Über endlose Filmtrailer, Krampus-TV, blutiges Theater und eine Nasenspitzen-Intrige

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Trailer gucken

Woher ich denn bitte wissen solle, was ein Krampus ist, frage ich. Nicht „ein“ Krampus, entgegnet sie. DER Krampus! Leicht konsterniert starren wir alle auf den Bildschirm, auf dem das Pause-Zeichen das vorläufige Ende des Fernsehabends einläutet. Dabei hatte es gut begonnen. Wie jeden Freitagabend habe ich mit den Kindern nach unzählige Trailern einen Film ausgewählt. Ich vermute manchmal, sie sind auf den Trichter gekommen, die Länge des Fernsehabends durch das „ach nein… nein, den auch nicht…“-Rummäkeln an Trailern zu verdoppeln. Irgendwann neigt sich dann aber die Auswahl einem Ende zu und diesmal fand sich ganz am Ende ein Weihnachtsfilm FSK 6. Das klang doch ganz gut. Und die Filmausschnitte sahen auch nicht schlimmer aus als die üblichen Zumutungen der „Filme für die ganze Familie!“.

Krampus-TV

Vielleicht stand da auch wirklich etwas von Krampus im Ankündigungstext. Und wenn, dann hätte ich es für etwas Essbares gehalten, denn ich kannte das Wort nicht. Es war dann ja auch ein Weihnachtsfilm. Und Kinder kamen auch drin vor. Allerdings gab es da finstere Wälder, Opfer in Krankenhäusern, viele Schreckensmomente und überhaupt: den Krampus, der offenbar so eine Art Antichrist der Weihnachtszeit ist. Jedenfalls war dieser Film definitiv nicht für unsere Kinder geeignet und selbst wir Erwachsenen waren ein wenig betroffen von den Blair Witch Szenen im Wald. Da sei beim Filmdreh vielleicht etwas durcheinander gekommen, erklärte ich den Kindern. Und die Kratzspuren an den Bäumen vom angeblichen Krampus war bestimmt nur ein Dachs. Ob ich den toten Dachs aus der dunklen Höhle meinen würde, fragten sie skeptisch nach. Das hier war der Freddy Krüger Moment der Kinder. Da ich das hier ja wohl ein bisschen verkackt hätte, müsste ich das auch wieder gerade biegen, raunt sie mir leise zu. Immerhin, nur für die Großen, merke ich an. Der Kleinste hatte wieder seine eigene Sichtweise auf das Leben und drumherum und beruhigte die Geschwister mit der Erklärung, dass die Machete des Verbrechers im Film sicher nicht gefährlich sei, er habe nur die Länge der Klinge messen wollen! Manchmal möchte ich ja auch in diesem Universum leben, in dem alle Gläser ausnahmslos mindestens halb voll sind. Nach Abbruch des TV-Unfalls jedenfalls musste ich ablenken und schlug vor, am Wochenende so ganz ohne Bildschirm entspannt ins Kindertheater zu gehen.

Theater

Das war auch eine gute Idee, denn da gab es ein Stück für kleine Kinder – thematisch passend zur Jahreszeit. Wie schön, mit der Familie am dunklen Nachmittag romantisch ins Theater zu gehen, dachte ich, als die Vorstellung begann. Sollten wir viel öfter machen. Ist ja auch wichtige Kultur – und nicht so brutal wie irgendwelche falsch gelabelten Filme in Scheiß MagenaTV. Und während ich das Kulturprogramm der nächsten Wochen entwarf, guckten mich drei Kinder und eine Erwachsene fragend an, als es auf der Bühne hieß: „… dann schlag ich Dich tot!“. Eigentlich handelte das ganze Stück davon, dass eine Schwester der Anderen mit dem brutalen Tod drohte, um dann, damit nicht genug, hochmoralisch und ausufernd theatralisch im Schneesturm verendete, während die zurückgelassene vereinsamt zurückbleibt. Ja, das, sei ja jetzt auch eben manchmal ein hartes Pflaster mit den Märchen, winde ich mich raus. Und vielleicht könne ja mal jemand anderes die Film-und-Theater-Planung machen? Die Stelle sei gerade frei geworden. Leicht sehne ich mich danach zurück, die Kinder nur vom Teletubbies-Schock retten zu müssen.

Nasenspitzen

Die vakante Stelle findet nicht sehr viel Anklang, denn alle tippen sich sofort mit dem Finger auf die Nasenspitze. Also alle bis auf mich. Und das bedeutet: Ich bin weiterhin für die Unterhaltungsauswahl zuständig – und dann im Zweifelsfall eben schuld. Denn, vor einigen Wochen wurde hier verkündet; wenn jemand sagt, dass was gemacht werden muss, muss man ganz schnell mit dem Zeigefinger die eigene Nasenspitze berühren, dann ist man nicht dran! Warum das jetzt so ist, konnte nicht geklärt werden. Jedenfalls wachen die Kinder morgens manchmal schon mit dem Finger auf der Nasenspitze auf, weil sicher ist sicher. Bei mir scheint dieser Trick nicht zu wirken, denn selbst wenn ich es rechtzeitig schaffe, meine Nase zu berühren, werde ich darauf hingewiesen, dass ich trotzdem dran sei. Warum? Weil das eben so ist, da könne man nichts machen. Ich wüsste schon, was ich falsch gemacht hätte. Das weiß ich nicht, nicke dann aber schuldbewusst, um wenigstens kompetent zu wirken. Mittlerweile vermute ich aber, dass hier eine ganz miese Intrige am Start ist, denn seit Einführung der Finger-an-Nase-Regel muss ich eigentlich immer alles machen.

