Über Stupen, Loipen und West-Nil-Fieber und Zuhause ist es ja auch ganz schön

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Alle angeschnallt?

Ihnen sei wirklich langweilig. Außerordentlich langweilig. Da müsse jetzt etwas geschehen. Wir sitzen im Auto in Richtung Kurzurlaub und der eine der beiden schönen Auto-Urlaubs-Momente ist bereits vorbei. Es sind die wenigen Augenblicke, nachdem sich die letzte Tür geschlossen hat, alle Kinder angeschnallt sind (Sind alle Kinder angeschnallt?), kurz niemand etwas sagt und es losgeht. Das ist der wahre Urlaub. Das muss man auskosten. Jedenfalls sind wir unterwegs und die Langweile hat eingesetzt. Früher haben wir uns ja einfach unangeschnallt auf die Rückbank gelegt und hustend im Zigarettenrauch unserer Eltern die Stunden ertragen, erkläre ich. Heute schnallen wir die Kinder in Hochsicherheitssitze, haben Pollenfilter in der Lüftungsanlage, ein schlechtes Gewissen, diesmal nicht den Zug genommen zu haben und zwei Taschen bei: Unterhaltung und Verpflegung, denke ich.

An alles gedacht?

Beide Taschen werden so spät wie möglich angebrochen, denn die Halbwertszeit ist kurz. Sehr kurz. Aber eigentlich sind da vorher noch andere Themen, die besprochen werden müssen. Zum Beispiel, ob wir die Espressomaschine ausgeschaltet haben? Kann sich jemand dran erinnern, ob die Lampe noch rot geleuchtet hat? Die Kinder quittieren mit Schulterzucken. Wir Eltern reden uns ein, dass dies sicher nicht der Fall sei und so eine Maschine könne ja auch mal gut auf sich selbst aufpassen und außerdem hätten wir eine gute Hausratsversicherung, was wir jetzt aber nicht schreiben dürfen, sonst gilt es als grob fahrlässig.

Wie war das mit den Ausweisen?

Aber wie ist das eigentlich mit der Grenze?, frage ich. Braucht man jetzt einen Ausweis, wenn man nach Tschechien fährt oder nicht? Also das Internet sage, eigentlich gibt es keine Grenzkontrollen, aber manchmal doch und man solle für alle einen Ausweis dabei haben, trägt sie vor. Kurz schweigen wir betreten darüber, dass wir natürlich keine Personaldokumente für die Kinder bei haben. Ob wir denn ihre Ausweise mitgenommen hätten, fragen die Kinder, die Lunte gerochen habe. Ja, nein, also jetzt nicht so wirklich, aber es werde schon nichts passieren, beschwichtigen wir. Und notfalls fahre ich allein nach Hause und hole die Ausweise (und höre stundenlang ungestört Podcast während ich völlig allein durch die Nacht fahre und die sonstige Stille genieße), versichere ich mit selbstaufopferndem Ton.

Was sind Loipen?

Sie habe da jetzt mal noch weitergelesen wegen Tschechien, sagt sie. Also das Auswärtige meint, man solle das Auto nicht unbeaufsichtigt rumstehen lassen. Kurz lassen wir den Blick durch unser fahrendes Kinderzimmer schweifen und müssen zwischen Brezelstücken, Croissant-Krümeln und mumifizierten Obstresten kichern. Und wir sollten nicht von ausgewiesenen Loipen weichen. Was denn eine Loipe sei, frage ich? Na eine Skistrecke, besserwisst es von hinten. Ob wir bei der Sendung mit der Maus nicht zugesehen hätten? Und wo wir denn Ski laufen würden? Gar nicht, erkläre ich, und wenn das mit dem Klima so weitergehe, würden sie ja sowieso nie wieder Schnee sehen.

Vorsicht!?

Jedenfalls sollten wir nicht einfach so Taxis nehmen, stehe da und uns vor falsch verkleideten Polizisten in Acht nehmen. Diese Landesberichte lesen sich ja auch nicht sehr einladend, stelle ich fest. Ich will ja lieber nicht wissen, was man im Ausland über Reisen nach Deutschland schreibt. Und außerdem gibt es bestimmt auch falsch verkleidete Polizistinnen!, geben die Kinder zu bedenken.

ACWY?!

