Über die Generation Walkman, Zuhören, genaueste Instruktionen und Bauen ist nicht Spielen

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag (na gut, zur Zeit eher nicht so) schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Generation Walkman

Fragend sieht mich das Kind an. Ob was sei, frage ich. Na, was ich antworten würde?! Irritiert überlege ich, was ich schon wieder nicht gehört habe. Und warum ich eigentlich nichts gehört habe. Als ich vor ein paar Jahren bei einem Hörtest war, weil ich manchen Gesprächen nicht folgen kann, attestierte man mir »ein für die Generation Walkman ganz passables Gehör«. Mein kassenärztlich knapp bemessenes Auswertungsgespräch wurde nach dem Einwand, dass ich aber doch nicht alles hören würde, mit dem professionellen Rat abgeschlossen, ich könne mich doch auch einfach ein bisschen mehr anstrengen. Mein Versuch, auf Veranstaltungen in Gesprächsrunden mit zugegekniffenen Augen den umstehenden Menschen besonders aufmerksam zuzuhören führte nur zu leichten Kopfschmerzen und manchmal zu der Erkenntnis, dass Nichtshören auch gar nicht so übel ist im Vergleich zu den Gesprächsinhalten.

Zuhören

Während ich hier also auf dem Sofa saß und kurz die Wand anstarrte, hatte ich mich wieder nicht angestrengt. Ob er die Frage noch einmal wiederholen könne, hake ich freundlich nach. Kurzes Augenrollen. Ob ich die Erklärung wissen wolle, warum bei Ninjago die blauen Spinnewesen … – Nein, ehrlich gesagt wolle ich die Erklärung nicht wissen, gebe ich ehrlich zurück. Unbeirrt holt das Kind tief Luft und beginnt einen mehrminütigen Monolog. Vielleicht muss ich ja gar kein schlechtes Gewissen haben, wenn ich nichts höre, denke ich, weil vielleicht hören die Kinder ja auch nichts. Das würde auch erklären, warum sie immer alle wild durcheinander sprechen. Oder Moment, vielleicht leben wir alle in verschiedenen Dimensionen und können uns gar nicht hören. Ich höre nichts, also bin ich! Das würde vieles erklären. Aber wahrscheinlich ist es viel profaner und voll so ein Achtsamkeits-Ding und ich brauche jetzt nur eine App entwickeln, die Kindern und Eltern sagt, sie sollen drei mal locker durch die Hose ein- und ausatmen und ihren Mitmenschen ganz dolle fest zuhören, während sie auf einer Rosine kauen und dann Weltfrieden und Reichtum.

genaueste Instruktionen

Aber es gibt ja auch Momente, wo ich sehr genau zuhöre. Zum Beispiel, wenn unschuldige Fragen kommen, wie ob die Kinder sich Limonade machen dürfen. Früher hätte ich einfach lächelnd genickt und mich gefreut, wie unglaublich kreativ die Kinder sind. Heute lautet die Antwort, dass zuerst der Geschirrspüler ausgeräumt werden müsse, die Reste von der Zubereitung in den Biomüll und das verwendete Geschirr in den Geschirrspüler gehören, jemand später Zitronen nachkaufen geht, die Eiswürfelform dann wieder aufgefüllt und der Küchentisch wieder abgewischt wird. Dies aber nur feucht – nicht nass – mit WENIG Reinigungsmittel und dann den Lappen reinigen und aufhängen. Wenn alle diese Punkte beachtet werden, könnten sie sich wirklich sehr gern Limonade machen. Überraschend ging man dann dazu über, doch lieber über gekaufte Limonade zu verhandeln. Dabei gab es gerade erst wieder die erfolgreiche Strategie, dass die Kinder meinten, unbedingt Labor-Experimente machen zu müssen und dafür ein „Limonadenuhr-Set“ zu benötigen. Leider zu spät stellte ich fest, dass das offenbar wichtige am Experiment die „oh, es ist noch so viel übrig“-Limonade war. Das nächste Mal bekommen sie eine Kartoffel-Lampe. Bitteschön.

Bauen ist nicht spielen

Dabei hatten wir ja auch so gerade viel Zeit miteinander verbracht. Wobei die elterliche und die kindliche Interpretation von gemeinsamer Zeit offenbar stark auseinanderfallen kann. Nachdem ich der Aufforderung folgte, doch mit Lego zu spielen, bauten wir Häuser, Autos, Straßen und Inneneinrichtungen auf. Als ich mich nach zwei Stunden mit den Worten, ich müsse jetzt noch ein paar Sachen erledigen, verabschieden wollte, gab es einen empörten Aufschrei, weil ich doch versprochen hätte, dass wir LEGO spielen würden. Was für eine Art von spielen sie denn bitte meinten, wir hätten doch gerade zwei Stunden gebaut. Ja, eben, gebaut, kontern die Kinder. BAUEN IST NICHT SPIELEN. Es gibt ja diverse Generationsunterschiede, die man so mit seinen Kindern erlebt. Zum Beispiel wenn man ihnen erklären muss, warum Erwachsene laut in Erinnerungen schwelgen, wenn man ihnen sagt „weißt Du noch, wie wir damals Kassetten mit Bleistiften zurückgespult haben?“ oder zu rechtfertigen versucht, warum man auch ohne Netflix und mit nur wenig Fernsehsendern nicht den Langeweile-Tod sterben musste. Aber diesmal geht es um etwas Grundlegenderes. Entweder ist die aktuelle Generation eine Spaßgeneration und findet mit Bausteinen bauen sei kein spielen oder wir waren eine Generation von Kindern, die die Zeit nur mit Bauen statt wirklichem Spielen verbrachten und Arbeit mit Freizeit verwechselten. Wie auch immer: Der Konflikt ist real. Mein Hinweis, ich hätte einfach nicht so viel Lust, mit LEGO-Figuren immer hin und her zu hüpfen und dabei Geräusche zu machen wurde mit wenig Freude aufgenommen. Immerhin werde ich noch gelegentlich zu Bauprojekten als Berater zugezogen. Meine Karriere als LEGO-Spieler ist damit offiziell beendet. Ein paar Minuten mehr Zeit für mich allein auf dem Sofa. Moment, hat gerade jemand was gesagt?


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Kategorien: Montagspost

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Parteiloser Postprivatier.

2 Kommentare

Schnuffi · 4. August 2020 um 10:02

Vielen Dank! Tatsächlich hatte ich auch das „spielen-ist-nicht-bauen-Problem“ mit meinem Vater. Bauen war für mich der Weg zum Rollenspiel. Und es war frustrierend,dass er kurz vor dem eigentlichen Spiel schon fertig war…:) beim Geräuschpegel von 3 kids finde ich übrigens deine schutzstrategie der kurzzeitigen Gehörlisigkeit ganz gesund.

Mina · 20. August 2020 um 11:02

Ein großartiger Beitrag bei dem ich sehr viel schmunzeln musste, weil so viele bekannte Szenen in deinem Text stecken. Das mit der plötzlichen Gehörlosigkeit kenne ich aber auch 😉

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