[Update]

Der schuldige Impuls für die Nasen-Sache wurde gefunden. Bei uns ruft aber niemand „muss nicht“ und jetzt lasse ich einfach alles rückwirkend für unwirksam erklären!
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Kategorien: Montagspost

leitmedium

Parteiloser Postprivatier.

12 Kommentare

miriam · 3. Dezember 2019 um 8:53

Sorry wegen der Nasenspitzensache. Das kam von mir auf Twitter. Wir regeln hier vieles so. Oder naja, der langsamste Zeigefinger regelt.

Rieke · 3. Dezember 2019 um 9:48

Oder man geht ganz schnell in die Hocke und ruft „nicht sein!“ 😀

Ex-Dorfkind · 3. Dezember 2019 um 9:49

Falls ihr Netflix zur Verfügung und ihn noch nicht gesehen habt, dann kann ich euch als Weihnachtsfilm mal „Klaus“ ans Herz legen. Ich hab ihn zwar bisher nur mit Erwachsenen gesehen, aber er ist zauberhaft animiert, hat ein tolles Charakterdesign und sollte auch für kleine Kinder gut verständlich bzw. nicht erschreckend sein.

    leitmedium · 3. Dezember 2019 um 10:39

    Witzig, woanders wurde ich gerade explizit vor Klaus gewarnt. So verschieden sind immer die Einschätzungen – weswegen es ja auch schwierig ist, mit Kindern *den* Film zu finden. Ich schau auf jeden Fall mal rein 🙂

Natascha · 3. Dezember 2019 um 10:03

Kennt Ihr „Mein Freund Knerten“? Eine tolle Filmreihe, auch mit einen schönen Weihnachtsfilm. Eigentlich für Jüngere (ab c.a.4 geeignet) aber auch der 10-jährige guckt gerne mit. Gibt es bei Prime.
Ich (Kölnerin) beneide Euch Berliner*innen sehr un Eure Kindertheaterlandschaft. Da lohnt es sich definitv, nochmal in die Spielpläne zu gucken!!! Und evtl mal mit den Kindern getrennt gehen, je nach Alter. Das mache ich hier so, denn es ist schwer, etwas zu finden, dass für 10- und 4-jährige gleichermaßen spannend ist. Kennt Ihr das Theater Parkaue, das Theater Strahl, Schaubude, Atze?
In welchem Theater und welchem Stück seid Ihr denn gewesen? Liebe Grüße p.s. wieder superwitziger Text! Mit dem Finger an der Nasenspitze vorsichtshalber aufwachen. 🤣

    leitmedium · 3. Dezember 2019 um 10:40

    Ich kenne die meisten Theater davon, und die Kinder auch einige. Ich finde ja mal einen Fehlgriff auch nicht schlimm, das passiert eben und macht Theater ja auch irgendwie lebendig 🙂

Sophie · 3. Dezember 2019 um 13:23

Ich kenne das Nasenspitzetippen als „nose goes“ aus dem englischsprachigen Raum. Mit dem Zusatz macht es etwas mehr Sinn. Ein unliebige Aufgabe, die keiner machen will? Eine Person am Tisch/im Raum/im Orga-Kommitee sagt „nose goes“ und dann tippen alle so schnell wie möglich an die Nase. Der/die letzte , der die Nase erreicht muss die Aufgabe übernehmen.

Richard & Hugo · 3. Dezember 2019 um 15:35

Großartig, das mit dem Finger auf die Nase tippen, muss ich mir merken. Wenn ich das zu Hause als erster einführe, kann ich immer sagen: „du bist dran, das ist halt so“. 🙂
LG, Richard & Hugo vom https://www.vatersohn.blog

2xMama · 3. Dezember 2019 um 15:56

Das mit der Nase kenn ich nicht, bei uns gab es „Tip top Boden berührt, keine Widerrede UKW“, (das UKW stand wohl für „und keine Widerrede“ – jaja doppelt hält besser) das alles möglichst laut brüllen und dabei den Boden berühren. Damit konnte man gefühlt so ziemlich alles bestimmen….nur die Eltern wollten nicht so recht mitmachen ;). Ich hoffe, dass meine Kinder das noch lange nicht kennenlernen.

Angi · 4. Dezember 2019 um 14:55

Also, ich komm ja aus dem Land der Krampusse und kann hinzufügen, dass bei uns ab Anfang November die Plakatwände mit Werbungen für sog. Krampusläufe zugepflastert werden – das sind Veranstaltungen in echt, wo diese grauslichen Gestalten mit lautem Getose und Kuhglocken und Ketten umherwirbeln. Bis 5. Dezember (dem Krampustag) dürfen die das und natürlich müssen die Kinder ob des vergessenen Traumas des Vorjahres immer wieder zu so einer Veranstaltung (die SchulkollegInnen sind schließlich auch dort) und haben dann tagelang das Bedürfnis, das Haus nicht zu verlassen… es kann manchmal so schwierig sein…

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