Über Astronauten-Wäsche, verdächtige Stille, peppige Brillen, kalte Pizza und Günter Wallraff

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

(nicht) Waschen wie die Astronauten

Letztens las ich einen Artikel darüber, wie es so mit der Wäsche auf der Internationalen Raumstation läuft. Kurzfassung: Unterwäsche wird getragen, bis sie müffelt, mangels Waschmaschinen weggeworfen und dann mit einer russischen Rakete im Orbit zum Verglühen gebracht. Im Herzen bin ich Astronaut, dachte ich. Jedenfalls so anders als zu Hause, wo wir auch nicht hinterherkommen mit der Wäsche, läuft das im Weltraum nun auch nicht. Ok, hier wird nicht mit einer Rakete verbrannt, sondern heimlich in „schmutzig“ und „schmutzig, aber noch tragbar“ sortiert, aber ansonsten weiß ich jetzt endlich, wie fortschrittlich wir eigentlich sind. (Ich solle an dieser Stelle einfügen, dass unsere Wäsche nicht müffelt, kommentiert die Lektorin leicht empört.)

Adé blaues Lieblings-Sakko

Außer letztens, als fraumierau irgendeinen Schlechte-Gewissen-Moment von mir nutzte, um mir so en passant mitzuteilen, dass es vielleicht keine gute Idee gewesen sei, mein Sacko in der Waschmaschine zu waschen. Oder, sie müsse das präzisieren, das Waschen war wohl nicht das Problem, aber der Trockner wäre dann doch zu viel des Guten gewesen. Und eigentlich sei ich Schuld, weil ich mein Sakko ja auf den Wäschekorb gelegt hätte. Ja, aber, doch nicht rein, wende ich ein. Ja, das sei jetzt ja wohl ein wenig spitzfindig und die Diskussion damit beendet. Und ich solle statt dessen mal drüber schreiben, dass ich auf unserer Hochzeit und Beerdigungen immer denselben Anzug getragen habe. Damit alle mal wissen, wie das bei mir so ist. Ich weiß gar nicht, was das Problem ist. Ich hatte diesen einen Anzug und habe ihn „für besondere Anlässe“ deklariert. Jedes mal wenn wir darüber reden, sehen wir uns beide leicht verständnislos an. Ich Team Nachhaltigeranzug. Sie Team Pietetätloseranzugwiederverwender.  Jetzt habe ich jedenfalls noch zwei Sakkos. Eins hat eine gerissene Innentasche, durch die mein Handy immer ins Innenteil fällt. Das andere hat einen Zahnpastafleck, über den ich einen Drachen-Button der Kinder gesteckt habe, der ein wenig blöd aussieht und mir ständig Fragen einbringt. Aber lieber strange als schmuddlig, oder?

Gefürchtete Stille

Das Besondere an uns ist, dass wir auch auf andere die leichte Schmuddel-Wirkung haben. Als vor einer Woche ein Kind zu Besuch war, mussten wir es nach zwei Stunden neu einkleiden, weil es von oben bis unten mit Joghurt vollgeschmiert war. Ich habe gar nicht erst versucht, rauszubekommen, warum in Vanillejoghurt geduscht wurde. Als es uns ein paar Tage später wieder besuchte, war es nach zwei Stunden komplett im Gesicht vollgestempelt. Es war einer dieser Fünf-Minuten-Stille-Momente nach denen man weiß „Ich hätte ob der Stille aufmerksam sein sollen“. Wir verkaufen vollgschmuddelte Gastkinder dann immer als „Ach, die Kinder waren wieder sehr KREATIV“ und überlegen gerade, wie man eigentlich Stempelfarbe aus dem Gesicht bekommt. So viel kann ich verraten: Joghurtdusche ist die bessere Wahl. Wenn der Babysohn still ist, räumt er übrigens immer das Schmink-Fach von fraumierau aus. Er versucht dann immer mit einem Pinsel Rouge aufzutragen. Das kann man ihm leider nicht richtig übel nehmen.

