Über Minimalismus, olfaktorische Halluzinationen, Prepper, ALF und PINs

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Minimalismus

Ob sie mal kurz mit mir reden könne. Sie hätte da ein Buch gelesen und jetzt müsse Sie über eine Veränderung in unserem Leben sprechen. Eilig gehe ich in Gedanken die Liste der Bücher durch, die in letzter Zeit hier angekommen sind, aber ich komme nicht drauf, worum es geht. Kinderschlaf? Trotzen? Weltrettungs-Kochen? Ihr letztes Buchprojekt war so ein Gesundheitskochbuch und hat uns Sauerkraut-Brötchen beschert, gegen die die Kinder erfolgreich eine Gegenrevolution angezettelt haben. Du willst wieder etwas experimentelles Kochen?, frage ich vorsichtig. Neinnein, Minimalismus, sagt sie. Das sei jetzt so ein Ding. Das Leben entschlacken. Das könnten wir doch jetzt auch machen. Aha, sage ich – nur halb erleichtert. Ja, und sie hätte auch gleich eine Idee. Wir sollten anfangen, unsere Bücher auszumisten. Einfach ein paar Kisten voll aussortieren. Mich beschleicht das Gefühl, dass sie mit „wir“ eigentlich mich meint, weil ausmisten sollen ja immer lieber die anderen. Na, sie könne doch gleich mit dem neuen Buch anfangen, schlage ich statt dessen vor, ernte aber kein Kichern. Weil, Minimalismus damit zu beginnen, erstmal ein Buch zu kaufen, das einem erkläre, andere Bücher wegzuwerfen, sei doch paradox, oder? Auch der Anlauf, den Scherz zu erklären, funktioniert nicht.

38 Dinge

Ein heikles Thema offenbar. Ob ich nicht wisse, dass es jemanden gäbe, der nur achtundreißig Dinge besitze. Achtundreißig! Das solle man sich mal vorstellen. Warum im Himmel nicht vierzig?, denke ich. Wenn ich wüsste, dass ich achtunddreißig Dinge hätte, könnte ich nicht ruhig schlafen und würde mir überlegen, was ich tun müsste, um wenigstens die vierzig vollzumachen. Das sei ja alles durchaus interessant, gebe ich zu. Ich könne mir aber nicht vorstellen, dass der 38-Dinge-Mensch drei Kinder habe und im Landhaus gerade erst die Mucklas eingegezogen sind. Und, seien wir doch mal ehrlich, wir sind eben mehr Büllerbü-verkramt als American Psycho-ordentlich. Und wenn ich mich an meine Kindheit denke, erinnere ich mich gern daran, mich durch die Dinge der Erwachsenen zu wühlen. Oder ob unsere Kinder lieber auf so weiße leere Regale schauen sollen, in denen einzelne Accessoires stünden, die sie dann auch lieber nicht anfassen dürfen? Sie sieht mich unzufrieden an, wie sie es immer tut, wenn es nicht ganz so klappt mit den Plänen.

Muff

Zugegeben, ein wenig mehr Weniger könnte unsere Wohnung durchaus vertragen. Das fiel mir gerade erst wieder auf, als ein guter Freund nach einem Besuch unsere Wohnung verließ und meinte, hier würde es so schön gammelig riechen. Gammelig?, frage ich und mache mir eine kurze Notiz, die Freundschaft umgehend zu beenden. Ja, so … schön nach Leben irgendwie. Wie überhaupt ganz Ost-Berlin. Und ich solle ihn da jetzt nicht falsch verstehen. Er sei ja schließlich hierher gezogen. Ich verstehe kaum ein Wort, beende die Freundschaft aber nicht und versuche seitdem, unsere Wohnung zu erriechen, was mir nicht ganz gelingt. Immerhin erhalte ich auch ein Geruchs-Lob. Von fraumierau! Ich würde so gut nach Lavendel riechen, stellt sie überrascht eines morgens fest. Das tut sie eigentlich jedes Mal, wenn ich diese eine Gesichtscreme nehme. Ob es so unnormal sei, dass ich gut rieche, frage ich. Na, sonst würde ich ja schon ein wenig muffig riechen. Also nicht schlecht jetzt, schiebt sie schnell mit den Armen wedelnd nach. Nur eben so … muffig. Ob ich verstehen würde, was sie meine. Äh, nein? Na, … sie wolle sich jetzt nicht um Kopf und Kragen reden, das sei ja nichts Schlechtes. Ob ich auch mal ihre Augencreme benutzen wolle, versucht sie, abzulenken. Ach, passe ihr an meinen Augen auch etwas nicht, frage ich leicht betroffen. Nein, nein, ganz ohne Grund. Aus der Nummer kommt sie nicht mehr raus.

