+++ EIL +++ Heilig Abend verlief nicht ganz wie geplant +++ EIL +++

Veröffentlicht von leitmedium am

Heilig Abend – es verlief nicht ganz, wie geplant. Ich habe daher den geplanten und den erlebten Tag für weitere wissenschaftliche Analysen notiert.

Heilig Abend in der Planung

Endlich ist der Herd da! Es wird ein gemütliches Frühstück mit warmen Brötchen – den Ersten im Landhaus. Ich werde ein wunderschönes Frühstücksfoto auf Instagram posten und mich danach ein wenig verliebt an den Herd schmiegen.

Während die Kinder draußen ein wenig im Matsch rumhüpfen, heize ich den Kamin an. Beim Knistern des Feuers bereite ich Rotkohl vor. Die Kinder wärmen sich drinnen bei einem Tee auf und schmücken mit fraumierau, die den ganzen Tag Weihnachtslieder summt, den Baum mit selbst gebastelten Stroh-Sternen. Ich bereite die Gans und das Gemüse vor und schiebe alles rechtzeitig in den Ofen. Am Abend gehen fraumierau und die Kinder zur Christmesse in die Kirche, während ich schnell die Geschenke unter dem Baum drapiere und die Kerzen entzünde.

Die Familie kehrt zurück, es gibt eine zauberhafte Bescherung. Große Kinderaugen erweichen das Herz. Es sei das schönste Weihnachten jemals, sagen sie.

Nachdem alle Geschenke begutachtet wurden, gibt es die Weihnachtsgans. Ich trinke zur Abwechslung ein kleines Glas Rotwein. Die Kinder stopfen sich mit Schokolade voll und spielen glücklich bis kurz vor Mitternacht. Alle gehen gemeinsam schlafen. Was für ein Tag!

Heilig Abend in der Realität

Ich stehe morgens vor dem neuen Herdofendings, blättere in der Anleitung und frage mich: Umluft? Oberhitze? Oder Umluft und Zwischendurchhitze oder wie? Die ersten 38 Jahre meines Lebens habe ich im Backofen nur ein Feuer entzündet und es wurde heiß. Jetzt habe ich die Auswahl zwischen Keine Ahnung und vielleicht ja auch besser das hier? Ich entscheide mich für Umluft mit Ober- und Unterhitze. Nach kurzer Zeit hole ich die ersten warmen Brötchen aus dem Ofen. Sie sind warm. So… verdammt warm. Oh nein… sie sind schwarz.

Ich bitte die Tochter, doch schnell zum Bäcker zu gehen. Nein, also bei dieser Dunkelheit, da ginge das nicht. Und nass und kalt sei es ja auch draußen. Ok, dann gehe ich halt. Ja, dann, also dann käme sie natürlich mit. Dieses Spiel machen wir jedes Mal. Ich suche meine Strümpfe und finde sie nicht (später dazu mehr), also geht es ohne es Strümpfe schlurfend zum Bäcker. Natürlich gibt es trotz früher Stunde nur noch Brötchenreste. Auf dem Land wird eben früh aufgestanden. Also: weiche Weißbrötchen für alle. Eine halbe Stunde später starrt eine leicht verstimmte Familie auf Pappbrötchen und beschwert sich über den Geruch verbrannter Brötchen. Immerhin: Der Herd funktioniert.

Mit den großen Kindern fahre ich nochmal einkaufen. Auf dem Land ist im Supermarkt nichts vom Weihnachtsstress zu spüren. Der Markt ist leer, wir kaufen in Ruhe ein und finden noch fehlende Baumkerzenhalter und Kochzutaten. Wieder im Haus bereite ich schnell das Rotkraut vor. Das machen wir seit Jahren selber und es geht von der Hand. Nur als ich gerade mit einem Auge das Rezept lese und mit der anderen Hand das Messer dumm in der Luft halte, schneide ich fraumierau in den Finger. Nicht doll, aber so, dass es schmerzt.

Der Versuch, die Kinder zum Spielen zu bewegen, scheitert. Eigentlich rennen sie den ganzen Tag nur um uns herum. Sie sind aufgeregt, sagt das Herz. Fünf Minuten Ruhe bitte, sagt der Kopf. Nur der Babysohn hängt in den Seilen. Er ist krank. Und fraumierau kriecht nach einer Durchwachten Nacht ein wenig auf dem Zahnfleisch durchs Haus. Den extra vorm Weihnachtsfest installierten Kamin können wir nicht anmachen – zu trockene Luft. Ein Inhalator wäre jetzt gut. Der ist natürlich in Berlin. Ich telefoniere Dorf-Apotheken durch, bis ich eine finde, die noch offen und einen Inhalator hat. Ja, der billigste koste aber 130 Euro. Ja, nein. Ich melde mich. Wir entscheiden, dass ich eines der Kinder nehme, und schnell nach Berlin fahre, um den Inhalator und ein Stethoskop zu holen. Sollte in zweieinhalb Stunden zurück sein.

