Über Wunschzettel-Missverständnisse, Weihnachtsbaum-Diskussionen und Alster-Verwechslungen

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Missverständnisse

Da müsse es sich um Missverständnis handeln. Irgendwer hätte da etwas ganz grundlegend falsch verstanden! Mit verschränkten Armen steht das Kind vor mir und sieht mich grimmig an. Na, es sei jetzt schon schwierig, so einen Tag vor Heiligabend die Weihnachtswünsche zu ändern, erkläre ich mit weihnachtsengelzarter Stimme. Und so richtig üblich ja auch nicht. Und es gäbe doch auch einen Wunschzettel, der vor einem Monat bereits schriftlich eingereicht wurde. Was sei denn mit dem? Ja, den gäbe es, aber das war doch nur ein Entwurf! Ob ich nicht wisse, was ein Entwurf sei?! Und unterschrieben war er auch nicht. Ich hätte ja selbst gesagt, dass man etwas unterschreiben muss, damit es gültig ist. Und dieser Wunschzettel sei ein Entwurf ohne Unterschrift und daher nicht gültig – und es gäbe da jetzt eben noch ein paar Streichungen und Ergänzungen.

Mündliche Verträge

Es sei schon so, entgegne ich, dass man auch ohne Unterschrift etwas verbindlich aushandeln könne. Es gäbe sogar mündliche Verträge, ganz ohne Papier. Da müsse man sich dann dran halten, auch wenn es nur besprochen worden sei. Ach so sei das! Ich blicke in ein offensichtlich nachdenkliches Kindergesicht und überlege, ob ich die gerade gegebene Auskunft in naher Zukunft noch einmal bereuen werde. Wenn dem so sei, hakt es nach, könnte man nicht die Geschenke auf ebay kleinanzeigen oder nebenan.de gegen die neuen Wünsche tauschen? Einen kurzen Augenblick lang sehne ich mich nach diesen Familien, die immer allen leicht verstrahlt erklären, dass sie total glücklich ohne Geschenke sind.

Weihnachtsbaum oder nicht?

Wahrscheinlich sind das dieselben, die auch keine Diskussionen mehr über Weihnachtsbäume führen müssen. Diese wiederholen wir jedes Jahr und es gibt bei fünf Personen neun Meinungen zum Thema.

  1. Natürlich gehen Weihnachtsbäume ja gar nicht mehr wegen Ökoschnöko.
  2. Aber vielleicht ja doch, weil Bäume binden CO2.
  3. Aber vielleicht ja doch nicht, weil wenn sie abgeholzt werden, tun sie das ja nicht mehr.
  4. Aber vielleicht ja doch, weil dann haben sie es ja schon ein bisschen getan.
  5. Oder sollte man einen Baum mieten? Gibt es ja jetzt auch.
  6. Oder ist das schlecht, weil der immer hin- und hertransportiert wird?
  7. Oder sollte man so einen kleinen im Topf nehmen, der den Rest des Jahres draußen steht? Oder ist da auch wieder irgendwas verkehrt?
  8. Oder vielleicht so ein minimalistisches Holzgesteck, das aussieht wie eine misslungene Picasso-Interpretation eines Weihnachtsbaums, wie bei den Freunden, zu denen wir jetzt zu Weihnachten nicht mehr gehen?
  9. Und wie wäre es, einfach einen Baum auf einem Weihnachtsmarkt zu klauen am 24.? Da wird er ja eh nicht mehr gebraucht.

Beim letzten Vorschlag stoppt die Diskussion kurz und die Familie sieht mich leicht entgeistert an. Irgendwann muss ich ihnen die ganze Wahrheit über meine DDR-Kindheit erzählen. Jedenfalls wird es am Ende, wie jedes Mal, ein geretteter struppig-melancholischer last-minute-Baum von um die Ecke und die Kinder sind glücklich. Nur leider stellen wir wie jedes Jahr in letzter Minute fest, dass wir keine Baumkerzen haben. Die sind aber auch scheinbar aus der Mode gekommen. Es gibt im Supermarkt zwar eine ganze Palette an Kerzen verschiedener Farben, Formen und Duftrichtungen („Puff“, „Lavendel-Puff“ und „Frische Brise Puff“), aber keine Baumkerzen. Das ist auch nicht ganz verwunderlich, nachdem wir ja auch an St. Martin schon immer für leicht irre gehalten werden, wenn wir eine echte Kerze in die Laterne stecken. Eine Freundin hat uns mal fast die Freundschaft aufgekündigt, weil sie eine Wohnung mit brennenden Kerzen am Baum einfach nicht betreten wollte. Jedenfalls darf man offenbar Geburtstagstische noch in Brand stecken, denn es gibt Sets mit Geburtstagskerzen und die sehen verdächtig nach Baumkerzen aus. Gekauft! Die Kinder aber bemängeln, dass es ja wohl nicht sein könne, dass wir Baumkerzen mit aufgeklebten Geburtstagstorten hätten. Na was denn, gebe ich zu bedenken, es ist immerhin Jesus‘ Geburtstag! Humorlos schnauben sie durch die Nase und kratzen die Torten von den Kerzen. Leise stimme ich „Happy Birthday … Jesus, Happy Birthday … Jesus“ an. Aber das Humorlimit ist für heute wohl erreicht.

