Über Schlüsselkinder, Aquarell-Spermien und Skyr

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

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Schlüsselkinder

Es täte mir wirklich leid, aber sie sollte jetzt eigentlich kein Schlüsselkind mehr sein, erkläre ich ihr. Aber warum denn – das könne doch mal passieren, entgegnet sie. Und sie sei ja nun auch schon groß genug, um ihren eigenen Schlüssel zu haben! Ich wisse ja nicht, aber ich fände es nicht so gut, dass wir nach einer zweitägigen Reise nach Hause kommen und ihr Schlüsselbund vor der Haustür an der Mülltonne hängt. Ja, aber es sei doch nichts passiert! Und eigentlich sei doch nur ärgerlich, dass niemand den Schlüssel ins Haus geholt habe, weil jetzt ist der Schlüsselbund ganz schmutzig. Und ich solle mal an die Schule denken: Wie soll sie das ohne Schlüssel machen? Und mit der Kita? Und einen Autoschlüssel brauche sie ja schließlich auch. Da hat sie schon recht. Und vielleicht sendet es ja auch kein gutes Signal an die Kinder, wenn fraumierau keinen eigenen Schlüsselbund mehr hat. Aber der Moment, wenn Du nach Hause kommst und der komplette Satz Schlüssel für einfach alles tagelang draußen rumhing, lässt einen kurz mulmig werden. Oder man findet eben, es sei nur schade, dass er jetzt schmutzig ist. Wobei wir ja eh eine längere Geschichte mit Schlüsseln haben. Einmal hatte ich den Fehler gemacht, darum zu bitten, mir einen Schlüssel vom Balkon runterzuwerfen. Nachdem er beim letzten Versuch eine Etage tiefer gelandet war, bekam er diesmal besonders viel Schwung.

Ok, zugegeben: Letztes Jahr erst habe ich selber den Autoschlüssel verloren und eine Woche später im Dreck liegend hinterm Haus wiedergefunden. Vielleicht sollten wir den Kindern die Schlüssel anvertrauen. Ohne Kinder sind wir ja eh fast nie zu Hause. Einfach jedes ein Schlüsselbund um den Hals und nichts kann passieren. Auf die Kinder passen wir schließlich auf. Und sie machen sich bei Verlust bemerkbar. Das erinnert mich an die piepsenden Schlüsselanhänger in den 90ern. Das waren so kleine schwarze Plastikdinger. Man musste Pfeiffen und dann piepten sie wie wild. Wirklicher Nutzen unklar. Aber in der Schule waren sie natürlich der Renner, nicht zuletzten weil man im Unterricht nur kurz Pfeifen musste, um jeden zweiten Rucksack zum hektischen Piepsen zu bringen.

Aquarell-Samenfäden und Samt-Geburtskanäle

Das Wort Unterricht ist ja gerade etwas belastet hier. Nachdem man in der Schule vor kurzem leicht verklemmt bekannt gegeben hatte, dass es Geschlechterunttericht geben würde und die Kinder einen grenzdebilen 33 Jahre alten Aufklärungsfilm dazu ansehen sollten, hatte sich fraumierau angeboten, mit den Kindern über das Wachstum im Mutterleib und Geburt zu sprechen. Das wurde dankend angenommen und hier liefen sofort die Vorbereitungen. Ich bin ja einiges gewohnt, aber als sie am Wochenende, dann einen Geburtskanal zum Durchkrabbeln aus rotem Samt nähte, Samenfäden mit Aquarell malte und mich bat, Wasserbomben zu besorgen (Einsatzzweck unklar), freute ich mich schon auf Unterrichts-Anekdoten. Aber dann kam der Anruf, dass sich zwei Eltern beschwert hätten, weil das könne doch nicht sein, dass da jemand von außerhalb was über das Thema erzähle. Und während die Schule ja sonst weitgehend auf die Meinung von Eltern pfeift, ist sie bei diesem überaus sensiblen Thema natürlich sofort außer Rand und Band und hat einen halben Tag vorher abgesagt. Ich glaube, ich melde ab jetzt auch immer Veto an, wenn wieder irgendeine schrullige Lehrkraft Unfug erzählt. Letztens kam eine externe Ernährungsberaterin in die Schule. Irgendwie hat sie geschafft, die circa. fünftausend Jahre alte Ernährungspyramide so zu vermarkten, dass die sich gerade erst selbst zu Vegetariern ernannten Kinder meinten, jetzt unbedingt wieder Fleisch essen zu müssen, weil sie sonst ganz offensicht sterben würden.

Die Kinder haben sofort nachgemalt. Ich hoffe, es wird nicht als verbotenes Zeichen eingestuft.

