Über Handstaubsauger, drei Geburtstage, Raupe Nimmersatt, eine Podusche, Schuhe und Handy-Diebstahl

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

Keine Handstaubsauger

Es gibt pro Jahr eine Woche voller Festivitäten, vor der ich ein wenig Ehrfurcht habe. Nicht Weihnachten, das ist eine Kleinigkeit. Nein: Exakt drei Monate später haben hier an zwei aufeinanderfolgen Tagen drei Personen Geburtstag. Erst @fraumierau und der Babysohn, dann die Tochter. Das bedeutet drei Kindergeburtstage auf einmal. Drei! Wochen vorher beginnt schon die Anspannung. Diesmal wurde ich zur Seite genommen und aufgeklärt, was ich alles nicht schenken solle. Das ist neu. Nicht schenken solle ich „einen Handstaubsauger, Gardinen oder einen Thermen-Gutschein, denn den gab es schon vor drei Jahren“. Mein Hinweis, dass die Zusammenstellung ein wenig merkwürdig sei und eine Nicht-Geschenkliste etwas schräg ist, wurde ignoriert. Ich solle hier einfach nicht mit einem Handstaubsauger aufkreuzen! Ich habe keine Ahnung, warum der überhaupt zur Debatte stand. Aber warum mir diese Liste präsentiert wurde, ahne ich. Vor circa zehn Jahren habe ich einen kapitalen Fehler begangen, unter dem ich noch heute leide: Zu Weihnachten, wir waren erst kurz zusammen, kam ich auf die glorreiche Idee, eine Heizdecke zu schenken. Ich fand das eine herzliche, praktische Idee. Weil, so eine Heizdecke ist ja warm und draußen ist es kalt. Win! Das „OMA-GESCHENK!“ aber führte eher zu einer Eiszeit, diversen Beschimpfungen und wurde wutentbrannt zurückgegeben.

Brennende Geschenke

Manchmal vermisse ich die Heizdecke. Wenn es kalt ist. Oder ich Rückenschmerzen habe. Ich glaube, fraumierau eigentlich auch, aber sie brummt immer gefährlich, wenn ich das Reizthema Heizdecke anspreche. Das ist jedenfalls der Grund, warum es sehr konkrete Wünsche und nun auch Nicht-Wünsche gibt. Hier wird möglichst alles gesteuert. Ich hatte kurz überlegt, aus Protest einen Handstaubsauger und einen Zettel mit „Die Geschenke sind frei… Wer kann sie erraten?“ zu schenken. Aber mit dem Geburtstag von fraumierau macht man lieber keine Scherze.  Und auch sonst nichts falsch. Wie zum Beispiel damals, als ich Ihr die Geschenke mit Kerze auf einem Tablett ans Bett brachte. Das Seidenpapier-Verpackung des Hauptgeschenks fing Feuer, sie guckte wie ein Reh auf ein Uhrwerk und ich riss schnell die brennende Verpackung ab, damit das Geschenk nicht beschädigt wird. Bis heute führen die Diskussion „Du hast mein Geschenk damals ausgepackt“ – „aber die Verpackung brannte!“ – „aber Du hast es ausgepackt!“.

(Geburtstagsgschenk vom Sohn: „Mama, wenn sie morgens noch keinen Kaffee hatte)

Raupe Nimmersatt

Und das Thema Torte ist auch wichtig. Eigentlich wolle sie eine Torte zu ihrem Geburtstag, erklärte sie mir vorher. Eine große. So mit Deko und so. Ich gab ihr den Tipp, dass ja der Babysohn am selben Tag Geburtstag habe und sie ihn als Ausrede nehmen könne für Kindertorten, Luftschlangen und Luftballons. Es war eigentlich ein Scherz, aber wenige Tage später wurde ich zum Torte-Abholen geschickt. Nein, sie verrate nicht, wie sie aussehe. Ich rechnete mit ein bisschen Ornament. So instagrammig. Doch es war eine Raupe-Nimmersatt-Torte. Natürlich für den Babysohn. Nicht für sie! Also… rein zufällig hat sie am selben Tag Geburtstag!

Teilt man sich eine Podusche?

Aber der Geburtstag war schön. Wir waren frühstücken, spazieren, zum Mittagessen gab es Eis (yay!) und am Nachmittag hatte ich eine kleine Überraschungsfeier mit lieben FreundInnen organisiert. Die Überraschung habe ich lieber einen Tag vorher angekündigt, denn Überraschungen, also so richtige, sind hier nicht so ganz beliebt. („Die Wohnung! Wir müssen aufräumen!“). Es war eine schöne kleine Feier und ich habe wieder gemerkt, dass mir weniger Menschen angenehmer sind. Nachdem fraumierau ja neuerdings mit diesem gemeingefährlichen Minimalismus-Buch rumhantiert, hat sie diesmal ganz innovativ eine Bücherkiste bei uns in der Wohnung aufgestellt. Für ganz zufällig in der Wohnung verbeikommende Menschen. Ich glaube, beim nächsten Mal probiert sie einen kleinen Flohmarktstand im Wohnzimmer. Immerhin hat sie (noch nicht! die minimalistische Podusche durchgesetzt. Toilettenpapier ist jetzt nämlich out. Ich überlege, wie man seinen GästInnen schonend beibringt, dass sie bitte diese Plastikflasche mit Wasser füllen und sich den Hintern abspritzen sollen. Teilt man sich so eine Flasche? Die Bilder im Kopf!