Aber wie läuft das jetzt mit der Gans? So Tiere und so sind ja mein Gebiet. Und fraumierau gruselt sich. Aber eine Gans will sie dennoch pünktlich. Ich kritzele auf einem Blatt das Rezept zusammen und will schnell losfahren. Wo sind denn jetzt meine Socken? Ja, die habe sie angezogen, sagt fraumierau. Sie könne ihre nicht finden. Ähm, ob ich jetzt ohne Strümpfe aus dem Haus gehen und Auto fahren solle? Ja, sagt sie bestimmt. Mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Raum für Diskussionen vermuten lässt.

In Berlin angekommen bekommt der begleitende Sohn sehr schlechte Laune und findet, dass er jetzt einfach nicht mehr laufen mag. Und überhaupt „ich will nicht!“. Leider war trotz intensiver Nachfragen nicht herauszubekommen, was er denn nun nicht wolle. Oder gar, was er statt dessen wolle. Ich klemme ihn unter dem Arm, eile in die dritte Etage, suche den Inhalator und die Arzttasche von fraumierau und hetze wieder runter zum Auto. Kind anschnallen, los geht es. Die Diskussion über das nicht-Wollen zieht sich noch ein wenig und am Stadtrand überlege ich, dass das Stethoskop vielleicht gar nicht im Arztkoffer ist? Ist es natürlich nicht. Ich solle jetzt aber bitte dann doch kommen, versichert mir fraumierau telefonisch und schickt noch Fotos hinterher, wie sie ihre erste Gans macht und das sei ja alles nicht so ihr Ding. Zwischendurch kommt das Foto einer zersprungenen Weihnachtskugel. Sie sei einfach vom Baum gefallen. Es war diese eine Schöne…

Wer fährt eigentlich an Heilig Abend am späten Nachmittag mit dem Auto aus der Stadt raus? Also außer mir jetzt? Offenbar sehr viele, denn plötzlich ist Stau. Ich stehe in der Abenddämmerung an Heilig Abend im Stau. Ich beiße kurz ins Lenkrad. Merkwürdige Nachrichten ereilen mich von fraumierau. Da würde was mit der Kinder-Werkbank für den Sohn nicht stimmen, die sie für die Bescherung noch zusammen bauen wollte. Irgendwie fehlen da die Werkzeuge. Und … also… das sei jetzt doch komplizierter als gedacht. Ob das wirklich nur dreißig Minuten dauern würde? Ah, die Werkzeuge seien jetzt da, aber es dauere doch noch so 45 Minuten. Ich solle solange nicht kommen. Leider bin ich aber eigentlich schon da. Ich fahre an den Straßenrand und versuche dem Sohn zu erklären, dass wir jetzt nicht noch nicht zurück können. Warum denn nicht? Ja, weil… äh… der Nachbar habe doch den Schlüssel – Dann solle ich doch den anrufen. Ja, das hätte ich doch schon probiert. Er könne doch eine Runde auf dem Handy spielen. Nein, er müsse JETZT sofort auf die Toilette. SOFORT. Nein, in den Wald wolle er nicht. Nein, das Restaurant zwei Dörfer weiter sei auch indiskutabel. Gottseidank gibt fraumierau Entwarnung, dass die lieben Nachbarn die Werkbank zu sich rübergenommen hätten.

Ich komme nach Hause und finde ein Nervenbündel vor, das früher fraumierau war. Immerhin, die Gans sieht toll aus im Ofen. Und auf dem Arm von fraumierau kuschelt ein kleines Häufchen Elend, das kränker kaum sein könnte. Wenigstens liebt er den Inhalator, der sofort in Betrieb genommen wird. Ich eile zum Nachbarn, der gerade die Werkbank zusammenschraubt. Ob er sich mit einer Stunde nicht vielleicht doch verschätzt habe und es zwei Stunden dauern würde? Eigentlich beginnt grade die Christmesse. Tschja. Untalentiert wie ich bin, helfe ich mit beim Aufbau der Werkbank und ärgere mich über die blödeste Aufbau-Anleitung aller Zeiten.

Ich renne wieder zurück rüber. fraumierau schnappt sich die Kinder und geht mit ihnen spazieren, während der Nachbar die Werkbank bringt (DANKE!). Ich sammle alle Geschenke zusammen und drapiere sie unterm Weihnachtsbaum. Kerzen werden entzündet und eine völlig verregnete fraumierau kommt mit Kindern zurück.

