Ungewohnte Ordnung, ein mir unbekanntes Fach, merkwürdige Stoffkreuze und (k)eine Bürste

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Ob wir denn jetzt nach Hause könnten, fragen die Kinder. Nein, das ginge nicht, weil zu Hause sei es gerade ordentlich und das solle auch so bleiben und deswegen müssen wir jetzt noch eine Runde draußen drehen. fraumierau bleibt da diesmal unerbittlich. Sie hat am Freitag einen langen Besprechungstermin und ihn schlauerweise in unsere Wohnung gelegt. Warum genau, erschließt sich mir nicht. Irgendwas mit „praktisch“, meinte sie. Am Donnerstag jedenfalls hat sie alles vorbereitet, während ich die Kinder möglichst lang fernhalte. Ich habe extra zwei Tage Urlaub genommen und es wurde ein „Wir gehen am Abend vorher essen und morgens frühstücken, damit die Wohnung bis zur Besprechung möglichst unangetastet bleibt“-Budget eingeplant. Wenn ich einen Kalender hätte, würde ich diesen Freitag wirklich ankreuzen, denn ich kann mich nicht mehr erinnern, durch die Wohnung gehen zu können, ohne kleinen spitzen Gegenständen ausweichen und mir alle paar Minuten Krümel oder nicht mehr erkennbare matschige Obstreste von der Fußsohle wischen zu müssen. Es trieb mir kurz Freudentränen in die Augen.

Wohnungs-Gespräche ??

Der normal-chaotische Wohnungszustand ist das Ergebnis eines Gesprächs. Vor ein paar Jahren gab es hier eine Diskussion, in der sich herausstellte, dass fraumierau davon ausging, dass ich davon ausgehe, dass sie die Wohnung in Ordnung halten müsse. Deswegen war sie nun genervt und ich auch, weil sie genervt war. Dabei war es ihr Elternhaus, dass ihr das mit dem sie müsse die Wohnung aufräumen beigebracht hatte. Mir war es egal und ich versicherte ihr, dass sie doch bitte lieber Blogposts schreiben als Staubsaugen solle. Mit einer entnervten Frau und einer sauberen Wohnung könne ich wirklich viel weniger anfangen, als mit einer, die gerne arbeitet und einer Wohnung, in die wir halt niemanden einladen. Und wenn mich was stört, kümmere ich mich selber. Naja, oder eben nicht.

So ein bisschen runtergekommen ist es also schon zu Hause, aber die Gesundheit der Kinder ist definitiv nicht gefährdet. Denke ich. Nur manchmal muss man dann auch mal einstecken. Wie letztens, als unsere Gastherme repariert wurde. Zwei vom Vermieter beauftragte polnische Handwerker standen auf einer Leiter, werkelten vor sich hin und blickten von oben auf die Achillesferse unserer Wohnung: die Küche. Während fraumierau im Raum war, lästerten sie auf Polnisch, raunten „Kurwa“, und rümpften die Nase. Blöd nur, dass fraumierau ein wenig polnisch spricht. Ich musste mir das erstmal auf Youtube erklären lassen.

Das unbekannte Fach ?

Ansonsten ist es aber auch manchmal schwierig in der Wohnung. Zumindest mit der allgemeinen Orientierung. Letztens lief ich vor mich hinschimpfend durch die Gegend. Ich hatte im Bad mal wieder notgedrungen zum Himbeershampoo der Kinder gegriffen. In der U-Bahn wird man dann immer so ein wenig schräg angesehen: mittelalter übergewichtiger Herr mit Himbeerduft. Naja, wem’s gefällt, ne? Mir jedenfalls nicht, denn ich rieche dann wie ein Bonbon. Wie diese Himbeer-Bonbons aus der Tüte. Kennt ihr die noch? Also das soll jetzt nicht den Geruch an meinen Körper aufwerten. Jedenfalls schimpfte ich vor mich hin, dass ich hier geschnitten werde, weil fraumierau ständig irgendwelche Proben zugeschickt bekommt und ich wie ein Scheiß Himbeerbonbon rieche. Da meint sie seelenruhig, ich solle doch was aus meinem Fach im Schrank nehmen. Ich so „Äh… ich habe in einem Fach? In einem Schrank?“. Das war mir neu. Ja natürlich, meinte sie und zeigte mir mit diesem leicht herablassenden „Du nun wieder“-Unterton ein Fach in einem Schrank, das ich noch nie gesehen hatte. Dadrin war ein Duschbad für mich. Ich musste fast weinen vor Freude. Danach bin ich durch die Wohnung gegangen und habe alle Schränke geöffnet, nur für den Fall, dass mir sonst noch was entgangen war. Sonst gab es leider nichts Neues. Zumindest ist mir aber wieder aufgefallen, dass ich keinen richtigen eigenen Schrank habe, aber über die Kammer mit den Milchzähnen auf den Fußboden schweigen wir lieber.