Aber ohne Unterricht ist immerhin wieder etwas mehr Zeit. Wir haben ja auch genug anderes zu tun. fraumierau war zum Beispiel letztens auf einem InstramerInnen-Event eingeladen. So mit weißer Kleidung und sie. Kurz nachdem sie angekommen war, schrieb sie nur kurz: „Brauche Gesichts-OP!“. Ich vermute ja, auch damit würde sie bei so viel Hohlbirnen auf einem Ort versammelt noch immer auffallen. Von den vielen Kinder-Flecken auf dem ehemals weißen Rock ganz abgesehen. Und die Kinder sind mit ihrem Gesicht auch absolut zufrieden. Nur am Busen gab es letztens etwas zu kritisieren:

Was mich an die hochgeschätzte Celeste Barber erinnert:

Skyr

Immerhin  hat fraumierau überhaupt noch ein Telefon, um Dienste wie Instagram nutzen zu können. Teure Geräte ziehen Kinder ja magisch an. Da war letzte Woche dieser eine „Neeeeiiiiiiinnnn“-Schrei im Haus. Danach passierte alles in Zeitlupe und ich sah, wie der Babysohn am Tisch sitzend genüsslich ein Glas Wasser auf ihr Handy kippte und mit dem Finger kleine Wasser-Mandalas drauf malte. Gottseidank sind die Teile mittlerweile wasserdicht, aber es bleibt die große Frage: Warum? Und: Wie lange noch? Es gibt diese Phase im Leben eines Kindes, wo man nur ratlos daneben steht und mit der einen Hand etwas auffängt, mit dem Fuß den Stuhl am umfallen hindert, während man mit der anderen Hand die scharfe Tischkante verdeckt. Und währenddessen reibt sich das Kind das Gesicht intensiv mit Skyr ein. Wobei  neben der Frage, warum es das tut, die andere Frage ist, was jetzt nun eigentlich wieder Skyr ist, seit wann es das gibt, ob das ein überlebenswichtiger Trend ist, in der Ernährungspyramide von 2.500 v.C. steht und wie es den Weg in die eigene Wohnung gefunden hat. Auf all diese Fragen wusste niemand eine Antwort, aber es eignet sich definitiv gut zum Gesicht eincremen. Und sieht auch nicht anders aus als sonst mit mineralischer Sonnencreme. Puh, zu der gab es ja letztens viele aufgeregte Kommentare bei fraumierau. Offenbar ist das Thema so aufwiegelnd wie Impfen. Meinen Kommentar, man könne sich halt aussuchen, ob man Hormoncreme und Krebs, oder mineralische Creme und eine Psychotherapie nutzen wolle, habe ich mir lieber verkniffen. Das versteht dann wieder niemand. Das vorgebrachte Argument, das Ozonloch sei ja wieder zu, da brauche man überhaupt keinen Sonnenschutz, schon. Manche Probleme löst Darwin dann einfach selbst.

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Ansonsten das wichtigste in Kürze

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Kategorien: Montagspost

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Caspar Clemens Mierau, geboren 1978 in Ost-Berlin, hat das Programmieren auf einem Robotron gelernt und nie wieder ganz aufgehört, sich mit Computern und ihrer Bedeutung zu beschäftigen. Heute arbeitet er als technischer Berater in Infrastruktur- und Security-Projekten, schreibt als promovierender Medienwissenschaftler über die Geschichte und Gegenwart digitaler Systeme – und bewegt sich dabei seit jeher zwischen Kommandozeile und Kulturtheorie.

10 Kommentare

Pia · 5. Juni 2018 um 4:13

Ich bin grad wütend auf die Absage des Unterrichts, obwohl das sicher keine sehr geborgene Reaktion ist.
Aber ich hatte mich schon SEHR auf die Herr Mierausche Reaktion auf die Samt-Geburtsrutsche im Einsatz gefreut (und die Vorbereitungen von Frau Mierau insgesamt sahen sehr gut aus!!).

Ina · 5. Juni 2018 um 8:29

Gibts da jetzt nicht die Schlösser mit Fingerabdruck und so, das wär doch die Alternative. Ist ja doof mit der Unterrichtsabsage, dann noch so kurz vorher, also manche Eltern muss man nicht verstehen. ich habe neulich mein Handy kurz vor dem Baden gehen in einer Schüssel mit Erdbeeren und Milch gerettet, wann die Phase vorbei frag ich mich auch, ich weiß es ja , sind ja schon 3x da durch. Aber was soll man machen wenn das Handy doch auch Hunger hat.Hier gibt schon lange Skyr und ich bin froh, hier gibt nämlich keine Quark und das wenigstens halbwegs ein Ersatz. Keine Ahnung warum es in Norwegen keinen Quark gibt, im Nachbarland Schweden nämlich schon.

