Über autonomes Essen von glattem Müsli, eine Trampolinhalle und einen falsch abgezählten Geburtstag

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Glattes Müsli

Er wolle glattes Müsli. GLATTES. Missmutig stochert der Babysohn am Frühstückstisch in der gerade noch selbst zusammengestellten Müslischale herum. Was er denn mit „glattes Müsli“ meine, frage ich. Na eben glatt. Glahahatttt. Etwas ratlos schaue ich auf dem Tisch umher. Streng zeigt er auf die Schale seines Bruders. So glatt. Genau so glatt wolle er es. Seit der Babysohn in der Trotzphase ist, die ich hier aus politischen Gründen nur »Autonomiephase« nennen darf, ist nicht gut Kirschen essen mit ihm. Vor allem sollte man auf Konfliktgespräche verzichten. Dennoch taste ich mich mutig voran und erkläre, dass in der Schüssel seines Bruders ja Joghurt und nicht Müsli sei und es deswegen „glatt“ ist. Das sei ihm doch egal, es wäre eben glatter als sein Müsli und er wolle auch etwas Glattes essen. Innerlich seufzend gebe ich nach, nehme die Schüssel voller unglattem Müsli und gehe in die Küche. Meinen eigentlich liebevoll zubereiteten Cappuccino gebe ich auf. Mittlerweile ist er wahrscheinlich nur noch lauwarm, die Latte-Art zersetzt von Altersfurchen. Wie ich morgens noch dachte, ein entspanntes Frühstück zu haben…

Nein doch nicht

Nach kurzer Ratlosigkeit in der Küche tauche ich einen Pürierstab in die Müslischale. Es entsteht ein Blaubeer-violetter Einheitsbrei, der aussieht wie gefordert. Und ich war auch noch schlau genug, mit einem Tuch die Spritzer aufzufangen, um mir nicht das Hemd zu ruinieren. Meine MacGyver-Kindheit hat sich eben doch gelohnt. Für kurze Zeit gibt es versöhnliche Stimmung am Frühstückstisch. Ja, das sei glatt, werde ich bestätigt. Tag gerettet. Aber eigentlich hätte er gar keinen Hunger, falle ihm da ein. Ob er mich mit dem glatten Müsli füttern könne? Es sei sehr gut! Ich lehne dankend ab und will einen Schluck kalten Kaffee trinken, um wenigstens noch das Koffein mitzunehmen. Die spontan entstehenden „Warum willst Du nicht was ich will?!“-Falten auf der Stirn des Babysohns lassen erahnen, dass ich doch lieber einen Happen probieren sollte. Sofort. Ich lasse mir einen Löffel in den Mund schieben. Die Hälfte landet auf meinem T-Shirt. Ich lächle dankend. Er gluckst zufrieden. Alles erreicht für diesen Tag. Ich gehe das Hemd wechseln, mache mir einen neuen Cappuccino. Nichts, was eine Wasch- und eine Espressomaschine nicht lösen könnten.

Das Jumphouse

Unlösbarer war die Situation am folgenden Tag, als die Kinder entscheiden durften, was wir nachmittags gemeinsam am Kindergeburtstag unternehmen. Meine Vorstellung war so etwas wie ein Kindermuseum, Planetarium, vielleicht sogar Kino mit Popcorn? Stattdessen wurde das Jumphouse ausgesucht. Ausgerechnet. Das Jumphouse ist kurz gesagt eine Trampolinhalle. In der Langfassung ist es die Hölle auf Erden: Eine Halle mit Trampolinen, schreienden Kindern, balzenden Teenagern, ätzender Musik, verschwitzten Gesichtern, „Slushis“ aus Plastikmüllbergtrinkbechern und Preisen, als wollte man im Adlon einen Wochenurlaub buchen. Nur müsste man da nicht selber hüpfen. Leider scheiterte ich mit meinem Versuch, mich mit Übergewicht rauszureden. Nachdem ich die FAQ studierte, musste ich feststellen, dass ich nicht schwer genug bin, um – Ach wie schade! – direkt an der Tür abgewiesen zu werden. Nein, ich musste mir für drei Euro neon-orangene Stopperstocken Größe 46 kaufen und 90 Minuten leicht ängstlich auf einem Trampolin auf und ab springen und quer herumhüpfenden Kindern ausweichen. Immerhin schimpfte eines meiner Kinder ob „die nicht die Sicherheitsbestimmungen kennen würden“. Mein Baby! Besonders gut war ich bei dem Versuch, von einem Trampolin auf ein riesiges Luftkissen zu springen. Wenn man so dauerängstlich wie ich ist, stellt man in letzter Sekunde ja fest, dass man das eigentlich nicht will, verkrampft sich, und schafft es, sogar auf einem Luftkissen schmerzhaft aufzukommen, um dann wie ein Käfer auf dem Rücken unter den skeptischen Blicken einer Teenagerhorde an den Rand zu kriechen und sich daran zu erinnern, wie peinlich es einem als Teenie gewesen wäre. Und heute immernoch ist.