Nachruf

Aber ich bin gedanklich eh noch beim Thema Geruch, denn der hat mich in letzter Zeit beschäftigt – bzw. verlassen. Das liegt daran, dass ich zwei Wochen lang, „olfaktorische Halluzinationen“ hatte, wie mir eine „google-deine-Symptome-und-sei-Dir-sicher-dass-Du-bald-sterben-wirst-Recherche“ ergab. Ich habe, kurz gesagt, zwei Wochen lang permanent Zigarrenrauch gerochen. Da bin ich nicht ganz allein mit dem Symptom und von irgendwas in der Nase bis zum obligatorischen Gehirntumor ist alles drin. Als ich sie vorsichtig auf meinen überraschend kurzfristig anstehenden Tod vorbereite, meint sie trocken, sie würde sich ja eh einmal die Woche Gedanken machen, wie es so ohne mich weitergehe. Ich sei ja schließlich bald vierzig, würde in der Stadt Rad fahren und man könne ja nie wissen und ihr sei aufgefallen, dass sie meine Passwörter nicht habe und sie überlege, wen sie dann um Hilfe bitte. Ich warte auf ein „Alles nur ein Scherz!“-Lachen, aber es kommt nicht. Und sie hätte auch gelesen, dass wir eine Sorgerechtsverfügung machen müssen. Wo kriegt man denn eigentlich drei Kinder gemeinsam unter? Wir unterscheiden uns ja darin, dass sie sich in Gedanken immer auf die größtmögliche Katastrophe vorbereitet, während ich lieber unbeirrt ins Chaos reinschlittere und dann mal sehe, wie es weitergeht. Aber, das müsse sie nochmal unterstreichen, es sei mir verboten, vor ihr zu sterben. Was solle sie denn dann machen. Awww. Manchmal ist das mit dem Tod ja auch einfach romantisch.

Nahtod

Eine Nahtoderfahrung war diese Woche auch „Magen-Darm“. Ich hasse ja diese Bezeichnung, denn sie klingt schon so magen-darmig. Und, Achtung, es folgen einige Details. Nur so als Trigger-Warnung. Es beginnt jedenfalls immer damit, dass sich ein Kind übergibt. Dann stellst Du die innere Uhr auf drei Tage. Diese typische Inkubationszeit bleibt Dir maximal, bis die Wohnung einem Lazarett gleicht, es allen hundedreckig geht und Du Dir sicher bist, dass es keinen Gott gibt, denn der hätte Noro- und Rotavirus definitiv nicht mit auf die Arche Noah gelassen. Ich kann mich gar nicht dran erinnern, vor den Kindern, mal an so etwas erkrankt zu sein. Jetzt gehört es zum guten Ton, das alle drei bis sechs Monate durchzumachen und sich jedes Mal zu ärgern, dass man nur ein Bad hat. Es sind wirklich absurde Zustände, die wohl nur andere Eltern verstehen können, wenn eine ganze Familie sich brechend und durchfallend durch den Tag schleppt.

Gemeinsam ganz unten

Ich will jetzt auch gar nicht ins Detail gehen, aber ich könnte da prinzipiell gut drauf verzichten. Auch auf diesen tagelangen Kampf mit sich selbst und dem sich-selbst-gut-zureden „Nein, diesmal bleibst Du verschont“. Und das panische „Moment, jetzt ist mir aber doch übel? Oder?“. Es wird einem ja immer sofort übel, sobald sich das erste Kind übergeben hat. Da erlaubt sich das Gehirn dann so seine Späße und man weiß gar nicht mehr, wie es einem nun selbst wirklich geht. Und der verständnislose Blick des Babys beim Kotzen, als wolle es sagen „Was soll denn die Scheiße jetzt? Kann das jemand abstellen?“ Dann kommt auch noch die Panik vor Nebenwirkungen. Zum Beispiel wenn fraumierau morgens aus dem Bett kriecht und mich anfleht, ihr schnell einen Kaffee zu machen, bevor es wieder losgeht, weil vielleicht bleibe der eine ja lange genug drin und sonst hätte sie zu allem Überfluss auch noch Koffeinentzug. Und spätestens, wenn sie sich kurze Zeit später mit einem „Oh, nein, der Kaffee!“ in die Foodora-Tüte übergibt, weil das Bad von den Kindern besetzt ist, denke ich: Jetzt sind wir wenigstens „gemeinsam ganz unten“. Ein neuer Arbeitstitel – hier: fürs Enthüllungsbuch. Und: Sorry, Foodora, aber leider triggert uns jetzt Eure Tüte und wir können nie wieder bei Euch bestellen.

