Über Eltern auf Klettergerüsten, schaurige Spielplatzgeschichten und unvorbildliche Polizei

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Eltern auf Klettergerüsten

Ob er seinen Sohn nicht einfach in der Mitte der Treppe alleine klettern lasse wolle, fragt ein Mädchen einen Vater, der seit einer Viertelstunde sein Kind intensiv auf dem Klettergerüst begleitet. Schließlich könne der Sohn ja dann nicht an der Seite runterfallen. Was für ein schlauer Vorschlag, denke ich, doch der Vater schüttelt energisch den Kopf. Das käme nicht in Frage! Offenbar ist ihm sehr daran gelegen, Erfolgserlebnisse zu schaffen und ein hohes Maß an Sicherheit zu garantieren. Doch mittlerweile sind die anderen Kinder leicht entnervt von der „ACHTUNG MEIN KIND KLETTERT HALTEN SIE BITTE ABSTAND“-Attitüde und daher vom heimlichen Augenrollen zu aktiven Vorschlägen übergegangen. Ich bin ja immer noch für ein Kletterverbot für Eltern und die einfache Regel: Wenn das Kind nicht allein raufkommt, kommt es nicht rauf. Mich soll ja auch niemand in der Kletterhalle von unten schieben.

Flugparabel

Während ich also an diesem Wespen-verhangenen Spätsommertag ein bisschen meine übliche Spieplatz-Hasskappe schiebe, und finde, dass ich natürlich sowieso alles besser mache, fällt der Babysohn vom Klettergerüst. Griesgrämig kommt er auf meinen Arm und beschimpft den Spielplatz. Abends versuche ich beim Essen, den Zwischenfall mit „Ach übrigens: Der Babysohn ist aus 2,50m Höhe vom Gerüst gefallen. War aber nicht so schlimm, wie es sich anhört. Kann ich das Salz haben?“ zu übergehen. Das funktioniert natürlich nicht und ich muss mehrfach genaue Flugparabeln, Aufprallgeschwindigkeit und allgemeine Tathergänge beschreiben und versichern, dass keine gefährlichen Verletzungen vorliegen. Immerhin besteht Hoffnung, dass ich endlich ab sofort für den Spielplatzeinsatz als untauglich erklärt werde.

Spielplatzgeschichten-Contest

Außerdem habe ich am Montagmorgen etwas zu Erzählen. Im Büro weiß man ja oft gar nicht, was man antworten soll, wenn man sich leicht aufatmend in den Bürostuhl fallen lässt, während man gefragt wird, wie denn das Wochenende so war. Aber Spielplatzgeschichten gehen immer. Doch meine 2,50m Sturz-Anekdote wird von einem Kollegen mit einem Polizeieinsatz auf dem Spielplatz wegen gefundener Nadeln im Sand getoppt. Also man ist ja nicht wirklich neidisch auf solche Geschichten, aber da habe ich wohl verloren diese Woche. Doch dann erzählt eine Kollegin, dass auf ihrem Spielplatz eine zwei Meter lange Boa constrictor gefangen wurde. Und da überlege ich kurz, ob ich jetzt einfach für immer aus dem Spielplatz-Story-Business aussteigen sollte und mir Berlin manchmal vielleicht doch ein wenig zu berlinig ist.

Aber die Polizei sagt es auch

Jedenfalls kommen Polizei-Geschichten am Abendbrot-Tisch natürlich immer gut, also kann ich die Boa-constrictor-Geschichte zur leichten Gruselfreude der Kinder brühwarm weitererzählen. Noch sind sie ja im „Polizei ist toll!“-Alter und gern wird aus dem Fenster gesehen, wenn ein Fahrzeug mit Blaulicht vorbeifährt. Wobei neuerdings darauf Wert gelegt wird, dass jegliche Polizeiwagen „Grünne Minnas“ sind und dann gibt jedes Mal Diskussionen, ob blaue Minnas jetzt auch grüne Minnas sind. Nachdem es an diesem Abend mehrere Minuten lang mit der Polizeisirene nicht aufhört, brechen wir das Abendessen ab und schauen alle gemeinsam neugierig vom Balkon runter. Ein im Stau steckendes Polizeiauto steht vor unserem Haus und kann sich weder vor- noch zurückbewegen, bis es plötzlich aus dem Lautsprecher tönt „Wer auch immer da vorne so Scheiße steht – aus dem Weg da jetze!“. Die Kinder kichern und jetzt brauchen wir auch gar nicht mehr mit Argumenten gegen dieses Wort in allen Lebenslagen zu kommen. Das ist jetzt amtlich Polizei-erprobt! Mein Einwand, dass die Polizei ja auch Pistolen benutzen dürfe, wir aber nicht, war nicht schlüssig. Scheiße Scheiße Scheiße, hihi. Aber ich bin ja auch eher für den geschulten Einsatz von Schimpfworten als für „Scheiße sagt man nicht“, wobei es ja doch alle tun und dann weiß wieder niemand, wann es passt (fast immer!) oder nicht (selten!).

