Über Indoorspielplätze, Nasenduschen und verdammt coole Väter

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Versteckte Kamera?

Warum er denn so hüpfe, frage ich den Sohn. Ob er denn pullern müsse. Neinnein, antwortet er, während er von einem Bein auf das andere durch den Buchladen springt. Er sei sich da wirklich ganz sicher! Etwas misstrauisch nicke ich und suche weiter nach Geburtstagsgeschenken für Kinder, die ich noch nie gesehen habe. Das ist ja so ein bisschen der Nachteil, wenn die Kinder Freunde bekommen: Ständig muss irgendein Kind zu irgendeinem Geburtstag und dann muss man auch noch ein passendes Geschenk finden. Ich greife was aus dem Regal und gehe zur Kasse. Oh, doch, jetzt müsse er ganz dringend pullern! SOFORT! Mit dem hüpfenden Kind an der Hand frage ich die Buchhändlerin, ob wir mal ihre Toilette benutzen könnten. Sie mustert uns, antwortet „Ja“ und schiebt „aber zuerst gehe ich! Danach kann Ihr Kind“ hinterher und verschwindet. Ich überlege kurz, ob das gerade wirklich passiert ist. Der Sohn hüpft weiter vor mir rum, die Kasse ist unbesetzt. Ist es. Ich lege das Buch hin und schiebe den Sohn Richtung Ausgang. Direkt vorm Eingang darf er an einen Baum pullern. Ein Buch von fraumierau nickt uns geborgen aus der Schaufensterauslage zu. Wir gehen was Blinkendes aus Plastik im Spielzeugladen nebenan kaufen.

Indoorspielplätze

Schlimmer noch als Geschenke kaufen ist ja Kinder zu Kindergeburtstagen bringen. Da drohen einem soziale Kontakte und Orte, die man sonst meidet wie eine IKEA-Filiale am Samstag. Und wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, dass Kinderumgebungen immer total bunt sein müssen? Möglichst viel Farbe und schön durcheinander. Rotgrünblaugelb. Das sieht so gepflegt Scheiße aus. Weil ich im falschen Augenblick nicht „Oh, schade, da kann ich nicht, ich muss mir ein paar Nägel ziehen“, geantwortet habe, muss ich ein Kind von einer Geburtstagsfeier aus einem Indoorspielplatz abholen. Das sind gleich zwei gruselige Dinge auf einmal und das ist zu viel für meine Nerven. Auf der Suche nach Socken und Kinderschuhen hasse ich mich ein wenig durch die Multifunktionshalle voller brüllender Kinder, Pommes-Frites-Geruch, verklebter Pappteller und diesiger Kinderschweißluft. Vielleicht finde ich ja was, was ich besonders blöd finden kann. Immer das positive sehen! Wobei, Moment, da hängt ein Werbeplakat, dass jeden zweiten Samstag lange Tobenacht ist und das koste nur 29,90 Euro pro Kind und sei ja „günstiger als der Babysitter“. Knaller. Essen gibts auch. Einfach Kinder in die farbige Brüllhölle abschieben und nach Mitternacht völlig verausgabt wieder abholen? Fehlt nur ein Netflix-Raum gleich daneben. Ich überlege kurz, ob ich nachfrage, traue mich dann aber doch nicht. Fühlt sich an, wie vorm Erotikshop zu stehen, aber sich nicht reinzutrauen.

Nasensauger oder Nasendusche?

Immerhin haben sie hier ein kostenloses Elternmagazin. Das Magazin der Indoorspielplätze. Auflage 4 x 180.000 Stück pro Jahr. Was es nicht alles gibt. Unbedarft schlage ich es auf und mich lächelt ein glückliches Kind mit einer Nasendusche an. Vielleicht ja auch mal eine Geburtstagsgeschenkidee? Das letzte Mal, als ich versuchte, einem Kind eine Nasendusche näherzubringen, hat es mich enterbt, meinen Namen auf einen Zettel geschrieben und ihn in den Kamin geworfen. Aber diese Nasendusche ist bunt – also kindgerecht! Vielleicht funktioniert sie ja besser als die Nasensauger, die wir jetzt haben. Im Landhaus Manufactum-mäßig einen analogen zum selber saugen und in der Stadt einen zivilisierten mit Staubsauger-Anschluss. Das selber saugen sorgt ja noch für Erheiterung bei den Kindern, weil sie hoffen, dass doch was durch den Filter kommt. Aber der Sauger mit Staubsauger-Anschluss musste als leicht traumatisierend wieder eingemottet werden. Dafür darf ich dann immer ran, wenn der Babysohn eine verstopfte Nase und wir keinen Nasensauger haben. Also ich bin dann der Nasensauger. Ja, wenn ich es mir recht überlege, ist eine Kindernasendusche ja vielleicht wirklich ein ganz tolles Geschenk. Danke für den Tipp!

