „Me-Time“ oder so. Ach, halt, nein – es kräht… Alles Liebe!

Neeva · 2. April 2019 um 6:29

Ach ja. Bei uns wird sehnsüchtig auf den ersten Wackelzahl gewartet. 🙂

Einen möglichst erheiternden Text über Vasektomie mit starker Betonung der Überlebenschancen könnte ich im übrigen gut gebrauchen. 🙂

Isa · 2. April 2019 um 6:36

Zum Thema Zahnfee empfehle ich das Buch Schweinsgalopp von Terry Pratchett (oder im englischen Original Hogfather).

    Lara_kinderreich · 3. April 2019 um 11:19

    Ich empfehle den Film „Die Hüter des Lichts“ 🙂

Isi · 2. April 2019 um 9:30

Mein Mann hats getan, auch nach drei Kindern.
Er lebt noch.

Pia · 2. April 2019 um 10:35

@Charlot

Hier Kaffee auch bevorzugt in Ruhe nach Mitternacht.
Alle die fragen „kannst du danach noch schlafen?“, haben offensichtlich keine zwei Kinder unter drei Jahren, oder Welpen …. oder überhaupt Kinder … oder die haben ihr Leben im Griff ??

Aless · 2. April 2019 um 11:03

Also hier wird auch diskutiert, ob man das so als Mann auf sich nehmen kann – HALLO? Ich hab 3 Kinder ausgetragen und geboren – da wird doch wohl mal ein kleiner Schnitt drin sein?
Also bitte, bitte, bitte ein Vasektomie-Text, der Lust macht, das Ganze selber zu erleben. 😉

Sabrina · 2. April 2019 um 12:49

Also meine Mutter hat tatsächlich alle Milchzähne von mir ? Mein Sohn fand sie letztens bei ihr im Schrank und da kamen wir dann doch etwas in Erklärungsnot ?‍♀️?

Ulla · 2. April 2019 um 14:50

?Hier im Schrank 3 Zahndosen, älteste Tochter 32….hab mal reingeschaut…sehr bröselig ?. Ansonsten interessiert die Zahndosen niemand, sie wollen sie beim Auszug auch nicht mitnehmen. Ich schau halt hin und wieder mit verklärtem Blick auf die Dosen…Hach, wo ist die Zeit geblieben ??

Nadine · 2. April 2019 um 15:12

Schau Mal der Fluch von darkness falls dann weiśt du was mit den Zähnen ( ohne Kinder bitte der ist gruselig). Lg

Susa · 2. April 2019 um 20:10

Ich bin der Zahnfee auch überdrüssig geworden, die ist mir zu unzuverlässig. Wie oft bin ich schon von Empörungsschreien geweckt worden, weil die Zahnfee mal wieder einen ausgefallenen Zahn übersehen hat und ich musste das dann ausbaden. Und teuer wird das bei vier Kindern irgendwann auch.
Inzwischen habe ich glaubhaft erklärt, die Zahnfee sammle nur Schneidezähne. Das macht dann immerhin nur 32 kleine Überraschungen.

Mrs. Huebi · 2. April 2019 um 21:31

Hier gabs nach meinem Kaiserschnitt zeitnah eine Vasektomie für den Mann und selbst er war der Meinung, dass ich das schlechtere Los gezogen habe.

Die Freiheit ohne Fortpflanzungsgedanken leben und lieben zu dürfen, hat wirklich was für sich. Daher absolute Empfehlung.

Und wird der mierauische Zahnverlust auch mit einer etwas unausgeglichenen Laune des Kindes flankiert? Hier wütet es ordentlich im Kind, bevor das Zähnchen seinen Abgang macht… Sowas wie die letzte Milchzahnrache.

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