Über fünf Minuten Ruhe, Nichtstun und lesende Eltern

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Nur fünf Minuten, bitte!

Fünf Minuten. Ob sie uns vielleicht fünf Minuten allein lassen könnten? Wir Eltern haben wieder erfolglos versucht, uns heimlich in die Küche zurückzuziehen und hinter der Espressomaschine zu verstecken. Noch immer hängen wir der romantischen Vorstellung hinterher, einen kurzen Moment am Tag ohne die Kinder als Paar verbringen zu können, obwohl die Kinder auch in der Wohnung sind. Die ursprüngliche Annahme, mehrere Kinder würden sich ja gegenseitig beschäftigen, stellte sich leider als Ammenmärchen raus. Zudem üben Eltern eine magische räumliche Anziehungskraft aus. Meine Feststellung, dass eine Dreizimmerwohnung für fünf Personen nicht reicht, muss ich hiermit offiziell zurückziehen. Da sich die gesamte Familie immer auf einer Fläche von vier Quadratmetern drängt, können wir es bei der nächsten Wohnung auch bei einer Wohnküche mit Familienbett belassen. Das ist bestimmt auch viel ökologischer. Nur mehrere Badezimmer, die hätte ich gern.

Nichtstun

Immerhin habe ich neuerdings die Taktik, mich manchmal heimlich hinter die LEGO-Burgen und Spielständerzu schleichten und dort einfach eine Viertelstunde zu liegen und nichts zu tun. Nichts tun, das muss ich vielleicht erklären, ist, wenn man einfach so vor sich hin existiert, die Wand anstarrt und dabei nicht darüber nachdenkt, wie man bis morgen noch schnell Mausohren bastelt. Jedenfalls sind die Bereiche hinter dem Spielzeug die besten Verstecke, insbesondere wenn die zweite Elternhälfte die Kinder woanders magisch anzieht. Manchmal wird man gesucht, dann muss man ganz leise atmen und hat vielleicht noch eine Minute länger. Leider gehen mir langsam die Ausreden aus, warum ich denn regungslos unter einer Decke hinter den Bausteinen liegen und nicht antworten würde. Ich habe dort nun bereits offiziell mein Handy, meinen Schlüsselbund und ein Buch gesucht und meine Ohren sind ja auch nicht mehr die besten, nicht wahr. Lieber bei den Kindern als altersschrullig gelten und dafür fünfzehn Minuten Nichtstun erkaufen.

Einfach nur lesen

Letztens habe ich während meiner heimlichen Viertelstunde überlegt, warum ich mich am Wochenende eigentlich nicht einfach in einen Sessel setze und etwas lese. Ich habe noch Kindheitserinnerungen, wie eine Vaterfigur mit aufgeschlagener Tageszeitung und einem Stapel Bücher regungslos im Schaukelstuhl verharrt und dabei „lass mich in Ruhe“ ausstrahlt. Damals war das natürlich eine Enttäuschung, heute bin ich manchmal ein bisschen neidisch. Leider bringe ich das Nachmachen nicht übers Herz denn bei aller Schaukelstuhl-Nostalgie bleibt das Problem, dass dieses Prinzip wohl auf einer einseitigen elterlichen Arbeitsteilung beruht. Es gibt ja immer einen Haken. Mein Schaukelstuhl sind jetzt die täglichen fünf Minuten, wenn ich vor fraumierau im Bett bin (Es ist ein Wettrennen, weil die letzte Person muss die Handys in die Ladestationen stecken und das Licht in der Wohnung ausmachen) und noch ganz schnell etwas lese. Alles über einem Absatz gilt als erfolgreicher Lese-Abend.

Deep Work

Zum letzten Weihnachtsfest habe ich den Coup versucht und mir Noise Cancelling Kopfhörer gewünscht, weil ich die „im Büro“ brauchen würde. Was niemandem aufgefallen ist: Ich arbeite meistens von zu Hause, also ist das Wohnzimmer mein Büro. Genau da können die Kopfhörer jetzt noise canceln. Zum Beispiel klirrende Bausteine, die vierundzwanzigste Bibi und Tina Wiederholung und die Nachfragen, wann nun endlich Vesper-Zeit sei. Leider stellte sich heraus, dass zwar Presslufthammer, Autolärm und die Türklingel (DHL!!!) ziemlich gut in der Lautstärke reduziert werden können – Kindergeräusche jedoch nicht. Meine höfliche Nachfrage an die Kinder, warum sie denn eigentlich den ganzen Tag so schreien müssten, wurde mit einem geschrieenen „Weil wir schreien wollen!“ beschieden. Mein Vorschlag, sie könnten es doch mal mit gleichmäßigem Summen zur Kommunikation probieren, weil die Technik das besser leiser machen könne, wurde ignoriert. Dabei hatte ich letztens erst in einem Artikel über »Deep Work« erfahren, dass Menschen so unheimlich produktiv sein können, wenn sie ablenkungsfrei konzentriert an nur einer Aufgabe arbeiten. Diesen Zustand werde frühestens in zwanzig Jahren erreichen. Aber was mich so irritiert: Der Autor hat zwei Kinder und schafft es, sich mit dem Thema Konzentration konzentriert auseinanderzusetzen. Entweder ist das alles ein Schwindel, er ist ein Schaukelstuhl-Dad oder bei mir läuft etwas schief.

Lesende Eltern zu Pflugscharren!