Beim Optiker

Zwei Lieblingstermine hatte ich diese Woche. Termin eins war beim Optiker. fraumierau braucht dringend eine neue Brille, weil sie nur noch so tut, als würde sie etwas sehen. Wir hatten einen Termin, um uns 12 Uhr im Laden zu treffen. Ich rufe sie kurz vorher an und frage, wo denn das Geschäft genau sei und sie meinte, na da … also … in der Nähe von der Kita … der Optiker! Ich meinte, dass ich ja als Nicht-Brillenträger jetzt nicht sooo sehr drauf achten würde, wo Optiker seien und ob es nicht etwas präziser ginge? So Straße und Hausnummer zum Beispiel? Nein, weil, das müsse ich doch wissen. Irgendwie habe ich es dann dennoch geschafft, vor Ihr da zu sein und bin sehr glücklich, beim Verkaufsgespräch zuhören zu dürfen. Der Verkäufer nämlich erklärt lang und breit die Brillenglasmodelle von „H&M“ bis „Peek&Kloppenburg“. Und ob sie denn noch stillen würde? Ja, na so ein, zwei Jahre noch. Ja, dann sei ein Brillenkauf jetzt aber schlecht, weil sich danach die Augen verändern. Ob sie dann jetzt zwei Jahre blind raumlaufen solle, fragte fraumierau. Da wusste er auch keine Antwort und fand es dann doch okay, dass fraumierau auch kurzfristig wieder etwas sehen wolle. Und dass sie die „H&M“-Gläser wolle, könne er ja auch durchaus verstehen. Und, er müsse jetzt sagen, die seien bei ihnen auch wirklich nicht so wie dieses Zeug aus „Fernost“. Da seien ja so Sachen in den Gläsern, puh, da würde man Kopfschmerzen bekommen! Ich überlegte, ob er Ihr als Nächstes erklärt, dass sie froh sein kann, von Brillengläsern aus China keinen Krebs zu bekommen.

Auf die Frage, wie ich denn die Modelle fände, die fraumierau anprobierte, antwortete ich mit der Frage, warum sie nicht einfach neue Gläser ins alte Modell machen könne? Ja, das wäre doch langweilig, antwortete sie und der „seien-sie-froh-dass-sie-von-preiswerten-Gläsern-nicht-sterben“-Optiker pflichtete bei, dass man doch mal was „Peppiges“ probieren könne. Ja, aber Abwechslung im Gesicht müsse doch nicht sein, meinte ich, eine neue Nase bräuchte sie ja auch nicht. „Na, wart mal ab!“, sagte sie, was der Optiker nicht so lustig fand wie ich. Ob des Kleinwagen-Preises traute ich mich noch zu fragen, ob das denn „Festpreise“ seien. Ich wollte mal ganz verwegen handeln. Oh, da war aber Alarm im Haus. Ja, das sei so ein Festpreis. Überall. Auf der ganzen Welt kosten die Brillen gleich viel! Außer in den Niederlanden, was ja lustig sei, weil da kämen die Brillen ja her, seien da aber noch teurer. Fand ich gar nicht lustig. Und so hochpreisig seien sie, weil das sei Titanium! Also Gold, sage er mal, Gold, das sei doch was von gestern. Niemand wolle Gold. Aber Titanium, puh. Hot Shit. Ob ich denn mal probiert hätte, ein Loch in Titanium zu bohren, das sei ja richtig schwer. Ich musste zugeben, es noch nicht probiert zu haben, was ihn nur bestätigte. Um mich zu ruhigzustellen schenkte er mit einen Kugelschreiber und erklärte mir sehr aufwändig, dass man die Kappe abziehen und nicht abschrauben müsse. Ich glaube, so mit Baby auf dem Arm hielt er mich für ein wenig minderbemittelt. Jetzt bin ich jedenfalls auf die peppige fraumierau gespannt.

Roboter Programmieren

Der zweite Termin war ein Roboter-Worskhop für Mädchen vom Start Coding e.V. Die machen tolle Sachen, nicht nur für Kinder, und die Tochter hat bereits nach einer knappen Stunde angefangen, einen Roboter zu programmieren. Ich war ein wenig gerührt und danach konnten wir so Nerd-Gespräche führen <3. Der Tipp kam von einer Bekannten von fraumierau, die ihr danach etwas enttäuscht schrieb „Habe mich mit Deinem Mann unterhalten. War kein adäquater Ersatz“. Ja, was soll ich dazu sagen? Ich unterhalte mich auch lieber mit fraumierau als mit mir.

Notessen?