(Damit Ihr nicht leer ausgeht, das Werbevideo. Und noch eine Frage: Wer will sich einen Fisch in die Nase stecken? EINEN FISCH?)

Alle Väter sind cool!

Überhaupt: Ich verliebe mich langsam in diese Zeitschrift. Schließlich geht es auch um Väter. Bin ich ja einer. Und da steht, dass wir eben oft arbeiten müssen und uns dann wenigstens die Mütter den Rücken freihalten können. Endlich schreibt das mal jemand! Ich zeige fraumierau den Text und erkläre, dass ich ab jetzt abends Schnitzel will und dass die Kinder schlafen, wenn ich erschöpft von der Bärenjagd nach Hause komme. Sie macht ein schnippisches Geräusch, redet was von ich solle sie nicht beim Arbeiten stören und ignoriert mich. Dabei steht eine Seite weiter, wie das ist mit den coolen Vätern. Sind wir nämlich alle. Bärtig, locker und cool. Nicht sone Kitschnudeln, die vom vielen Putzen und Kochen die Kinder ganz vergessen. Vielleicht nenne ich das Blog hier in vier plus cool um. Und ich besorge mir noch eine Tragehilfe im Militärlook. Dann ist hier auch endlich mal klar, wo der Hammer hängt.

Kuscheltiere

Ich schmiede Coolness-Pläne, während ich mich in eins der Kinderbetten lege. Weil eine Matratze fehlt, ist das Familienbett gerade zu klein und wenn für irgendwen etwas nicht übrig bleibt, dann immer für mich. Zu wenig essen bestellt? Ich krieg die trockene Scheibe Brot. Eine Decke zu wenig? Ich hole mit Handtuch als Ersatz. Zu wenig Sitzplätze im Auto? Ich muss hinterherlaufen. Eigentlich aber nicht mal übel, so ganz allein schlafen. Oh mein Gott, ich habe ein Bett für mich allein! Ich weine kurz. Aber nicht vor Freude. Der Fuß einer Scheiß Babypuppe hat sich beim euphorischen Hinlegen in meinen Hinterkopf gebohrt. Überhaupt besteht dieses Bett eigentlich nur aus Kuscheltieren. Leicht wutentbrannt werfe ich circa hundert davon raus, sehe aber immer noch kein Laken. Wo kommen die Teile eigentlich alle her? Und wer braucht… Ich halte kurz inne. Da ist meine Tante Gisela. Der kleine hässliche dicke Bär aus meiner Kindheit. Ich sehe mich kurz um, drücke Tante Gisela sanft an meine Wange, benutze sie als Kopfkissen und schlafe ein. Am nächsten Morgen fällt mir ein, dass Tante Gisela wohl erst so mit 25 aus meinem Bett geflogen ist. Ich sammle leicht verschämt die rausgeworfenen Kuscheltiere wieder ein und spare mir meine geplante „Wofür braucht Ihr davon so viele?!“-Predigt. Ob ich Tante Gisela heimlich ins Familienbett geschummelt kriege? Huch, wer hat die denn hier reingelegt? Immer auf den Babysohn schieben, der lächelt dann.

Tante Gisela. Meine erste Langzeitbeziehung

Keine Geschichten verpassen? Folgt vierpluseins auf Facebook oder meinem glamorösen Leben als #Instadad oder den Knaller-Emails im vierpluseins-Newsletter (mit Zusatzcontent. Echt jetzt!).

Alte Montagspostings findet Ihr hier

Kategorien: Montagspost

leitmedium

Parteiloser Postprivatier.

12 Kommentare

Anne Lil · 16. Januar 2018 um 1:20

Hab mal gelesen, dass es Menschen und andere Kreaturen gibt, die sich Fische ins Ohr stecken. Soll ganz hilfreich sein. Ebenso wie das Handtuch, welches ich auch immer dabei habe. Meins ist zwar zu klein zum Zudecken aber trotzdem unverzichtbar.

Ich finde übrigens die Tante Gisela sieht erstaunlich fit aus:)