Aua

Leider muss ich am selben Abend auch noch davon Gebrauch machen, als ich barfuß in eine Scheiß Reißzwecke trete. Aua. Also dann doch lieber LEGO-Steine, beschließe ich. Oder gleich prophylaktisch Dinge aufsammeln, damit man nicht in sie reintritt. Letztens erst musste ich mit einer Taschenlampe einen Milchzahn auf dem Flokati-Teppich suchen. Das ist zeitaufwändiger, als es klingen mag. Und gruseliger, denn man muss ja dazu sagen, dass Milchzähne immer ein bisschen eklig zerfressen aussehen. Die Kinder stört das aber nicht, und sie wollen die Dinger weiterhin unbedingt aufheben. Wofür auch immer. Ich stelle mir manchmal so ein Dreißigjähriges Ich vor, dass sich hinsetzt und denkt „Ach, ich sehe mir mal meine alten, zerfressenen Milchzähne an!“. Beim Zahnarzt gibt es dafür sogar  Sammelboxen, die immerhin in der üblichen hässlichen zahnspangen-Dosen-Ästhetik gehalten sind.

Milchzahn-Dosen. Wie konnte man je ohne sie leben?

Gott, jetzt fällt mir ein, was ich damals für eine riesige rausnehmbare Zahnspange hatte und frage mich, ob es diese rosafarbenen Draht-Plastik-Monster heute immer noch gibt? Im Dental-SPA für Kinder wurden uns ja bereits unsichtbare Zahnspangen für Kinder zum Preis eines Kleinwagens angeboten. Ganz ohne Druck. Es sei ja unsere Entscheidung, wie das Gebiss der Kinder später aussehe, nicht wahr? Nun, ich habe ja auch eher Charakter-Zähne und aus mir ist ja schließlich auch etwas geworden. Tut mir leid, versteckte-Spangen-Industrie, wir boykottieren! (Bis zum nächsten schlechten Gewissen)

 

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Das fulminante „Nicht durchdrehen mit Kindern„-Staffelfinale von MKL ist erschienen. Gar nicht mal so schlecht geworden.

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Kategorien: Montagspost

leitmedium

Parteiloser Postprivatier.

11 Kommentare

Iris · 4. September 2018 um 8:37

Hervorragend! Danke für diesen Artikel, es ist wunderbar, ich lach mich weg. Und es ist genauso, wie wir es erleben, super in Worte gefasst. Schön, Frau und Mann zu lesen, Männer reden sonst nicht immer über ihre Gedanken. Bitte weitermachen. Beste Grüße aus der Frankfurter Gegend ?✌?️.

Anna Rapunzela · 4. September 2018 um 8:50

Ein ähnliches Polizeierlebnis hatte ich mit meiner Tochter auch schon – nur leider war die Ansage über den Lautsprecher: “ Weg da, du Wichser!“.
Da wäre mir „Scheiße“ doch lieber gewesen… 😉

