Über Geschenke von vor drei Jahren, Ersatzkinder und Hasen im Himmel

Veröffentlicht von leitmedium am

Fast jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie. 

Hö?

Sie hätten ja noch die Weihnachtsgeschenke von damals, heißt es in leicht vorwurfsvollen Ton. Ich bin mit den Kindern zu Verwandten gefahren, mit denen vor ein paar Jahren der Kontakt abgebrochen ist. Zwei leicht abgewetzte Geschenkkartons werden schweigend auf den Tisch gestellt. Während seine Geschwister sich über die unerwarteten Weihnachtsfreuden hermachen, sieht mich der Babysohn fragend an, hebt seine leeren Hände und raunt „Hö?“. Das letzte mal hat er diesen verwunderten Ton von sich gegeben, als ich ihn in einem Hotel zum Scherz in ein Laufgitter gestellt habe, er sich irritiert umsah und nicht verstand, wofür diese Gerätschaft sein soll. Doch diesmal war das Hö alarmierender. Es drohte Ressourcenknappheit!.

Ungerade Kinder

Die hatte uns gerade erst morgens am Frühstückstisch wieder beschäftigt. Wir haben ja prinzipiell zu wenig von allem. Und vor allem haben wir den Fehler gemacht, eine ungerade Anzahl an Kindern zu bekommen. Zwei Grapefruit-Hälften und drei Kinder sind ja ein Diskussions-Selbstläufer morgens, da zwei Dinge und drei InteressentInnen eben wider die Vorstellungskraft sind. Und der Mozzarella, wie man den dritteln solle bitte? Und das doppelte Brötchen? Ich spreche das Thema lieber nicht bei fraumierau an, sonst gibt es wieder diese romantischen „Ja, vielleicht sollte man ja für eine gerade Zahl sorgen?“-Blicke. Zur Sicherheit melde ich mich trotz panischer „Ist nur ein kleiner Eingriff!“-Angst zu einem Vasektomie-Erstgespräch an (Liebe spärlich gesähte männliche Mitlesende: Hormonpillen für Frauen sind bequem für Euch aber trotzdem Scheiße.).

Sirene

Doch zurück zum Wochenendbesuch. So richtig überzeugend konnte ich auch nicht erklären, warum der Jüngste nun nichts geschenkt bekommt. Aber vielleicht könnten ja seine Geschwister teilen?, fragte ich mit diesem elterlich alternativlos-motivierenden Ton, den die Ratlosigkeit manchmal hervorbringt. Maulend holen sie ihn dazu, während eine Puppe fürs Mädchen und ein Polizeiauto für den Jungen ausgepackt werden. Manchmal ist die Welt ja noch in Ordnung. Während ein großes Blaulicht bewundert wird, überlege ich noch, was für eine lustige Anekdote es wäre, wenn das Auto jetzt noch Geräusche machen würde. Doch dann wird ein Batteriefach entdeckt und der Scherz erliegt der Realität. Es hat sogar zwei verschiedene Sirenentöne!, wird glücküberströmt festgestellt. Kurz überlege ich, ob die Elektronik jetzt gleich oder später einen Unfall haben wird. Ich entscheide mich für einen Zeitpunkt ohne ZeugInnen. Es ist jedenfalls doch kein Klischee: Meine Kinder haben von Verwandten ein Polizeiauto mit Sirene bekommen. Manchmal ist Kontakt abbrechen ja auch nicht schlecht.

Im Himmel

Wir schwenken zur Ablenkung die Gespräche auf andere Themen. Haustiere, da kann man ja nichts falsch machen. Ja, der Hase sei ja jetzt leider im Himmel, heißt es. Irritiert sehen die Kinder aus dem Fenster. Was er denn da machen würde, fragen sie nach. Na, im Himmel! Oben! Er sei eingeschlafen! Verständnislose Blicke. War er denn müde? Schweigen. Ach, er ist gestorben!, stellen sie erleichtert fest. Warum er denn nicht in einer Fleischtheke gelandet sei? Diesmal sehen mich die Verwandten verständnislos an. Wie sie mehrfach betont hatten, war das Mittagessen eine Zumutung, weil die Kinder – für sie nicht nachvollziehbar – kein Fleisch wollten. Zur Sicherheit wird wiederholt erklärt, wie ungesund das sei, wie die Menschen im Friedrichshain da jetzt leben. Ja, im Himmel sei der Hase jedenfalls nicht, lenke ich ein. Es sei ja kein Flughase, nicht wahr.

Ersatzkind

Es klingelt an der Tür. Das Nachbarskind kommt vorbei. Es sei sehr oft da, hießt es, weil wir ja nie kämen. Ein Ersatzkind quasi. Es solle mal was sagen. Das Kind sieht auf den Boden und stammelt ein Hallo. Langsam wird es Richtung Tisch geschoben. Es solle sich dazu setzen. Ob es ein Stück Fleisch aus dem Kühlschrank wolle? Es könne so viel Fleisch essen, wie es wolle! Immer! Das Kind flüstert, es wolle lieber wieder gehen. Aber warum denn? Das seien hier die Verwandten, die seien ja nie da, die müsse es doch kennenlernen wollen! Nein, es habe Angst vor den Kindern, sagt es, und geht. Ich beneide Kinder ja manchmal um Ehrlichkeit. Vielleicht sollte ich auch einfach sagen, dass sie doch das Polzeiauto mit einem Steak braten sollten. Ich käme dann einfach in drei Jahren wieder.

Grapefruit

Auf der Rückfahrt diskutieren die Kinder, warum der Babysohn denn nun nichts bekommen habe. Er fragt in allen sprachlichen Varianten nach. Der geschenklose Erstkontakt mit den Verwandten war offenbar traumatisch. Die Erklärungsversuche, dass er beim besagten Weihnachtsfest noch nicht geboren war und das eben alte Geschenke waren, kann er nicht nachvollziehen. »Du warst da eben tot!«, schließt ein Geschwister ab. Wie, tot, frage ich nach. Na, nicht auf der Welt, also tot. Wer nicht da ist, ist tot. So einfach sei das. Wie der Hase eben. Der Babysohn schweigt. Kurz mache ich mir Sorgen um seinen Gemütszustand. Morgen wolle er die ganze Grapefruit für sich alleine, stellt er laut fest. Ausnahmsweise gibt es keine Diskussion. Manchmal können sie ja auch zusammenhalten.

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Kategorien: Montagspost

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3 Kommentare

Sarah · 5. März 2019 um 8:40

?Ganz viel rofl

Also ihr macht das, denke ich, mit den Kindern schon sehr richtig. Starke Kommentare, eigentlich seid ihr nur Zuschauer in der besten Soap der Welt. Viel Spaß weiterhin

Schnufft · 5. März 2019 um 8:58

Diese verirrte Vorstellung,dass das Phänomen Tod irgendwie sanfter gestaltet werden sollte für Kinder, führen deine Kinder wunderbar ad absurdum.

Causti · 5. März 2019 um 10:32

Als die gerade Anzahl von Kindern erwähnt wurde, war mein erster Gedanke eins zur Adoption freizugeben. Zum Glück hab ich keine Kinder, um deren Willen!

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