Wir sollen uns übrigens in eine Krisenvorsorgeliste eintragen, stehe da noch. Damit man uns bei einer Krise besser erreichen könne. Während die Kinder weiter über Langeweile und Hunger klagen, überlege ich, wen ich eigentlich bei einer Krise anrufen kann. Und wir sollten gegen Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio, Masern, Mumps, Röteln, Pneumokokken, Influenza und Gürtelrose geimpft sein und besser auch noch gegen Hepatitis A und wenn wir länger bleiben gegen Hepatitis B und Tollwut und FSME. Ich hatte Tschechien ja anders in Erinnerung, erkläre ich. Das klänge jetzt ja schon gefährlich. Ja!, und dann stehe hier noch was von ACWY. Sie wisse auch nicht, was das sei. Moment, ich fahre da nicht hin, wenn ich nicht weiß, was ACWY ist! Die Kinder fragen hektisch nach, wogegen sie eigentlich geimpft seien. Unser Panik-Kind verlangt, dass alle Impfungen sofort aufgefrischt werden, sonst könne es im Urlaub nicht im entspannen!

West-Nil-Fieber

Und seit 2018 gibt es das West-Nil-Fieber! Das werde durch Mücken übertragen. Unruhig rutschen die Kinder auf ihren Sitzen hin und her. Wie jetzt, in Tschechien gäbe es gefährliche Mücken? Was sollen wir denn da machen? Da stehe, liest sie weiter vor, wegen der »mücken- und zeckengebundenen Infektionsrisiken« werde empfohlen, helle lange Hosen und langärmelige Hemden zu tragen und in bestimmten Gebieten unter einem Moskitonetz zu schlafen. Moment, hake ich nach, ob sie da jetzt das richtige Land erwischt habe? Ja, Tschechien stehe da. Die Kinder finden, der Urlaub sei bis jetzt sehr schön gewesen und wir könnten eigentlich wieder nach Hause fahren. Da sei es auch schön!

Bis jetzt ungeklärt: Was soll dieses Schild verbieten?

Was ist „Stupen“?

Während ein blaues Schild an uns vorbeischnellt, geben wir feierlich bekannt, dass wir gerade die Grenze überquert hätten. Etwas enttäuscht sehen die Kinder aus dem Fenster. Ein bisschen mehr Ausweis-Hokuspokus hatten sie sich wohl doch gewünscht. Dafür stehen plötzlich etliche tschechische Verkehrsschilder am Straßenrand und erklären mit vielen Worten, was man tun soll – oder auch nicht. Ich versuche mit zwei Jahren russisch, die mir hier sicher nicht weiterhelfen, irgendwelchen Sinn zu erkennen. Ob sie wisse, was „Stupen“ heiße, frage ich sie. Da hätte was von Stupen gestanden. Das sei sicher sehr wichtig. Was ich denn jetzt machen solle? Bestimmt Hupen, schlägt sie vor! Kurz sehe ich sie fassungslos an. Während ein Schild, auf dem „Horni“ steht, an uns vorbeizieht, verkneift sie sich offenbar den erneuten Vorschlag, doch mal prophylaktisch zu hupen.

Während wir so alle leicht verängstigt im Auto sitzen, schlage ich vor, dass wir ja vielleicht doch keinen Reiseblog machen sollten.

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Kategorien: Montagspost

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5 Kommentare

Teresa · 30. Juli 2019 um 21:23

Wir wohnen zwischen Chemnitz und der tschechischen Grenze…ich habe schon lange nicht mehr soo gelacht! Ich danke dir! ???

Richard & Hugo · 31. Juli 2019 um 10:21

Klasse Urlaubsblog. Man findet sich so herrlich wieder (sowohl von damals, als man selbst noch Kind war & die endlosen Autofahrten gen Urlaub nörgelnd über sich ergehen lassen musste, als auch jetzt grad erst mit dem eigenen Kind auf der Rückbank…).

LG, Richard & Hugo vom https://www.vatersohn.blog/

Katharina · 31. Juli 2019 um 19:03

Yaaaaay.. ??
Doch, bitte, Reiseblog, ich MUSS wissen, wie DAS weitergeht ?

Im Übrigen empfiehlt es sich, ein Ausweisdokument für ein Kind bei sich zu führen, sobald man Deutschland verlässt (sagt die Verwaltungsfachangestellte mit Erfahrung im Passamt).

Isabella · 5. August 2019 um 10:38

Ich erinnere mich sehr gut an „unangeschnallt auf der Rückbank liegen“ und an den Zigarettenrauch im Auto.
Nicht zu vergessen die endlosen Autofahrten ohne Klimaanlage, möglichst noch eingezwängt zwischen Gepäck.
War irgendwie trotzdem herrlich

Katrin Schmitt · 29. August 2019 um 6:46

Ich würde sagen das heißt „nicht mit Regenwasser doe Hände waschen“ aber warum weiß ich nicht :-)))

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