Stoffkreuze? ?

Aber bleiben wir beim Thema Proben. Seit einiger Zeit liegen hier so bunte Stoffkreuze rum und ich frage mich immer, was das sein soll. Schlafmasken zum Umklappen? Deko? Irgendwann eröffnet mir fraumierau, dass es Hygienebinden aus Stoff seien und sie da ständig welche zugeschickt bekomme, weil das jetzt das heiße Ding auf Dawanda sei und sie wisse auch nicht so recht. Ich habe ja erst letztens gelernt, dass Damenbinden gar nicht unbedingt nur zur Monatshygiene getragen werden. Jedenfalls spielen jetzt die Kinder mit den Stoffbinden Puppenzudecken und ich bitte hiermit darum, uns keine weiteren Exemplare zuzusenden. Wir sind ja nicht mal in der Lage unsere normale Wäsche zu waschen, seit der Nachbar sich darüber beschwerte, dass er nicht in der Küche schlafen könne, weil unser Trockner abends so laut sei.

Anrufbeantworter ??

Letztens rief eine Verwandte an und bedankte sich für den Anruf des Sohnes. Der darf ja mit dem Festnetztelefon rumtelefonieren und das macht er mit seinen vier Jahren auch ganz eigenständig. Wenn er nicht gerade mich anruft, um mir mitzuteilen, dass er nicht telefonieren wolle, telefoniert er die Familie durch. Was ihn noch irritiert, ist die Sache mit dem Anrufbeantworter. Diesmal hat er wohl „Fuck, geht niemand ran!“, als Text hinterlassen und das führte zu einer kurzen Diskussion über Erziehung und Schimpfworte und überhaupt. Ich halte es da ja mit Friedrichshain und denke, dass man lieber gepflegt schimpfen kann, als verhalten den Busfahrer anzustarren, der einem die Tür vor der Nase zumacht. Aber woher er nun das Wort „Fuck“ hat, ist mir unklar. Vielleicht sollte ich die Hiphop-Playlist, zu der die Kinder so gern im Auto einschlafen, noch einmal genauer durchhören. Als es zu schneien begann, brüllte der Sohn auf dem Spielplatz „Eizi Eiz – heißer Scheiß! Jeder, den du kennst, kennt eine meiner Lines“ und sorgte für allgemeine ambivalente Erheiterung. Aktuell hoffe ich auf ein „Ich glaube fest daran, dass Pizza die Welt retten kann“ in der Straßenbahn. So ein bisschen Punk mit Kindern muss auch sein.

Atmen! ?

Apropos Winter: Schön war letztens der Schnee auf dem Land. Es hatte über Nacht elf Zentimeter Neuschnee gegeben. Morgens sind die Kinder quietschend vor Freude im Schlafanzug barfuß auf die Straße gerannt und haben gleich den Schnee schippenden Nachbarn mit Schneebällen beworfen und „SCHNEEBALLSCHLACHT“ geschrien. Schneeballschlacht heißt bei Kindern ja „Kinder bewerfen Erwachsene mit Schnee, die still stehen müssen und sich bloß nicht wehren dürfen, sonst geht die Welt unter“. Also versucht man, immer im richtigen Augenblick den Rücken hinzudrehen, wenn wieder drei Kilo Schnee auf einen zufliegen. Wenn dann ein Kind auf die Blitzidee kommt, einem eine Handvoll Schnee in die Hosentaschen zu stecken, muss man auch mal kurz tief durchatmen.

Der Babysohn muss natürlich auch barfuß in den Schnee!

Das empfiehlt mir meine AppleWatch neuerdings sowieso in den unpassendsten Gelegenheiten. Sie ist jetzt sehr bemüht um meine Atmung. Wenn es gerade besonders stressig ist, vibriert es am Arm und dann steht da „Atmen“. Das ist so ein Achtsamkeitsding und ich denke dann meistens „Boah, fick Dich!“ (Vielleicht ist das Fuck doch von mir?), und „Welcher Idiot hat denn mitten am Tag Zeit, mal bewusst Atemübungen zu machen, hmm?“. Also fairerweise muss ich sagen, dass ich ab und zu meditiere. Und zwar morgens im Büro, wenn ich das Glück habe und noch niemand da ist. Das sind so die zehn Minuten für mich am Tag. Das nur als Ausblick auf Elternschaft.