Eva · 4. September 2018 um 10:12

Vielen Dank! Wie immer ins Schwarze getroffen 🙂
Bei der Reißzwecken Geschichte fällt mir gerade ein wie ich bei Freunden in eine Playmobil Pylone getreten bin. Leider hab ich ne dumme Stelle am Fuss erwischt, die Pylone blieb stecken und nachdem Sie entfernt war hat es dann doch ein bisschen geblutet. Drei Kinder schauen mich leicht irritiert an weil ich laut fluche (vermutlich wurde auch hier das Wort Sch…. verwendet). Das Baby möchte auf meinen Arm und ich verlange ein Glas Wasser. Als ich wieder zu mir komme ist das Baby auf dem Arm meines Mannes, das Glas in tausend Scherben auf dem Boden und um meinen Fuß habe ich eine Mullwindel. Die Freunde erklären uns dass ein Pflaster nicht ausgereicht hätte, fragen ob sie mich in die Notaufnahme bringen sollen und bestehen darauf mit Krücken zum Auto zu hüpfen …. War ein wirklich schöner Besuch.

Chaos · 4. September 2018 um 10:27

Mir fehlt immernoch ein Lösung für das Problem, wenn der Nachwuchs auf ein Klettergerüst zwar selbstständig hoch, aber beim besten Willen dann nicht wieder herunter kommt, das zur Rettung erwählte Familienmitglied aber auf Grund der lediglich kindgerechten Dimensionierung des Spielgeräts physikalisch nicht in der Lage ist, das Kind zu erreichen.

Wir waren dann länger da….

Nadine Funke · 4. September 2018 um 10:30

Blöden zahnspangen (blöd und schieße ist hier übrigens erlaubt). Ich hatte viele jahre als Teenager eine feste. Wie grauenvoll. Zu den üblichen Teenagerproblemen noch dazu. Mit anfang 30 sind auf einmal alle Weisheitszähne raus gewachsen. Grade zähne sind dahin..alles umsonst.
Naja nicht ganz, der kieferorthopäde hat reibach gemacht.

Lustige Spielplatzgeschichten können wir auch, oder so ähnlich.
Neben Spielplatz wird gerade abgerissen mit baggern. Sohnemann ist total begeistert. So sehr, dass er Kopf in zaun steckt. Und nicht mehr rauskommt.
Als ich schon die feuerwehr rufen will, ziehe ich noch mal verzweifelt mit gewalt an ihm. Kopf frei und sohn schreit vor schmerzen….

Amélie · 4. September 2018 um 11:45

Hihi, ich werde immerhin noch in diesem Monat 30 und kann dir dann vielleicht mal berichten, was nach „Ach, ich sehe mir mal meine alten, zerfressenen Milchzähne an!“ kommt. Ich habe meine Milchzähne doch tatsächlich in so einem Porzellandings aufbewahrt, auf dem oben ein bekleidetes Bärenpärchen sitzt. Es steht auch noch im Wohnzimmer im Regal über dem Fernseher, also gut sichtbar. Das Porzellandings ist auf eine erschreckend kitschige Art und Weise doch ganz hübsch. Irgendwie ist das ja schon etwas seltsam. Äh naja. Wolltest du vermutlich auch nie wissen, aber jetzt isses zu spät, jetzt schicke ich das auch ab.

Viviane · 5. September 2018 um 9:21

Meine Oma hat die Milchzähne ihrer Kinder in leeren Vanillin-Zucker-Tütchen von Dr. Oetker aufgehoben. Wie sinnig! Als wir die nun nach ihrem Tod in ihrem Haus gefunden haben, waren doch alle etwas gerührt, vor allem die rechtmäßigen Besitzer, also meine Mutter und mein Onkel, die nun mit Ende 60 ihre ersten Zähnchen bewundern konnten. Danach haben sie sie aber entsorgt.

glaskerze · 5. September 2018 um 23:23

Suche nach Kleinteilen bechleunigen:
Eine der traurigen, einzelnen Socken (besser aber eine dieser Nylon-Söckchen) über das Rohr des Staubsaugers ziehen, mit einem Gummiband fixieren, Staubsauger anwerfen und über den Teppich saugen.

    Markus · 11. September 2018 um 10:52

    Nur mit Mühe kann ich mich davon abhalten, SOFORT ein paar Kleinteile in den dicken Teppich einzumassieren und diesen Trick auszuprobieren. Das klingt so einfach und genial, danke für den Tipp!

    *sucht schonmal Nylonsocke*

Elter · 6. September 2018 um 20:52

Wo ist die Petition zum Eltern-Verbot auf Klettergeräten?

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