(Krank rumhängen mit dem Babysohn)

Prepper

Schlimm ist ja, wenn man nicht raus kann und sich die Vorräte langsam dem Ende zuneigen. Auf meiner ewigen Todo-Liste steht daher „endlich ordentlich Vorräte besorgen“. Spätestens seit Trump macht es ja wieder Sinn, Lebensmittel für ein paar Wochen zu bevorraten. Man weiß ja nie. Dann ist man ein „Prepper“, lernte ich letztens. Ich stelle mir dann immer vor, so eine ordentliche Lebensmittel-Kammer mit sortierten Vorräten und einem Klemmbrett mit einer Übersicht zu haben. In der Realität hat man dann aber nur zwei Packungen Nudeln, eine Dose Baked Beans und Thunfisch, der letztes Jahr abgelaufen ist. Jedes Mal. Auf Amazon gibt es für Faule mit zu viel Geld Jahres-Familien-Notfallvorräte zum Preis eines Gebrauchtwagen – mit beeindruckenden Produktfotos. Silberwasser gibt es auch dazu!

(Die Postapokalypse kann kommen! Quelle)

Könnte man ja mal drauf sparen, braucht dann aber gleich noch ein eigenes Zimmer. Und natürlich Notfalltelefone. Überhaupt, hier mal die Frage: Ab wann schummelt man seinem Kind eigentlich heimlich ein Telefon mit in die Schule, damit es auf dem Heimweg ggfls. anrufen kann?

Anrufe

Der Sohn (4) liebt weiterhin seine eigenständigen Anrufe mit dem Festnetztelefon. Auf das Wort „Fuck“ verzichtet er beim Besprechen von Anrufbeantwortern er mittlerweile immerhin. Dafür hat die Frequenz, mit der er mich im Büro anruft, stark zugenommen.  Kaum sitze ich am Schreibtisch, klingelt es. „Papa, Du hast mir nicht die Zähne geputzt, Tschüss!“. Bevor ich nur ein Wort gesagt habe, legt er schon wieder auf. Und ich habe auch noch ein schlechtes Gewissen. Das wird wenige Minuten später geschickt genutzt. „Papa, kannst Du Schokolade mitbringen?!“. Dennoch frage ich nach, ob Mama das denn erlaubt hätte. „Hmm…… ich rufe nochmal an!“. Klick. Eine halbe Stunde später „Papa, ich vermisse Dich, Mama hat gesagt, Du sollst SOFORT nach Hause komme“. Im Hintergrund höre ich ein hektisches „Nein, das habe ich nicht gesagt“-Dementi. Gleichzeitig chattet mich die Tochter übers iPad an und schickt mir traurige Smileys, weil ich den Tidal-Account gekündigt habe und Spotify hätte so wenig Hörspiele.  Als es ein paar Stunden später wieder von zu Hause anruft, bin ich schon auf neue lustige Gespräche eingestimmt, es ist aber fraumierau, die fragt, ob ich ihren Schlüssel hätte. Nein, bestätige ich ihr, woraufhin sie kurz „Shit!“ ins Telefon schnaubt und auflegt.  Anrufe dieser Art haben ja eine ganz besondere Tradition bei uns und die sollte ich wohl noch einmal gesondert aufschreiben.