Verstecken ?

Ist aber auch schön, wirklich. Zum Beispiel, wenn man mit den Kindern verstecken spielt. Letztens waren wir im mehrere hundert Quadratmeter großen Büro. Natürlich ist Versteckenspielen immer so eine Sache. Als Elter muss man immer diskret über die unterm Vorhang vorguckenden Füße hinwegsehen und betont laut „Wo bist Du nur?!“ rufend herumlaufen. Wenn man sich dann selber versteckt, kann man es eigentlich nur falsch machen. Entweder, man versteckt sich zu gut, dann gibt es ganz schnell Tränen und das will man ja nicht. Oder man bekommt „Du bist einfach zu groß und zu breit!“ zu hören und das will man ja irgendwie auch nicht. Ich war mir ja sicher, ich würde hinter die Säule passen. Ich muss das nochmal ausmessen.

An der Supermarkt-Kasse ??

Mit den frechen Sprüchen hält es sich sonst eigentlich in Grenzen zur Zeit. Außer natürlich im Supermarkt an der Kasse, wenn möglichst viele Menschen zuhören. Ich schiebe ja immer eine leichte Hasskappe auf den Kapitalismus und die Quengelware an der Kasse. Das ist wirklich emotionale Erpressung von Eltern, wenn Du mit quengelndem Kind („KANN ICH EINEN KAUGUMMI, BITTTEEEEEEE?“) und einem riesigen Einkaufswagen an der Kasse stehst und kurz drei Minuten zum Bezahlen und Einpacken haben willst. Und dann kommt die Tochter mit einer Klobürste vom „1 Euro Stand“ an und fragt, ob man nicht eine mitnehmen solle, sie würde ja nur ein einen Euro kosten. Ja wir hätten doch eine, wofür wir jetzt noch eine bräuchten, frage ich. „NA FÜR DEINEN RÜCKEN“ entgegnet es so laut, dass auch wirklich der ganze Supermarkt lacht. Ok, ich musste auch kichern.

Ich glaube, ich wurde portraitiert. Bzw. mein Montag-Morgen-ich.

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Kategorien: Montagspost

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8 Kommentare

xSandrax · 7. Februar 2017 um 6:41

Ich habe echt mehrmals lesen müssen, bis ich drauf kam, was eine „Gast-herme“ sein könnte.
Danke für den heiteren Start in den Tag, den du mir beschert hast.
xSx

MPia · 7. Februar 2017 um 9:52

Und ich nerve den 8-Monate Zwerg mit „Milli Bazilli“, kein Wunder dass er nicht spricht. Ab jetzt lege ich Deutschen HipHop auf, wir wohnen zwar nicht in der Hauptstadt, aber er kann sich ruhig an dem berliner Coolness-Faktor orientieren (oder spricht man noch vom „Swag“?).

Fränzi27 · 7. Februar 2017 um 10:51

Hören hier mit dem Sohnemann (fast 3) gern Sido im Auto. Ihm gefällts, er groovt manchmal auch richtig mit 🙂

    Franzi · 8. Februar 2017 um 13:07

    Das würd ich mal lieber lassen.

franzi · 7. Februar 2017 um 11:17

ich habe laut gelacht
super!

Jana · 7. Februar 2017 um 20:00

Herrlichst. Ich habe wie immer viel gekichert und einiges hätte auch von uns sein können. Mit dem eigenen Fach. Muss ich auch immer wieder dran erinnern ?

Ich hab in der Überschrift „Brüste“ anstatt Bürste gelesen. Freud lässt grüßen oder es liegt am längeren Stillen ?

Und bitte gib uns mehr von dem heißen Scheiz ?

Viele Grüße

Marike · 14. Februar 2017 um 23:08

Super gut! Ich bin gespannt, was meine Tochter demnächst so erzählt. Noch begrenzen sich die Kraftausdrücke auf „Alta Lappn“ statt dem „Alter Schlappen“ des Vaters.
Falls ihr übrigens mehr Stoffkreuze als Puppen habt: Ich bin Stoffwindelberaterin und spreche ab und an auch mit den Müttern über Damen-Stoffbinden. Für den Beratungskoffer könnte ich noch ein paar Vorführexemplare gebrauchen 😉

Über Tauchsieder im Gully, gefälschte Unterschriften, gefährliches Hypnobirthing und: sie hat von mir gehört! - vier plus eins · 13. Februar 2017 um 22:46

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