Über Chuck Norris, Heidi und Final Destination

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Was ist ein Gegenstand?

Ob eine Tasche ein Gegenstand sei, fragt sie. Wie jetzt, ein Gegenstand? Na, da stehe, man dürfe einen Gegenstand mit an Bord nehmen. Und jetzt frage sie sich, ob ihre Tasche nun ein Gegenstand sei oder nicht. Es könne ja schließlich sein, dass ein Gegenstand nur dann ein Gegenstand ist, wenn man keinen Gegenstand reintun kann. Ich brauche kurz, um den Satz zu verarbeiten. Seit sie letzte Woche wegen Überbuchung nicht mit dem Flugzeug mitgenommen wurde, hat sie begonnen, die Webseiten der Fluganbieter genauer zu studieren und einen auf Juristin zu machen. Das muss sie auch, denn am nächsten Morgen muss sie schon wieder weg – diesmal für zwei Tage und eine Nacht nach Paris. Das haben wir irgendwie Scheiße geplant. Jedenfalls verstehe ich das Problem nicht so richtig, weil natürlich ist eine Tasche ein Gegenstand. Oder? Wir entscheiden mutig, dass sie die Tasche mitnehmen darf.

Schaffst Du das wirklich?

Natürlich fragt sie mehrfach vor der Abfahrt, ob ich das denn alles schaffen würde. Also so ganz auf mich gestellt mit den Kindern. Völlig allein! Ja doch, versichere ich. Ich sei übrigens Vater von drei Kindern und nein, der Babysohn wird auch ohne Stillen in dieser Nacht keinen dauerhaften Schaden nehmen. Ich verspreche ihr, sie würden alle noch leben, wenn sie zurückkäme. Ob ich denn wisse, was ich mit den Kindern machen könne? Zum Beispiel auf den Spieplatz! Aber es sei kalt und ich müsse sie gut anziehen, damit sie nicht frieren. Und ich solle ans Essen denken! Und die Allergien! Ich erkläre ihr freundlich, dass ich glaube, dass sie gerade den Verstand verliert und ob sie mich nicht einfach ein bisschen geborgen mit den Kindern in Ruhe lassen könne. Ich ahne eh schon, wer nachher am pflegeintensivsten wird. Wahrscheinlich niemand in Berlin. Immerhin musste ich ihr dieses Mal nicht erklären, dass es den BER wirklich immer noch nicht gibt. Und zunächst klappt auch alles gut mit der Reise. Zumindest eine halbe Stunde, bis sie mit der Bahn am Flughafen angekommen ist. Denn dann gibt es stundenlange Verspätungen und sie schreibt mir wieder ihre Verschwörungstheorien, dass sie schon glaube, dass sie ein Karmaproblem mit dem Fliegen habe. Jetzt gäbe es auch noch Durchsagen wegen unbeaufsichtigter Koffer, die Air France MitarbeiterInnen sprächen definitiv etwas, was kein Englisch sein kann und eigentlich wolle sie lieber wieder nach Hause. Doch dann hebt sie doch noch ab, fliegt weit weg und ich bin mit den drei Kindern allein in Berlin.

Wer ist Chuck Norris?

Die großen Kinder verbringen den Abend damit, Amazons Alexa nach Witzen auszufragen. Alexa ist mein heimliches Au-pair. Unermüdlich antwortet sie. Sehr beliebt sind derzeit Chuck Norris Witze, wobei ich mehrfach erklären musste, wer Chuck Norris eigentlich ist. Jetzt rennen die Kinder ständig hustend durch die Gegend und feixen „Chuck Norris isst keine Honigbonbons, er kaut Bienen!« Und natürlich gibt es noch die vielen „Was ist…“-Witze. Was ist orange und läuft durch den Wald? Eine Wanderine! Ja, den mag ich. Beim Abendessen beginnen die Kinder, ihre eigenen Witze zu entwickeln. Toll denke ich, wie kreativ sie sind, meine lieben wundervollen Kinder. Dann haben sie ihren ersten eigenen Witz: »Was ist rot, rund und liegt am Strand? Eine Paparoni!« Na danke. Sie hätten ja wenigstens das Wort „scharf“ unterbringen können.

Gibst Du Milch?

Abends bekommt der Babysohn natürlich einen kleinen breakdown, weil ich auch nach mehrmaligem Ertasten keine Milch zu geben scheine. Wir rufen fraumierau an, die gerade in einer Badewanne im Hotel rumlümmelt und sich beschwert, dass das Abpumpen so anstrengend war. Boah, denke ich, jetzt reicht es aber. So habe ich mir den Feminismus nicht vorgestellt. Ich lass mich hier mit drei Kindern zurückgelassen ergebnislos an der Brust befummeln und meine Frau entspannt in der Ferne auf einer „Arbeitsreise“. Tut sie natürlich nicht so richtig und kitscht gleich ganz dolle rum, als sie den sehnsüchtigen Kinderblick sieht. Kurz überlege ich, ob das Kinderbuch, das man leider nicht „Mein erster kleiner Porno“ genannt hat, ja vielleicht doch eine gute Idee für Nacht-Überbrückung gewesen wäre:

Welche Heidi?

Aber es ist ja nur eine Nacht. Und der nächste Tag geht gut voran. Ich kaufe noch ein paar Hörbücher, weil ich Hörspiele nicht mehr ertrage. Diese furchtbaren Stimmen überall und dieses affektierte Gerede – ich verstehe es einfach nicht. Auf Audible kaufe ich das längste ungekürzte Kinderhörbuch, das ich auf die Schnelle finde. »Ich habe euch ein neues Hörbuch gekauft“, verkünde ich leicht pathetisch, um meine eigene mäßige Begeisterung zu überspielen. „Heidi!“ Desinteressiertes Schweigen. »KLUM?!«, fragen das mittlere Kind pülötzlich begeistert nach. Während ich so vor mich hinkichere, fällt mir wieder ein, warum sie den Namen überhaupt kennen: Ein Spielplatz in der Umgebung hat einen Holzlaufsteg und wurde daher von den Eltern „Heidi Klum Spielplatz“ genannt. „Gehn wir heute auf den Heidi Klum?!“.

