Über Durchhalten auf Reisen, Tischmülleimer und Hotelfernsehen

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Aaaaalter!

Ich könne doch auch mal was sagen, vielleicht? Leicht stubbst sie mich unter dem Tisch an und holt mich ins Jetzt zurück. Wir sitzen im Zug, die Kinder spielen etwas auf dem Pad und ganz kurz hatte ich genossen, einfach nur so dazusitzen und vor mich hinzustarren. Was denn sei, frage ich. Na die Kinder würde die ganze Zeit »Alter!« brüllen. Stimmt. Ich lasse die letzten an meinen Ohrenlidern abgeprallten Minuten Revue passieren und ständig kommentierten die Kinder reihum lautstark, ALTER, dass das Spiel ja wirklich cool sei und, ALTER, krass sei das auch. »Kinder«, sage ich, »Kinder, das geht so nicht. Man sagt nicht >Alter!<«. Kurz herrscht betretenes Schweigen und enttäuschte »Auch Du, Brutus?«-Blicke durchbohren mich. Das halte ich nicht aus. Korrekt heiße das nämlich »Aaaaaaaalter!«, schiebe ich schnell hinterher. Ich habe beschlossen , doch lieber noch ein, zwei Jahre einen auf Vater unter vierzig zu machen. Die Kinder glucksen zufrieden. Von der anderen Seite des Tisches ernte ich kurz einen funkelnden Blick. Ich schiebe ein Stück Schokolade rüber. Der Blick wird sanfter. Situation gerettet.

Durchhalten auf Reisen

Reisen mit mehreren Kindern sind ja immer ein Wechselbad der Gefühle. Jede »umgekehrte Wagenreihung« bedeutet einen kurzen kollektiven Nervenzusammenbruch. Wartezeiten werden mäßig pädagogisch mit »Ja, Ihr könnt noch einen Kakao«, »Ja, Ihr könnt noch einen Muffin«, »ja… ja… ja« in irgendwelchen Bahnhofcafés über die Runden gebracht, die man vor allem aufsucht, weil es kaum noch Sitzbereiche gibt, bei denen man nicht auf dem Bahnsteig schockfrostet. Jedenfalls gilt auf Fahrten: Alles ist erlaubt, was einen mit Restnerven zum Ziel bringt. Übersetzt heißt das »Netflix und Kekse«, ein bisschen ein schlechtes Gewissen und allgemeines Fluchen auf das WLAN im Zug, weil man wieder vergessen hat, Peppa Wutz runterzuladen. Der Kleinste ist dann zurecht empört, schon wieder Paw Patrol sehen zu müssen, wo er ja auch Recht hat. Ich kann zum Ausgleich zwar das väterliche Grunzen aus dem Peppa Wutz Vorspann nachmachen, aber dann gucken die Leute immer so irritiert und fraumierau fragt, ob ich wieder Altherrengeräusche von mir geben müsse.

Tischmülleimer

Die Kinder fahren ansonsten gern weg. Vor allem wegen des Hotelfrühstücks. Das besteht ja eigentlich nur aus Sachen, die es sonst nicht gibt. Man kann schon am Vorhandensein eines Tischmülleimers aus der Ferne vermuten, dass es gleich Freudenjauchzer wegen dieser einzeln abgepackten Nutella-Teilchen gibt. Da brauche ich gar nicht erst mit einem Vortrag über Palmöl und Plastik beginnen. Nutella-Aufreißpackung schlägt scheiß langweilige Bio-Nussnougatcreme. Aber: What happens in the hotel stays in the hotel. Das ist das Fear and Loathing in Las Vegas der Kinder. Wir Eltern löffeln dann verlegen unseren Joghurt mit leicht angesifftem Obstsalat aus nich mehr identifizierbaren Früchten, sehnen uns ein bisschen nach dem Kaffee daheim und nehmen am Ende die angebissenen Brötchen der Kinder „für später“ mit. Das fühlt sich dann immerhin ein bisschen ökoschnöko an.

Hotelfernsehen

Nach dem Frühstück geht die Party weiter. Wenn es auf einer Reise in eine beliebige Stadt mit Sicherheit etwas zu besichtigen gibt, dann den Hotelfernseher! Wir haben vor ein paar Jahren unseren wegen Platzmangel abgeschafft. Meine dezenten Hinweise, dass wir ja dann auch kein Sofa mehr bräuchten und überhaupt, Serien auf einem Computerbildschirm quasi eine Gotteslästerung seien, verhallten bisher. Überwältigt von einem TV in Lebensgröße und leicht überfordert von einer Fernbedienung holen die Kinder pflichtbewusst im Hotel ihre Medienausbildung nach. Dabei müssen wir jedes Mal erklären, dass man wirklich nicht auf Pause drücken oder einfach eine Serie auswählen kann, sondern gucken muss, was gerade läuft. Und dass die Werbung nicht in drei Sekunden überspringen kann. Ab dann wird professionell durchgezappt. Am beliebtesten sind die Sendungen, wo die Polizei auf Streife Autos aus dem Verkehr zieht. Huiii. Zwar sind die Kinder aus dem Friedrichshain einiges mehr gewohnt, aber so aus sicherer Distanz ist das ja auch mal ganz entspannend. Ich musste nur einmal in einer medialen Gefahrensituation eingreifen: Als ich die Kinder morgens hypnotisiert vor den Teletubbies vorfand und sie mit fassungslosem Blick Tinky-Winky, Dispy, Laa-Laa und Po verfolgten, brauchten sie eine kurze Intervention und den Versuch einer Erklärung, was zur Hölle sie da gerade gesehen haben. Ich konnte sie auf eine Snooker-Liveübertragung umleiten, wofür ich immer ein eheliches Kopfschütteln ernte. Aber jeder hat eben so sein Peppa Wutz.