Innerlich bin ich der Typ der hinten auf dem Boden.

555 ist meine Nummer

Tatsächlich bin ich aber ohne bleibende Schäden davongekommen und die Frisur saß ja auch ganz gut. Ein paar Tage später hatten wir dann die Geburtstagsfeier mit Gastkindern und es war alles ganz hervorragend durchgeplant. Passend zum Thema „Weltraum“ gab es T-Shirts zum selbst als Raumanzug bemalen, Weltraum-Muffins, Specksteine zum „Asteroiden entdecken und bearbeiten“, usw. Und als dann alle Kinder auf dem Fußboden saßen, uns erwartungsvoll anblickten und fraumierau die T-Shirts verteilte, stockte sie kurz, wurde kreidebleich und begann, die Kinder durchzuzählen. Sie hätte sich da wohl vertan, flüsterte sie mir zu, und ein Kind vergessen. Es gäbe immer nur fünf statt sechs Sachen Ich glaube, sie wäre am liebsten in Ohnmacht gefallen und wäre ich nicht ein immer liebevoller Vater und Ehemann, hätte ich eventuell kurz die Situation genossen und eventuell hier und da die Zahl fünf im Gespräch einfließen lassen.  Weil das kann schon mal passieren, wenn man erst fünf vor zwölf die letzten Planungen macht. Das Ergebnis hätte man ja an fünf Fingern abzählen können. Dann muss sich auch niemand wie das fünfte Rad am Wagen fühlen. Aber immerhin: Nach einer Feier ist all das egal und man kann endlich mal alle Fünfe gerade sein lassen. Und ich habe jetzt auch eine Geschichte, wenn mal wieder meine Schwimmhallenverfehlung von letzter Woche nacherzählt wird.

Bevor ich wieder unter Koffeinentzug leide, könnt ihr mich auf einen Kaffee einladen. (Paypal-Link)

Noch Zeit, was zu hören? In der aktuellen Folge MKL spreche ich mit Patricia über das Thema Schlaf.

 

Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

6 Kommentare

Ina · 23. Oktober 2018 um 8:43

Ohja wie ich das kenne mit dem selbstbestimmten Essen und mit was man so manchmal alles gefüttert wird! Mir ist das auch schon passiert mit dem falsch gezählten Geburtstagsgästen, allerdings war dann eins krank, puhh Glück gehabt! Wie habt ihrs dann gelöst? Wenn ich die Zahl 5 sehe als Geburtstagsgäste, freue ich mich wieder nach Deutschland zu kommen, hier in Norwegen ist es so das grundsätzlich alle bzw. nur die Jungs oder Mädchen eingeladen werden(müssen) Gleichberechtigung und so! So war unsere Rekordgästezahl 50! Da hatten wir zum Glück ein ganzes Kulturhaus zur Verfügung und haben ein Kinogeburtstag gemacht. Aber sonst liegen die Zahlen der Gäste durchschnittlich bei 15.
Für argumente sind die Norweger danicht zugänglich, wenn man sie fragt ob sie denn immer alle Kollegen einladen wollen, sagen sie natürlich nicht! ehmm ok!

LG aus Norwegen
Ina

Suomitany · 23. Oktober 2018 um 9:05

Nun erklären sich für mich die grellen Socken. Wieder herrlich geschmunzelt, danke

Neeva · 23. Oktober 2018 um 15:19

Ha, den Spruch merke ich mir als Gelassenheitsmantra: Nichts, was – in meinem Fall eine Tasse Earl Grey – und eine Waschmaschine nicht lösen können. 🙂

Maike · 23. Oktober 2018 um 19:39

Ich würde jetzt aber schon gerne wissen, wie es mit dem sechsten Kind weiterging? Ich hätte so einen Fauxpas bei meinen Kindern kaum überlebt. Man hat mich schon erheblich in die Enge getrieben, weil nicht noch jedes Geschwisterkind der Gastkinder beim Abholen eine Mitgebseltüte bekam. Auwei.

Susa · 30. Oktober 2018 um 20:04

Wundervoll wunderbar lustig… Danke!

Über Handzähler, Hausschuhe und einen Hosentaschenblock - vier plus eins · 21. Oktober 2019 um 23:27

[…] Gesprächen über Politik schief hängt, nehme ich pflichtbewusst die neon-orangenen Stoppersocken aus der Trampolinhalle mit. Dann war diese Anschaffung ja wenigstens nicht ganz umsonst. Man merkt schon, ich plane […]

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