Doch nicht heute?

Wir verbringen den Tag jedenfalls ohne Heidi Klum und ohne Spielplatz, weil da gehe ich nur im Notfall hin. Abends bereiten wir nach langsam das Abholen von fraumierau vor. Doch die schickt immer panischere Nachrichten vom Flughafen, irgendwann „Scheiße Scheiße Scheiße“ und erklärt dann leicht verweint am Telefon, dass der Flug gecancelt wurde und sie erst am nächsten Tag kommen könne. Ich würde ja tauschen, wenn ich könnte. Noch eine Nacht allein im frisch bezogenen nicht vollgepullerten Hotel-Bett in Paris. Warum passiert mir nie sowas? Aber den Scherz verkneife ich mir, bis sie wieder da ist. Ich muss den Kindern erst einmal beibringen, dass es da eine leichte Planänderung gibt. Der Babysohn ist etwas sauer, weil ich hätte doch heute versprochen. Versprechen gelten nicht bei Unwettern und höherer Gewalt, rede ich mich raus. Das stehe auch auf der Webseite von Air France! Und mittlerweile gebe ich fraumierau Recht, dass sie offenbar die Hauptrolle im Final Destination der Flug-Passagiere hat. Ich glaube, ich werde nie wieder mit ihr zusammen ein Flugzeug besteigen. Ihr Flug-Karma ist einfach statistisch nachweisbar schlecht.

Können Sie jetzt bitte gehen?

Und dann kam sie zurück, und alles wurde langsam wieder alles normal. Bis wir heute noch Kleidung kaufen wollten. Wir waren in so einem kleinem Kinderbleidungsgeschäft und sahen uns um. Ob sie uns denn helfen könne, fragte die Verkäuferin. Ach, nein, danke, wir sehen uns nur um. Wir sehen uns weiter um, und schon wieder hakt die Verkäuferin nach, ob sie uns nicht helfen könne. Nein, danke, wirklich. Wir wollten uns nur umsehen. Wieder versuchen wir, uns ein wenig umzu… Ob sie uns wirklich nicht helfen könne? Meine Güte, ist die Trulla penetrant, denke ich. Doch, wir bräuchten einen blauen Pullover. Hastig zerrt sie einen Pullover vor. Wir bedanken uns und gucken uns weiter um. Es täte ihr wirklich leid, fährt sie plötzlich dazwischen, sie habe Magen-Darm und jetzt werde es langsam unerträglich, wir würden schon verstehen, wir sollen jetzt bitte sofort gehen. Sofort Erinnert mich an den Buchladen, wo die Verkäuferin meinte, sie müsste zuerst auf die Toilette. Offenbar haben wir jetzt auch noch ein schlechtes Einkaufs-Karma. Und jetzt ist mir blümerant.

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5 Kommentare

Heike W. aus LIP · 13. Februar 2018 um 9:16

Oha – wenn die Kinder erstmal Chuck-Norris-Witze erzählen, dann seid ihr bestimmt auch bald in der Schei…-Witz-Phase angekommen oder habt sie bereits hinter euch:
Schei… im Trompetenrohr
kommt zum Glück nur selten vor…usw.!

Louisa · 13. Februar 2018 um 14:18

Da das Flugtrauma von letzter Woche wohl doch tiefer sitzt, als es den Anschein machte: immer im Hinterkopf behalten, dass Flugzeuge immer überbucht werden! Da gibt es viel zu teuer bezahlte Leute, die Algorithmen entwickeln um zu berechnen, wieviele Menschen den Flug nicht antreten werden und die dementsprechende Anzahl wird dann zusätzlich verkauft. Und wenn sich mal verrechnet wurde? Macht nichts. Dann gibt es eine Zahnbürste und Geld oder einen Gutschein.
Also zumindest das Überbuchungskarma kann man austricksen, indem man sich am Schalter eher nicht so geborgen benimmt, sondern lieber mehr wie Opa Heinz wenn eine neue Supermarktkasse eröffnet wird.

Alu_dresden · 13. Februar 2018 um 15:39

Herrlich, wie immer! So eine Alexa ist wirklich ein wunderbarer Zeitvertreib. Als wir letztens bei meinem Bruder waren, hat meine Große auch mit Alexa reden wollen. Leider hat sie immer auf eine Antwort gewartet, bevor sie ihre Frage/Aufforderung stellte. Also „Alexa?“ – Stille – „Alexa?!“ – Wartende Stille – „Alexa!!!“ – Ja Schatz, du musst schon gleich sagen, was du willst, die antwortet nicht einfach so.“ Na, zumindest gab es eine Weile Beschäftigung, bis die doofe Alexa dann auch noch das falsche Bibi-und-Tina-Programm abgespielt hat. Dann sind wir einfach gegangen.
Viel Glück beim nächsten Flug! Und Einkauf!

Julia · 15. Februar 2018 um 10:07

Können Sie bitte gehen? –Das gleiche passierte uns auch. Mit einer Mütze. Im Schock habe ich schnell die Mütze gekauft und den Laden mit meiner Tochter verlassen. Jetzt haben wir eine grüne Mütze die nicht richtig passt – aber zum Glück haben wir uns den Magen-Darm nicht mit nach Hause genommen.

links vom 17.02.2018 | endorphenium · 17. Februar 2018 um 9:00

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