Beim Essenkochen lief es irgendwie nicht so. Zumindest aus Kindersicht. Wir hatten mal wieder nicht rechtzeitig eingekauft und so Reste in der Küche zusammengeworfen. Da saßen die Kinder nun und stocherten in „Reis mit irgendwas als Beilage“ herum. Ob das ein „Notessen“ sei, fragten sie plötzlich. Natürlich nicht, wie sie denn darauf kämen. Essen sei doch essen, dozierten wir. Na, weil, es wirke so … zusammengewürfelt. Dass Kinder einen auch immer auf dem falschen Fuß erwischen. Neinein, das hätte alles seine Richtigkeit. Als sie nach Salz verlangten, warnten wir, dass sie das Essen nicht versalzen sollten, weil wir hätten nicht noch mehr. „Aha, also doch Notessen!“. Mist, enttarnt. Das nächste Mal gibt es gleich trockenes Schokomüsli – das finden sie dann wiederum hervorragend. Oder einfach mehr Bevorraten. Beim Einkaufen heute habe ich dann gleich das Kunststück fertiggebracht für 20 Euro einkaufen zu wollen, um kostenlos Geld abheben zu können und dann… nunja…

Alle lieben kalte Pizza. ALLE!

Wir bestellten dann noch Pizza. Das passt ganz gut, denn an manchen Tagen bekommt die Tochter kein Schulessen, sondern wir geben ihr etwas mit. Also kriegt sie am nächsten Tag kalte Pizza vom Vortag mit. Was gibt es bitte Besseres? Doch sie bringt sie wieder mit und beschwert sich, dass kalte Pizza nicht schmecken würde. So etwas von Deinem eigenen Kind zu hören, ist sehr schmerzhaft. Wie kann man nur kalte Pizza verschmähen? Niemand mag Pizza vom Vortag nicht. Ich hatte sogar schon überlegt, einen Pizza-Lieferdienst für kalte Vortagspizza aufzumachen. Ein Familienbetrieb wird das jetzt jedenfalls nicht mehr.

Mädchen gegen Jungs

Apropos Schule: Es gab die Beschwerde, dass in den Schulpausen die Jungs immer die Mädchen jagen und ärgern würde. Große Verwunderung bei Eltern und Lehrkräften! Woher das nur komme, fragt man sich. Ich überlegte, ob ich kurz nachfrage, was man denn denke, was Kinder lernen, wenn sie auf dem Schulfest das Lied „Mädchen gegen Jungs“ aufführen müssen (eine Reihe Jungs und eine Reihe Mädchen stehen da, singen abwechselnd Klischees über die anderen und tun dabei so, als würden sie sich beschimpfen). Ich habe mir die Diskussion verkniffen, denn wenn man noch „Muttihefte“ hat, ist das wohl nicht dringendste Problem.

„Ganz unten“ 

Ich solle doch jetzt endlich mal ein Buch schreiben, sagte fraumierau. Nein, das wolle ich nicht und ich hätte dafür auch nicht genügend Inhalt. Dochdoch, wendet sie ein, ich soll einfach schreiben, wie das so ist, mit dem Kinder kriegen, Vater werden, der Familie und so. Aha, investigativ also, freue ich mich – wie Günter Wallraff! Da würde mir auch gleich ein Titel einfallen. Achja, den solle ich mal nennen, bittet sie neugierig. Na, sei doch klar: Ganz unten!

Seit der letzten Montagspost gab es übrigens zwei Beiträge, die Du vielleicht verpasst hast: Am Frauentag habe ich notiert, wie das Leben ohne fraumierau wäre und am Sonntag hätte ich fast bei 12 von 12 mitgemacht.

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Alte Montagspostings findet Ihr hier.

Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

15 Kommentare

Katharina · 13. März 2017 um 23:59

Hat sich das Wachbleiben doch gelohnt! Vielen lieben Dank fürs Teilhabenlassen am heiter reflektierten Familienalltag…Ich freue mich jede Woche darauf und kann viel davon wiedererkennen (Kinderkonstellation ist hier sehr ähnlich; nur etwas gedrängter; Gemütsverfassungen inklusive Geschlechterverteilung ebenfalls, soweit über die Ferne und das Schreiben einsehbar…)! Gerne ein Buch!

Tany · 14. März 2017 um 6:59

Vielen Dank mal wieder für den herrlichen Text.
Ein Buch wäre locker drin. Oder eine wöchentliche Kolumne irgendwo.