Glühwein

Aber das war diese Woche auch schon einmal erreicht. Als wir kurzfristig in Hamburg waren und an der Alster standen, fasste sich fraumierau ein Herz und schlug vor, doch eine Rundfahrt zu machen. Ich war erstaunt, denn das letzte Mal als ich sie auf einem Schiff erlebte, bat ich sie, nicht völlig durchzudrehen, weil sonst würde jemand die Polizei holen. Die Kinder jauchzten, fanden es aber merkwürdig, dass ich behauptete, dass wir vor drei Jahren – ohne Mama – genau mit diesem Dampfschiff schon einmal gefahren sein sollen. Das könne nicht sein. Ich glaube langsam, wir mittelalten Menschen verkalken gar nicht, sondern die jungen vergessen einfach alles und halten uns dann für iree, wenn wir was von früher erzählen. Jedenfalls legt das Schiff ab, die Kapitänin sucht sich uns irgendwie als Gesprächspartner aus, beglückwünscht uns, kein blondes Mädchen bekommen zu haben, wie sie, denn ihre Tochter sei ja blondes Gift und wenn sich Kinder falsch verhielten, müssten sie Hause ja schon mal glattgebügelt werden. Ich sehe in fraumieraus Gesicht, dass leicht erschrocken verzerrt ist und denke noch, das nicht enden wollende Monologisieren der Kapitänin sei schuld, aber dann erklärt sie, dass sie ja dachte, das Schiff würde nur auf der kleinen Innenalster fahren und jetzt sei ja schon wirklich viel Wasser hier. Ausnahmsweise hole ich einen Glühwein, drücke in ihr in die Hand und wir stehen gemeinsam die Stunde mit viel Wasser und Monologen durch, während die Kinder das Tuckern des Schiffes genießen und sich eine Apfelschorle nach der anderen reinpfeifen. Party ist Party. Wenn wir zu Hause sind, werden sie für diese Maßlosigkeit erstmal ordentlich glattge…kuschelt.


Dir hat der Blogpost gefallen? Dann lade mich doch auf einen Kaffee ein! (Paypal-Link) oder sieh Dir meine Wunschliste an.

Kennst Du eigentlich schon mein fragmente-Blog? Dort landen ab und zu …Fragmente! Diesmal habe ich über „Peinliche Tagebücher“ geschrieben.

In der zweiten Folge der vierten Staffel von MKL reden Patricia und ich über – gääähn – Langeweile. Am 15.1. erscheint Folge 3 zum Thema Autonomiephase.

Kennst Du schon den unvorhersagbar erscheinenden Newsletter?

Keinen Blogpost verpassen? Folgen Sie auf Facebook (Soll ich mal ehrlich sein? Ich denke manchmal drüber nach, die Facebook-Seite zu schließen. Bestärküngen und „oh nein auf keinen Fall sonst geht die Welt unter“ bitte in den Kommentaren).

Mein glamoröses aber Treppenfoto-freies Insta-Leben verfolgen: Hier entlang!


Kategorien: Montagspost

leitmedium

Parteiloser Postprivatier.

4 Kommentare

Almuth · 24. Dezember 2019 um 8:22

Wie immer herrlich ehrlich. Und alles ganz normal 🤪🙈 Frohe Weihnachten 🎄

Lara_kinderreich · 24. Dezember 2019 um 22:44

Ich liebe das Ende – glattge…kuschelt!

Besinnliche und ruhige Feiertage an alle :-*

FrauC · 31. Dezember 2019 um 7:46

Wie ist es denn ausgegangen mit den Geschenken?
Baumkerzen gibt’s übrigens im 50er-Pack in der Drogerie, aber natürlich ungefähr zu St. Martin. Da denke ich immer „Oh, Baumkerzen“, nehme welche mit und finde dann zu Hause die Vorräte aus den letzten Jahren.

Anne · 20. Januar 2020 um 12:25

Der Weihnachtsbaum dieses Jahr hieß Quasimodo. Ich fand ihn hübsch. Letztes Jahr war der Weihnachtsbaum ein Bausatz. So wie früher. Der war nicht nur hübsch, sondern auch praktisch. Ganz ehrlich: wer erinnert sich denn noch Jahre später an besonders schöne Weihnachtsbäume? Am besten in Erinnerung bleiben doch die, denen man Namen gegeben hat, weil sie so besonders waren… hach Quasimodo, Du wirst mir fehlen 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.