Kartenspiele?

Was ich auf Reisen aufgegeben habe: Die Kinder fragen, ob sie auch etwas vom Gepäck tragen. Das bejahen sie jedes Mal euphorisch und immer wieder falle ich darauf rein. Denn dann stehen sie kurz vor Abfahrt vor der Tür und lehnen mit Verweis auf ihre gefüllten Rucksäcke und die lebensgroßen Kuscheltiere weitere Unterstützung ab. Schließlich würden sie ja wie versprochen beim Tragen helfen! Noch nicht ganz klären konnte ich, was sie da eigentlich alles mitschleppen, denn wenn im Zug mal weder Keks noch Pad zur Hand sind, bricht große Langeweile aus. Auf meine Frage, ob sie denn etwas zum Spielen mitgenommen hätten, zum Beispiel ein Kartenspiel, ernte ich nur verständnislose Blicke. Für so etwas sei nun wirklich kein Platz gewesen. Naja, dann gucken wir eben nach einer Kartenspiel-App. Am Bahnhof habe ich eine Stunde lang vergeblich versucht, ein ganz normales Kartenspiel zu bekommen. Die VerkäuferInnen warfen mir auf meine Frage so einen »armer Alter Mann«-Blick zu und boten mir nur Sammelkartenaufreißpackungen (mit mindestens einer Glitzerkarte pro Set!) an. Aaaaaalter, das nächste Mal packe ich einfach selbst ein Kartenspiel ein.

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Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

5 Kommentare

Ina · 26. November 2019 um 8:36

Dann musst du auf russische Bahnhöfe, da haben wir bei unserer Transsib Tour im letzten Jahr erst ein Kartenspiel gekauft ;-). Unsere Zugreiseprofikinder packen übrigens immer genug Spielzeug ein, die Grundversorgung sind hier Stifte, Papier ,Knete und ein paar Legofiguren. Nach tausenden Kilometern durch Europa und Russland, geht das jetzt alles ganz selbstverständlich das Packen! Also einfach noch mehr Zugreisen würde ich vorschlagen ;-). Und das mit dem nicht aussuchen können was im Fernsehen läuft irritiert hier auch immer unheimlich.

Lg aus Görlitz
Ina

Tanja · 26. November 2019 um 9:15

Guten Morgen,

„ökoschnöko“ – Spitzenwort! 🙂

Alessandra · 26. November 2019 um 9:43

Hier selbige Fernsehirritation. Zu Hause Wutanfall eines Kindes, weil das andere die Serie auswählen durfte, im Hotel beide Wutanfall, weil keiner aussuchen darf! Grrrrr.

Richard · 26. November 2019 um 14:42

Danke für die Zeitreise TV -> Streamen, hatte ich so noch gar nicht drüber nachgedacht…
P.S.: „Fear & Loathing in Las Vegas = geiler Film
P.P.S.: was mache ich, wenn meine Frau keine Schokolade mag? 🙂

LG, Richard vom https://www.vatersohn.blog

Über endlose Filmtrailer, Krampus-TV, blutiges Theater und eine Nasenspitzen-Intrige - vier plus eins · 2. Dezember 2019 um 23:57

[…] Das war auch eine gute Idee, denn da gab es ein Stück für kleine Kinder – thematisch passend zur Jahreszeit. Wie schön, mit der Familie am dunklen Nachmittag romantisch ins Theater zu gehen, dachte ich, als die Vorstellung begann. Sollten wir viel öfter machen. Ist ja auch wichtige Kultur – und nicht so brutal wie irgendwelche falsch gelabelten Filme in Scheiß MagenaTV. Und während ich das Kulturprogramm der nächsten Wochen entwarf, guckten mich drei Kinder und eine Erwachsene fragend an, als es auf der Bühne hieß: „… dann schlag ich Dich tot!“. Eigentlich handelte das ganze Stück davon, dass eine Schwester der Anderen mit dem brutalen Tod drohte, um dann, damit nicht genug, hochmoralisch und ausufernd theatralisch im Schneesturm verendete, während die zurückgelassene vereinsamt zurückbleibt. Ja, das, sei ja jetzt auch eben manchmal ein hartes Pflaster mit den Märchen, winde ich mich raus. Und vielleicht könne ja mal jemand anderes die Film-und-Theater-Planung machen? Die Stelle sei gerade frei geworden. Leicht sehne ich mich danach zurück, die Kinder nur vom Teletubbies-Schock retten zu müssen. […]

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