LG aus Norwegen
Ina

http://www.mitkindimrucksack.de

    leitmedium · 5. Juni 2018 um 9:02

    Ich liebäugele immer mit so Technik-Kram, aber man liest davon nur schlechtes, was die Sicherheit angeht und dann lieber verlorene Schlüssel als eine offene Tür 🙂

FranziskaS · 5. Juni 2018 um 11:00

Die Frage ist ja auch, bei der Reaktion der Eltern bei der Unterrichtsgeschichte, wie die Schule das Kommuniziert hat….

bei a) „da kommt eine Mutti und die erzählt den Kindern mal wie das so läuft mit dem Kinderkriegen und der Babyentwicklung…. “

hätte ich auch als Elter mal nachgefragt was das soll bei,

b) „es kommt eine ausgebildete Kleinkindpädagogin die gleichzeitig Familienberaterin ist und zufällig auch ein Kind in der Klasse hat“

wäre ich weniger skeptisch.

Aber Schade ist es allemal, vor allem weil die Vorbereitungen schon sehr aufwendig und interessant aussahen.

Vielleicht kann man da ja was anderes draus entwickeln… ein Buch oder Infoheft für Kinder….

Maja Rae · 5. Juni 2018 um 11:49

Also das mit der Absage der Schule ist ja wohl die Höhe! Und dann mit so einer Begründung?! Ich krieg hier Puls, obwohl ich gar nicht betroffen bin!! XD
Ich hätte lieber fraumierau im Unterricht, als so alte Filme, die man dann hinterher wieder erklären muss (da kann ich Aufklärung dann auch alleine daheim machen, danke… -_-).

Skyr kommt aus Island und wird dort seit Urzeiten gegessen. Über den derzeitigen Hype lässt sich sich streiten, aber ich finde ihn super lecker! 😀

Die Unbekannte und der Babymann · 5. Juni 2018 um 14:29

Im Zug sitzend realisiere ich, dass Dienstag und somit Tag der unterhaltsamen paar Minuten ist. Schnell lade ich den Blog, bevor wir ins Empfangsloch rollen. Der Babymann stillt sich in den Schlaf, während ich aus der Ferne: „Guten Tag! Die Fahrkarten bitte!“, vernehme. Als Smombiemama fummle ich mit einer Hand nach dem Portemonaie, die andere hält den Babymann und das Smartphone. Zum Fahrkarte Herausholen lege ich Letzteres auf den Tisch. Die Zugbegleiterin steht neben uns, der Babymann ist von ihr abgelenkt und liegt sie anschauend im Milchstrahl. Ich bemerke den irritiert amüsierten Blick der jungen Dame und stelle fest: auf meinem Telefon steht fast Display einnehmend in fetten Lettern: „Aquarell-Samenfäden und Samt-Geburtskanäle“ ?
Vielleicht sollte ich bald unter „das Leben der Unbekannten und des Banymannes mit den Mireraus“ bloggen.

    leitmedium · 5. Juni 2018 um 14:52

    Ich überlege noch, ob ich jetzt schuld bin oder nicht 🙂

      Neeva · 6. Juni 2018 um 7:46

      Ich dachte, du bist grundsätzlich schuld? 🙂

Katharina · 5. Juni 2018 um 22:03

Bei Frau Mieraus „Samt-Geburtsrutsche“habe ich auch schon voller Vorfreude gefeixt, was es danach hier zum Fremdschämen gibt. Hupsie 😉

Und als ich las, dass Frau Mierau als Externe kurzerhand im Unterricht bei diesem Thema einspringen durfte, war ich schon verwundert. Hier durften eine Musiklehrerin in Elternzeit und eine weitere Mutter nicht mal den freiwilligen Weihnachtschor für eine Lehrerin vertreten. Aus versicherungstechnischen Gründen. Man kennt das ja in diesem Land.
Dann lieber verklemmte Pädagogen oder wie so oft: ganz abgeschafft bzw. „wir können das im Vormittagsbereich nicht leisten“ Gnaaaaaaaaaaaaah

zwerg · 6. Juni 2018 um 20:23

Einfacher wäre es ja, genau diese beiden und nur diese Kinder an dem Tag von der Schule freizustellen, damit die nicht womöglich aus dieser ominösen Quelle ominöse Dinge über Fortpflanzung hören. War ja bisher auch alles seriös hier. Der Rest der Elternschaft schien ja froh zu sein, dass das jemand anderes übernimmt…
Also 2 gegen 28, bei einer Klassengröße von 30. Ach nee, Grundschule. Also 2 gegen 18?
Oder es wird ein freiwilliger Workshop draus gemacht. Mit Anmeldepflicht. Ich will einfach auch von dieser Tunnelerfahrung lesen, verdammt! Und die ganz Arbeit, die Frau Mireau da rein gesteckt hat! Und die Freude!

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