Über Abschiedsrituale, Notfallanrufe, Wasserschaden und keine Blumen

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Abschiedsrituale

Es gibt bei uns zwei Abschiedsrituale, wenn ich als erster das Haus verlasse. Wenn ich nur kurz weggehe, ruft fraumierau in den Hausflur, ich solle keinen Unsinn machen und vorsichtig fahren. Das muss sein. Jedes Mal. Manchmal frage ich dann zur Sicherheit noch einmal nach, an was ich alles denken soll, damit ich nicht aus Versehen doch Unsinn mache und unvorsichtig fahre. Sie rollt dann leicht mit den Augen und wir haben beide unserer Pflicht genüge getan. Und dann gibt es das Ritual, wenn ich kurz vereise. Da bitte ich drum, dass zu Hause niemand Unsinn macht und es schön wäre, wenn alle so vorsichtig sind, dass ich keinen Notfallanruf bekomme. Notfallanrufe bei meiner Abwesenheit haben nämlich Tradition und die Messlatte hängt sehr hoch. Ich erinnere mich an den Anruf in Bulgarien, mit der Mitteilung, die Küche stünde knietief im Geschirrspülerschaum. Oder den Anruf in Basel, sie hätte den Wohnungsschlüssel verloren und wisse nicht, wie sie wieder nach Hause könne. Ich müsse sofort helfen! Oder in Mainz im ZDF-Fernsehgarten (es war beruflich!), etwas sehr sehr schlimmes sei passiert: Der letzte Fisch im Aquarium sei verstorben und würde jetzt dramatisch im Filter hängen und sie würde das bestimmt nicht in Ordnung bringen. Oder in München, unsere kurzzeitige Mitbewohnerin sei mit einer unbestimmten juckenden Hautkrankheit in Quarantäne gekommen und sie würde gerade literweise Desinfektionsmittel in die Wohnung kippen. Oder in London, sie sei mit den Kindern im Krankenhaus, ich solle ihr sofort Pizza dorthin bestellen, weil sie das Baby doch nicht für einen Gang in die Scheiß Kantine allein auf der Station lasse.

Vermissung versus Mitbringsel

Ich fahre also aus Erfahrung nur selten weg. Die Statistik spricht gegen mich. Trotzdem ist das Glas halb voll und man soll ja positiv nach vorn denken. Also hoffe ich bei jeder Reise auf eine gewisse Ereignislosigkeit. Natürlich bekommen die Kinder, sobald man die Wohnung für eine Reise verlässt, einen nervous breakdown nach dem anderen und senden dramatische Nachrichten und Videos. Sie könnten so nicht leben, so sehr würden sie sich nach einem verzehren! Man solle sofort zurückkommen! Aber wenn man sofort zurückkäme, solle man trotzdem etwas mitbringen. Oder zumindest so lange bleiben, bis man die Gelegenheit hätte, etwas zu besorgen.

Wasserschaden

Jedenfalls gab es auch an diesem Wochenende – ich war mit dem Zug unterwegs nach England – nur die üblichen herzerweichenden Nervenzusammenbrüche, die bei aller „Ich habe zwei Nächte ein Bett für mich allein“-Vorfreude ja trotzdem das Herz schmelzen lassen. Zwei Tage und zwei Nächte vergingen verdächtig ruhig. Als ich am Sonntagvormittag schon innerlich einen notfalllosen Urlaub verbuchen wollte, kam der Videoanruf: In der Wohnung drüber gäbe es offenbar einen Wasserrohrbruch! Im Hintergrund des Videos lief das Wasser die Kinderzimmerwand runter. Kinder liefen aufgeregt händewedelnd durchs Bild und riefen Weltuntergangs-Parolen. In der Wohnung drüber öffnete wohl niemand die Tür, die Wasserwerke meinten telefonisch, dass sie das jetzt nicht sonderlich interessant fänden und der Notfall-Anrufbeantworter des Hausmeisters war defekt. Ich war ein bisschen erleichtert. Lieber Wasser an der Wand, als die Familie im Krankenhaus. Nach einigen Versuchen öffnete dann wohl auch eine leicht verstrahlt wirkende junge Frau, die die Mitteilung, dass offenbar Bad unter Wasser stehe nicht so aufregend fand, wie wir. Aber ein entspanntes Verhältnis zu fremden Mietwohnungen ist mit dem Bezahlen bei Airbnb ja quasi inbegriffen. Der Wasserquell versiegte irgendwann, die Wand hat nun Risse und meine Reisestatistik ist beruhigt.

Blumen zum Kindergeburtstag?

Nach meiner Rückkehr gab es noch leichte Vorwürfe, weil ich doch schon am Frauentag weggefahren bin und das waren ja dann drei freie Tage hintereinander. Das stimme schon, verteidigte ich mich, aber das sei ja auch sehr kurzfristig beschlossen worden hier in Berlin. Und da wir schon fast beim Thema seien: Bald hätten ja hier Kinder Geburtstag und da bekämen ja die Mütter manchmal Blumen. Warum würde ich als Vater eigentlich nie eine bekommen? Sie kniff die Augen zusammen und fragte, wann in den letzten hundert Jahren ich ihr denn bitte zu einem Kindergeburtstag eine Blume mitgebracht hätte? Na schon, erwiderte ich. Bestimmt schon mehrere Male! Entgeistert sah sie mich an, und fragte, ob das nicht ganz vielleicht damit zusammenhängen könne, dass sie am selben Tag wie der Babysohn Geburtstag habe? Schweigen. Also manchmal verfahre ich mich ja auch argumentativ. Für meine Blume am Kindergeburtstag sehe ich jedenfalls schwarz.

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Kategorien: Montagspost

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2 Kommentare

Richard & Hugo · 13. März 2019 um 9:40

Mir gefallen die beiden direkt aufeinander folgenden Sätze des (rein beruflichen natürlich!) Besuchs im Fernsehgarten & der traurigen Version von „Findet Nemo“. 🙂

Dieses Phänomen eines „Mitbringsels“ kenne ich auch…was hat es damit auf sich? Zumal man dabei gefühlt nur enttäuschen kann…

Doro · 13. März 2019 um 20:32

Jetzt habe ich es kapiert. Mein Mann will auch mal Blumen zum Geburtstag des Kindes. Er hat es nur schlauer angestellt als du. Die Tochter erzählt mir seit Tagen, dass sie sich Blümchen zum Geburtstag wünscht. Die müssen dann genau in die Mitte des Esszimmertischs gestellt werden, als Dekoration.

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