Kindergeburtstag: Vorstellung und Wahrheit

Der anstrengendere Geburtstag war natürlich doch der Kindergeburtstag am Folgetag. Bzw. die Kindergeburtstagsfeier. Wir hatten auf ausdrücklichen Wunsch einen Kinderkochkurs gebucht, der merkwürdigerweise im Hinterraum eines Quetschie-Ladens stattfand. Quetschies sind diese drei Milliliter Obstpampe mit zehn Kilo Plastik drumherum, auf die Kinder einen an der Kasse immer eindringlich hinweisen. Weil einen Apfel essen, das wäre doch wirklich zu langweilig. In meiner Vorstellung lief die Feier jedenfalls so ab: Ich bringe die Tochter hin, gehe nebenan in ein Café, laptoppe ein wenig rum und komme entspannt und gut gelaunt drei Stunden später wieder, sammle das Kind ein und habe den Tag des Jahres.  Das hatte nämlich letztens so ähnlich funktioniert, als fraumierau mir totbetrübt mitteilte, dass ich abends zum Zollamt müsse, etwas für sie abholen. Ich tat ganz betroffen, holte im Auto aber die Diskokugel raus, öffnete die Minibar, machte ein Hörbuch an und fuhr bei Tempo 20 durch ganz Berlin. Allein. Mitten in der Woche! Ich war im Zollamt der einzige Mensch, der lächelt, während alle anderen entnervt auf die Wartenummernanzeige starrten. Da sag mal jemand, Kinder würden einen glücklich machen.

Jedenfalls lief der Geburtstag in meiner Vorstellung ähnlich ab. Wofür bezahlt man denn so eine Veranstaltung? Leider wurde mir vorher nicht ausdrücklich vermittelt, dass es meine Aufgabe sein würde, die drei Stunden im Laden rumzusitzen und die Wand anzustarren. Ich gebe zu, es war zwischendurch kurzweilig, denn man kam auf die mäßig schlaue Idee, 7 bis 9 Jahre alten Kindern scharfe Kartoffelschäler in die Hand zu drücken. Vier von acht Kindern mussten mit Pflaster verarztet werden und der Koch, so ein Hamburger Urgemüt, versicherte immer wieder, dass es wirklich ganz normal sei, mal zu bluten. Die Kinder nahmen es auch irgendwie hin und ich wusste auch nicht so recht. Ich habe nach der Feier darauf geachtet, dass die Eltern der verschiedenen Kinder nicht miteinander sprachen, damit alle denken, nur ihr Kind habe ein Pflaster. Sonst kommt nie wieder jemand zu uns zu Besuch oder die nächste Geburtstagsfeier wird vom Jugendamt beobachtet.

Freud und Leid … und Leid

Gottseidank nicht eingehalten wurde der Programmpunkt „Abschiedsfoto mit Maskottchen“. Das klingt ja schon auf dem Papier peinlich. Es lag wohl daran, dass die Kinder die Maskottchen-Möhre schon vorher entdeckten, reinschlüpften und damit kichernd durch die Küche liefen. Eine Betreuerin warf mir immer diese „Das ist jetzt aber nicht so toll“-Blicke zu, die ich ja besonders mag, weil sie weder sagen, man solle das jetzt unterbinden, noch, dass es jetzt doch okay ist. Wenn man dann acht Kinder auf Fruchtzucker vor sich hat, die nun mal gern als Möhre rumlaufen, lässt man sie gewähren, bis die ersten gegen eine Wand donnern. Ich komplimentierte die Kinder aus der Möhre und an den Tisch, an dem es dann vielerlei berechtigte Beschwerde wegen zu wenig Essen gab. (So eine Meute Kinder mit zu wenig Essen kann auch wirklich ganz schlechte Laune haben). Die Laune hob sich, als es Abschiedsgeschenke gab. Nur natürlich für den kleinen Bruder nicht, der zum Abholen kam und der daraufhin diese herzzerbrechende „Ich bekomme nichts“-Schippe zog. Dieses Gesicht, dass erst freudig ausstrahlt „ich bekomme etwas“ und dessen Mundwinkel dann, nach Realisierung der nackten Wahrheit, von einem lächelndem u zu einen traurigen n werden und die Unterlippe leicht beben lassen. Das ganze Unglück der Welt in diesem einen Moment. Unser Versuch, ihm ein Ersatz-Geschenk zu kaufen, scheiterte fast an dem Satz „Die Kasse ist aber schon geschlossen!“, den ich mit vier Euro in der Hand und einem „Das wollen sie jetzt wirklich nicht ausdiskutieren!“ beendete.