tiddilette · 16. Januar 2018 um 9:06

Wenn ich jetzt Abends alleine im Wohnzimmer sitze, Kind1 und Kind2 wohnen nicht mehr bei mir, Kind3 liegt in ihrem Bett mit dem Handy und Kind4 spielt am liebsten mit der Playsi, dann vermisse ich schon die Zeiten, als die Kinder noch jünger waren und ALLES dafür gegeben hätten, mit mir mal vor dem Fernseher zu sitzen und jetzt kommt das wirklich nur sehr selten vor und auch nur wenn wir eine Serie, wie „Stranger Things“ oder „The end of the f… .. world“ finden (Übrigens grandios und leider viel zu schnell zu Ende).
Aber wenn mich dann der liebe Leitmedium an INDOOR Spielplätze erinnert kann ich mich sowas von ruckizucki mit dem Altwerden und „erwachsene Kinder haben“ arrangieren, so schnell kann keiner gucken, denn das war wirklich eklig und ich sehe mich da noch sitzen, an ewig langen Januarsamstagen ohne natürliches Licht und mit einem Kaffee, der schmeckte, wie im Krankenhaus und bei eine Lautstärke Klausuren korrigieren, dagegen ist eine Disco ein Friedhof, aber die Kinder waren glücklich beschäftigt und ich kam irgendwie zum Arbeiten. Also danke für die Erinnerung an den Geruch von 550 Kinderschweißfüßen und Elternpaaren, die sich gegenseitig Mayopommes in die Münder schicken, ich geh jetzt in Ruhe mit einem Schälchen Kaffee in mein Arbeitszimmer 🙂
Alles hat seine Zeit!

    Pia · 17. Januar 2018 um 9:13

    Schön 🙂 und vermutlich so wahr!
    Meiner ist im Babysohnalter und NOCH gibt er alles um MIT mir länger wach zu bleiben. Hach ja <3

Daniela · 16. Januar 2018 um 13:06

Boahhhh… jetzt werd ich echt ganz sentimental. Erst wegen der Tante Gisela und dann noch wegen dem Satz meiner Vorkommentatorin „alles hat seine Zeit“. Das ist so wahr.

Und bei uns gilt das ungeschriebene Gesetz leider auch: der Mann kriegt die trockene Scheibe Weißbrot, wenn das bestellte Essen zu wenig ist und er „darf“ in die Indoorspielplätze mitgehen.

Tante Gisela · 16. Januar 2018 um 13:18

Mein Mann friert im Winter unter der Sommerdecke und schwitzt im Sommer unter der Winterdecke. Ansonsten alles klar bei uns.

Alex · 16. Januar 2018 um 13:18

Wer als letztes ins Familienbett kommt, muss schauen, wo er bleibt. Da ich auch immer als letztes ins Bett gehe, suche ich mir immer eine schmale Lücke, die ich links und rechts erweitern kann. An das Kinderbett dachte ich noch gar nicht, aber mit 1.20m Länge und fehlendem Belastbarkeitsausweis schien mir das Kinderbett eher ein Risiko als eine Lösung. Wer möchte schon mitten in der Nacht in einem kaputten Kinderbett liegen? Aber in der Not sollte ich nochmal drüber nachdenken.

Pia · 17. Januar 2018 um 9:21

Während mein „Babysohn“-Exemplar mit der einen Hand die Leberwurst weglegt und nach der Butter greift, wedelt er schweigend mit der anderen Hand ein Messer vor meiner Nase.
Dies impliziert die Bitte ihm MEIN Messer zu reichen, da dies ihm geeigneter zur Butterentnahme scheint (es ist exakt das gleiche stumpfe I**A Messer).
Vor männlicher Coolness strotzende non-verbale Kommunikation am ansonsten männerlosen Esstisch – er will bald sicher abends auch ein Schnitzel nach dem Duplobau.

Turtle · 17. Januar 2018 um 9:31

Ernsthafte Frage einer Kinderlosen: Warum will oder muss man (kleinen?) Kindern den Schnodder aus der Nase saugen?

    Legatamat · 17. Januar 2018 um 16:37

    Weil viele (nicht alle) Kinder so bis zum Alter von ca. 2 Jahren das mit dem „ins Taschentuch schnauben“ bzw. hochziehen noch nicht hinbekommen. Gerade wenn man sie zum schlafen hinlegt läuft dann der Schleim aus der Nase in den Rachen und führt zu Hustenanfällen. Aus diesem Grund saugt man meist Abends vor dem Schlafen gehen den Schnodder ab.

    leitmedium · 17. Januar 2018 um 22:48

    Ja, wie Legatamat schreibt. Es hilft teils sehr beim nachts Durchschlafen. Da überlegst Du Dir dann übermüdet, ob Du es notfalls nicht einfach selber raussaugst. 😉

Rike · 22. Januar 2018 um 20:35

Oh ja, mmmh. Indoorspielplätze. Mein Waterloo. Nahezu unangefochten auf Platz 1. Dicht gefolgt von Mütter-Eck-Treffen („Komm doch mal mit, ist ganz nett da“ … jaja, mein Arsch) und Kinderturnen. Da fehlt auch nur der Pommesgeruch…

links vom 23.01.2018 | endorphenium · 23. Januar 2018 um 10:04

[…] Über Indoorspielplätze, Nasenduschen und verdammt coole Väter – vier plus eins […]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.