Vielleicht ist es ja auch Selbstverteidigung der Kinder, Eltern nicht lesen zu lassen. Das kann im Einzelfall für sie Schlimmeres verhindern. Vor ein paar Wochen habe ich es zu meiner eigenen Überraschung geschafft, ein Ernährungsbuch zu lesen. Jetzt gehe ich hier allen mit Linsen, Haferkleie und Joghurt (Bakterien!) auf die Nerven und die Kinder sparen schon heimlich ihr Taschengeld auf einen Beutel helle Weizenbrötchen. Das Drama spitzte sich zu, als sich herausstellte, dass es auf dem Schulhof der Kinder eine Selbsthilfegruppe entnervter SchülerInnen gibt, deren Eltern Ernährungsbücher gelesen und verschieden drakonische Konsequenzen daraus gezogen haben. Die Kinder erkennen sich wohl gegenseitig bereits wortlos an den besonders gesunden Vollkorn-Pausenbroten und erzählen sich dann ihre schlimmsten neuen Ernährungsregeln. Nachdem ein Kind wohl jeden Morgen einen Löffel Leinsamenöl zu sich nehmen muss, stehe ich immerhin als eher gemäßigtes Ernährungsbuch-Opfer da.

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Kategorien: Montagspost

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10 Kommentare

Richard & Hugo · 26. Februar 2019 um 8:55

Absatz 1 made my day already…:-)
Die Taktik zum „Nichtstun“ werde ich mir für später merken.
Herrlicher Spaß am Morgen!
LG, Richard & Hugo vom https://www.vatersohn.blog/

Nadine M. · 26. Februar 2019 um 9:02

Vielen Dank für einen weiteren wundervollen, erheiternden Artikel!
Ich erkenne uns so sehr wieder im ersten Teil. Wir wohnen zu fünft (Kinder gleich alt wie eure) in 3,5 Zimmern. Der große Balkon bietet gerade bei Minusgraden die längste „Nichts-tun-Zeit“ und man kann sich gut mit „frische Luft schnappen“ rausreden 😉
Viele Grüße aus München
Nadine

Merle · 26. Februar 2019 um 9:58

Wie immer sehr lustig! Ich muss aber sagen mit zwei Kindern im Alter von 5 und 8 gibt es mittlerweile tatsächlich wieder die Momente, wo wir einfach in Ruhe gelassen werden. Letztes Wochenende hat es sogar zu einer Folge „The Middle“ im Familienbett ohne Kinder gereicht. Also es gibt noch Hoffnung, der Babysohn muss nur noch ein bisschen älter werden.

Veronika · 26. Februar 2019 um 10:08

Ich hatte mir schon bei Geburt vorgenommen, täglich ein paar Minuten “Nichtstun” in meinen Tagesablauf zu integrieren, damit das Kind daran genauso gewöhnt ist, wie ans Spülmaschine-Einräumen. Jetzt ist das Kind 2,5 und hat sich damit abgefunden, dass Muttern nach dem Mittagessen auf der Couch für ein paar Minuten die Augen zumacht und nicht ansprechbar ist. Bisher steht die Wohnung noch und oftmals werde ich mehrere Minuten nicht gebraucht. Bis die Zieh-Raupe auf den Fußboden gepinkelt hat und die Klopapierrolle plötzlich leer ist und überall verteilt. Aber das ist es sind zehn Minute Ruhe definitiv wert ?.

Steffi · 26. Februar 2019 um 10:35

Das klingt sehr nach dem Ernährungskompass ?.

Vielen Dank für die Erheiterung.

Till · 26. Februar 2019 um 10:46

Das mit dem Lesen mit Kindern funktioniert sehr gut, wenn a. die Dreizehnjährige selbst in ein Buch vertieft ist (oder Youtubewhatsappvideos anschaut) und b. der Fastzehnjährige entweder das Tablet in Beschlag nehmen durfte oder selbst in ein Buch vertieft ist. Dann bleibt Zeit, sich in den Sessel zu setzen und ein Buch zu lesen. Oder das Internet.

Nic · 26. Februar 2019 um 11:18

Vielen Dank für eine wie immer äußerst sympathische und liebevolle Darstellung Eureres Familienalltags. Obwohl meine Kinder inzwischen in einem Alter sind (19+15), in dem Eltern sich über jede Minute freuen, die sie mit ihren Oldies verbringen wollen (und believe me, das ist kein Ammenmärchen), erinnerte ich mich sofort daran, wie ich in der Phase, in der ich um jede ruhige Minute gerungen habe, in Rollenspielen jeglicher Art möglichst oft das Phänomen “Nacht” eingebaut habe, um mich einfach kurz mitten ins Chaos legen zu können-leider waren diese “Nächte” immer so gnadenlos kurz…

    Linda · 26. Februar 2019 um 15:50

    Muahahaha 😀

Annika · 26. Februar 2019 um 19:26

? ?
Ich habe angefangen in Rollenspielen der „Stein“ zu sein, der reglos rumliegt. Klappt vorallem gut, wenn das Kind zum Hund mutiert ??

Neeva · 27. Februar 2019 um 19:45

Zumindest für mein Kind scheint Lesen die ultimative Provokation zu sein. Wenn ich räume, koche, Wäsche zusammenlege oder sogar nähe, kann der halbstundenlang alleine spielen.
Kaum klappt Buch oder Kindle auf heißt es „Mamaaa!“.

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