PINs

Wenn ich nicht telefonisch aufgeklärt werde, was gerade zu Hause passiert, hält mich zumindest Amazon auf dem Laufenden. Da trudelt dann eine „Danke, dass sie Film XYZ gekauft haben“ per E-Mail ein und ich grüble, ob das jetzt mit oder ohne Wissen von fraumierau geschehen ist. Man braucht an den Geräten ja immer eine PIN zum Einkaufen, aber an die Erinnern mich die Kindern gern zu jeder Gelegenheit – auch in der Straßenbahn, wenn ich sie gerade nicht brauche. Das dämliche PIN-System haben sich definitiv nicht-Eltern ausgedacht. Ich muss immer an diese Szenen als ALF denken, in denen ALF mit den Familien-Kreditkarten wild Sachen bestellt. Immerhin haben die Kinder erst spät davon Wind bekommen, dass Amazons Echo mit „DEM“ Amazon verbunden ist und man theoretisch damit Sachen bestellen kann. Danke, dass man dieses Feature abstellen kann! Vielleicht sollte ich ja doch mal die PINs ändern.

Keine Geschichten verpassen? Folgt vierpluseins auf Facebook oder lest meine Frühstücksgeschichten auf Instagram.

Alte Montagspostings findet Ihr hier.

Kategorien: Montagspost

leitmedium

Parteiloser Postprivatier.

7 Kommentare

Elena · 21. März 2017 um 1:08

Ich glaub, ich höre jetzt zum Einschlafen ALF.
Eine willkommene Abwechslungs zu Benjamin Blümchen…

ankemaria · 21. März 2017 um 11:04

hahahah, Familien-Magen-Darm, das fand ich bislang nie zum Lachen, aber gerade habe ich wirklich losprusten müssen.

Und der verständnislose Blick des Babys beim Kotzen, als wolle es sagen „Was soll denn die Scheiße jetzt? Kann das jemand abstellen?“

Grossartig! Danke, wenn es bei uns das nächste Mal losgeht, rufe ich schnell diesen Beitrag auf, dann gehts mir bestimmt gleich besser.

Herzliche Grüße

Jana · 21. März 2017 um 13:03

Wieder super lustig. Richtig krank finde ich es inzwischen, dass mich beim ersten Anzeichen von Kotzerei so eine leichte Euphorie beschleicht , weil man dann weiß, dass man es dann wenigstens hinter sich hat und nicht mehr tagelang Paranoia schiebt. Denn ganz ehrlich , man kommt doch nie drumherum…

    Susa · 21. März 2017 um 13:59

    Die Magen-Darm-Paranoia…. Es ist so unendlich beruhigend zu lesen, dass meine Hysterie diesbezüglich nicht außergewöhnlich hysterisch zu sein scheint.
    Und ja Jana, die Erleichterung habe ich tatsächlich auch schon empfunden, als der große Sohn uns den Balkon vollgekübelt hat, während der Mann sich auf dem Klo erbrach und der kleine Sohn vor Erschöpfung schlief. Wenn’s alle auf einmal erwischt, lauscht man wenigstens nicht Nachts in die Stille hinein, ob es nicht vielleicht doch jetzt gleich den einen oder anderen ereilen könnte…

    Danke @leitmedium für die herrliche Rückblicke! Selbst ein Magen-Darm-Infekt bekommt da etwas Verzückendes.

gregorsedlag · 22. März 2017 um 0:47

Ich bin der vermeintlich »gute Freund«, der sich über den Geruch in Familie Mieraus Wohnung beschwert haben soll. Es war aber ganz anders.

Ich habe über meine neophile Mutter geklagt, die vielleicht aus früher Kriegserfahrung die ›Stunde Null‹ in ihrem Leben konsequent durchgesetzt hat, und alles, was vor 1946 erbaut worden ist, als »ollen Gammelkasten« bezeichnet hat.

Das habe ich immer bedauert, und war deshalb immer fasziniert von der unendlich kramtüdeligen Altbauwohnung meiner kürzlich verstorbenen Tante in Moabit, in der ich regelmäßig seit Kindertagen zu Besuch sein durfte.

Im Gespräch mit Caspar habe ich gesagt, so eine »gammelige« Wohnung (Altbau!) wie hier wäre für meine Mutter (die Schwester meiner Tante) ein No-go gewesen.

Was Caspar dann daraus gehört haben will, habt ihr ja oben gelesen.

    Joy · 29. März 2017 um 23:24

    kramtüdelig ist ein wirklich wundervolles wort!

Bodschadablog · 23. März 2017 um 8:36

Immer wieder herrlich erfrischend deine Beiträge, die lese ich immer sehr, sehr gerne! Ein ums andre Mal frage ich mich, ob du in der Arbeit eigentlich zum arbeiten kommst…? 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.