Fränzi27 · 14. März 2017 um 7:29

Also bei uns würde nie Pizza bis zum nächsten Tag überleben- wir essen die immer auf- ich muss also gestehen, noch nie kalte Pizza vom Vortag gegessen zu haben…
War wieder ein lustiger Text, am Besten hat mir gefallen, die Summe auf dem Kassenbon- und ich dachte schon, solche Dinge passieren nur mir.

Tafjora · 14. März 2017 um 8:56

Frau Mierau hat ja mal wieder Recht, ein Buch wäre toll. Also ich würde es direkt schon vorbestellen!
Wir hatten letztens auch ein Besuchskind, das zum ersten Mal kam. (Hoffe es darf wieder kommen :)) Als es abgeholt wurde, entschuldigte ich mich, dass er so vermatscht aussieht. Antwort der Mutter: „Das Kind macht sich NIE dreckig, ich freue mich, dass er sich endlich mal dreckig gemacht hat“ Darauf fiel mir dann auch nichts mehr ein…
Tanja

ina · 14. März 2017 um 9:08

Ja ein Buch, da muss ich deiner Frau recht geben! Ich mag auch keine kalte Pizza, die wird bei uns aber auch nie bis zum nächsten Tag überleben, wart mal ab bis deine Kinder in die Pubertät kommen, spätestens Abends gerne nach 23.00Uhr wird die Küche merkwürdigerweise immer bevölkert und nach essbarwm durchforstet.

LG aus Norwegen
Ina

Kristin · 14. März 2017 um 9:52

Herrlich!!!

Antje · 14. März 2017 um 9:53

Stufe 1: Wollsocken!
Muss man nicht tgl waschen, sondern nachts lüften.
Spart viel Wäsche und Sockenzusammengesuche
Stufe 2: Wollhemden (nach bedarf, woll-seide Mischung auch für wärmere Jahreszeiten
Stufe 3: Unnützes heimlich an Silvester in der Weltraum katapultieren

Elter · 14. März 2017 um 9:57

wtf eigtl? 5? ^^

    leitmedium · 14. März 2017 um 9:59

    Die .de-Domain war nicht mehr frei… und „wtf“ fasst so einige Erlebnisse mit vielen Kindern gut zusammen 🙂

      Elter · 11. April 2017 um 10:06

      Ich kann mir die Adresse jetzt auf jeden Fall besser merken! 😀

Daniela · 14. März 2017 um 12:28

Hach… ich weiß auch nicht. Ich fand es letzte Woche schon so toll, diese Woche hab ich mir deinen Post eingeteilt- ja, richtig, wie eine feine Pralinenpackung. Immer nur ein Stückel lesen, genießen. Dann erst weiterlesen. Ich hab dich ja schon mal gefragt: wie machst du das? Aber egal, Hauptsache Du schreibst. Danke dafür!

Nadine · 14. März 2017 um 20:29

Wir. Wollen. Ein. Buch. Jawohl!

yasmine · 15. März 2017 um 12:42

Vielleicht solltet ihr Prepper werden
http://www.bbk.bund.de/DE/Ratgeber/VorsorgefuerdenKat-fall/Pers-Notfallvorsorge/Lebensmittel/lebensmittel.html

Dann hättet ihr immer genug daheim!
Versuchen das schon länger, immerhin ne Liste mit Notfallrezepten samt zu kaufender Lebensmittel hab ich schon (für 14 Tage. Und 5 Personen wohlgemerkt), aber in die Speisekammer haben die es noch nicht geschafft. Immerhin hat mein Mann „Notfall-Wasserflaschen“ gebunkert..hinter der Küchenzeile, jaaha!

    leitmedium · 15. März 2017 um 14:23

    Ha, darüber hatten wir erst letztens nachgedacht und ich hatte schon etwas für eine folgende Morgenpost notiert. Danke für die Erinnerung 🙂

Über Minimalismus, eine Po-Dusche, olfaktorische Halluzinationen, Prepper und ALF - vier plus eins · 21. März 2017 um 0:12

[…] ich: Jetzt sind wir wenigstens „gemeinsam ganz unten“. Ein neuer Arbeitstitel – hier: fürs Enthüllungsbuch. Und: Sorry, Foodora, aber leider triggert uns jetzt Eure Tüte und wir können nie wieder bei Euch […]

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