Schuhe

Das Teuerste diese Woche waren übrigens nicht die drei Geburtstage. Es waren mal wieder die Schuhe. Es gibt ja so Statistiken, die zeigen, dass ein Kind Eltern durchschnittlicheine halbe Million Euro kostet oder so. Was die Statistiken nicht zeigen, ist, dass man 98% davon für Kinderschuhe ausgibt. Das allein wäre ja nicht schlimm, wenn der Kinderschuh-Kauf nicht jedes Mal ein Drama wäre. Natürlich passt nie was richtig, VerkäuferInnen drücken vorn auf der Schuhspitze rum fachsimpeln dann ratlos: „Er hat einen wirklich hohen Spann… das wird schwierig“. Früher hatte ich mit KollegInnen die Vereinbarung, dass wir, wenn mal Mist gebaut haben, einfach sagen „Der Proxy-Server ist schuld“. Das konnte nie jemand nachvollziehen und wir waren aus dem Schneider. Ich glaube, in Schuhläden gibt es auch Standard-Ausreden für „Keine Ahnung“. Der Spann zum Beispiel. Was soll das sein? Oder der Fuß ist zu breit. Oder zu lang. Oder fünf Zehen, wer konnte damit rechnen? Meine Güte. Es ist ein Fuß! Am liebsten höre ich dann so Pflegetipps, die mit „Imprägnieren“ enden. Wenn immer mir Imprägnieren empfohlen wird, stelle ich die Schuhe wieder zurück. Lieber binde ich den Kindern Plastiktüten um die Füße als irgend so einen Velournubukwildleder-Unfug zu kaufen, der schon auf Sichtweite mit einer Pfütze tropft wie ein Schwamm. Da helfen dann auch die betroffenen Verkaufsgesichter und „aber die Füße müssen atmen“-Monologe nichts. Weil, wenn die Füße in Regenwasser ertrinken, können sie ja auch nicht atmen, ne? Ich glaube, ich gründe eine Partei. Alternative für Kinderschuhe. Oder so.

Telefon-Update

Es gibt wieder Neuigkeiten vom Projekt „Die Kinder dürfen mit dem Festnetz-Telefon anrufen“. Diesmal klingelte der vierjährige Sohn im Büro an. „Papa, Papa … ich muss Dir was erzählen! … Weißt Du was Du bist? Ein nackter Polizist! Weißt Du, was Du werden kannst? Ein Ochse mit ’nem Pferdeschwanz! Hihihihihihihi“ *klick*. Telefonat beendet. Doch damit nicht genug. Offenbar liegt ihm das mit dem Telefonieren jetzt so sehr, dass er mit seinen Freundin im Kindergarten dem Erzieher das Handy entwedet und PIN-Nummern durchprobiert hat. „Wir haben die weiße PIN geschafft!“ erzählte er stolz. Ich vermute, sie haben „110“ oder so eingegeben und irgendein Polizist kichert jetzt noch darüber, dass er ein Ochse werden kann. Wer weiß.

Ach, und hier noch mein „Wochenende in Bildern„.

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Kategorien: Montagspost

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9 Kommentare

glaskerze · 27. März 2017 um 23:44

Immer eine Sache der Perspektive.. ?

Patricia · 28. März 2017 um 8:14

Könnt ihr uns bitte adoptieren. Wir sind auch nur drei 🙂

Daniela · 28. März 2017 um 9:18

Lieber Caspar… das war wieder… unglaublich. Also, unglaublich. Das macht mich immer so glücklich. Das Lachen, das Wiederfinden, das Merken- Oh-Nicht-nur-bei-uns? Danke!

Sebastian · 28. März 2017 um 9:40

Bei der „Alternative für Kinderschuhe“ mache ich sofort mit.

    Pillefüße · 28. März 2017 um 14:56

    Hier ist vielleicht eine Alternative um Schuhe zu kaufen….Wir sind auch auf Facebook….zumindestens könnte man den Stress da abbauen….grins.
    Mit freundlichen Füßen
    S.Perschon

Kleineschwarze · 28. März 2017 um 11:53

Es ist immer wieder zu schön, wenn du uns mit deiner Sicht teilhaben lässt 🙂
Danke dafür <3

Carla · 28. März 2017 um 19:13

Hahaha, das mit den Schuhen stimmt genau! ?

Wir haben hier ein fuß-sensibles Kind und probieren im Laden meist ca 20 Paar an bis eines dann nicht ganz schlimm drückt. Dass das meist das teuerste Paar ist, brauche ich nicht erwähnen, oder?

manu · 30. März 2017 um 10:11

über das „ihre sicht“ – „meine sicht“ könnte ich mich totlachen 🙂 danke für diesen einblick!

Oma-Lilli · 18. April 2017 um 18:06

Schade, dass ich Dich nicht schon früher entdeckt habe. ABEEEER, ein Segen, dass ich Dich wenigstens jetzt entdecken „durfte“.

Schon lange nicht mehr soooo gelacht…..

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