Es gibt eine zauberhafte Bescherung. Große Kinderaugen erweichen das Herz. Es sei das schönste Weihnachten jemals, sagen sie.

fraumierau legt den Kopf schief und gibt mir mein Geschenk. Es ist schönes Geschirr. Leider hatte sie wie ich keine Zeit, es einzupacken also ist es noch in Zeitungspapier. Ich sehe nicht alle Teile und sofort fällt ein Tellerchen runter und zersplittert. Während der Bescherung. Seitdem uns letzte Woche der Geschirrspüler umgekippt ist, bin ich ja hart im Nehmen, was Scherben angeht, aber das ist nochmal ein Rekord.

Die Tochter knufft mich in die Seite. Ich hätte den 1kg Schokoweihnachtsmann vergessen. Tatsache. Kinder merken sich Dinge ja immer besser und lassen einen dann blöd dastehen. Ich stelle ihn schnell vor die Haustür und klopfe. Der Sohn schwört immer noch, der Schokoweihnachtsmann hätte geklopft. So ein gemeinsam geteilter Weihnachtsmann ist übrigens keine schlechte Sache. Wie eine Friedenspfeife, nur in süß.

Die Kinder scharen sich um den Tisch und fraumierau beginnt, eines der vielen geschenkten Bücher vorzulesen. Ich sehe sie an, versuche, mich zu entspannen und plötzlich kippt mitten im Satz ihr Kopf nach vorn. Sie ist einfach am Tisch sitzend und vorlesend eingeschlafen! Ich kann kaum an mich halten vor lachen. Die Kinder sehen mich zweifelnd an. Was ich denn nur hätte. Na ob sie nicht bemerkt hätten, dass Mama beim Vorlesen eingeschlafen sei. Doch, das tue sie doch immer, antworten sie entgeistert. Vom Lachen ist fraumierau aufgewacht und liest einfach an der Stelle weiter, an der sie weggenickt war. Ich sage lieber nichts.

Was für ein Tag…

p.s.: Wir sind alle spontan müde und schleppen uns kurz vor neun ins Bett, wo wir sofort einschlafen. Ich stehe nochmal auf, setze mich unten auf die Couch und lasse den chaotischen Tag Revue passieren. Dabei schlafe ich wieder ein. Als ich aufwache, wische ich mein Getränk mit der Hand um. Es fliegt gegen die Wand und zieht sofort im Lehm ein. Ach, auch egal. Ich gehe schlafen. fraumierau schreckt nachts auf und wischt mit der Hand ihr Getränk vom Nachttisch. „Ach, egal“, sage ich ihr.

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Kategorien: Montagspost

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17 Kommentare

Sarah Karahan · 26. Dezember 2016 um 1:02

Ich weiß, dass schreibt hier jeder zweite aber: ICH HABE MIR IN DIE HOSE GEMACHT VOR LACHEN… das kann doch nicht echt sein… du hast ne knaller Schreibe!

    beate · 26. Dezember 2016 um 13:17

    so ging es mir auch Sarah!
    Aber manchmal glaube ich wie du das kann doch nicht wirklich so passiert sein 😉

Julia · 26. Dezember 2016 um 9:34

Wie wenn „Eine schöne Bescherung“ neu verfilmt würde mit einer Berliner Bloggerfamilie!

Laura · 26. Dezember 2016 um 10:16

Hahahahhahs ich kann ich nicht mehr hahahaha. Lache immer noch hahahhhhaa. Ohje. Okay hab mich beruhigt. Danke und frohe Weihnachten. ♡

jennifer-heart · 26. Dezember 2016 um 12:08

Unser Weihnachten war dieses Jahr auch anders als geplant. Die Kinder sind trotz allem glücklich und zufrieden damit und im Moment denke ich, dass das Einzige ist, was wirklich zählt.
Scherben bringen Glück. Ich hoffe, es ist was dran!

Kerstin · 26. Dezember 2016 um 21:29

einfach schön zu lesen, ich lach mich kringelig, Danke dafür 😀

Corinna · 26. Dezember 2016 um 23:18

? Welch schöne Einschlafstilllektüre. Mein Mann hat etwas irritiert geschaut als ich mit Lachanfall aus dem Schlafzimmer kam…

Anne · 28. Dezember 2016 um 20:24

Mir tut es gut, zu lesen, dass nicht nur unser Leben mit Kindern so lustig skurril absurd anstrengend schön ist, sondern auch das von anderen Eltern. Und das mit der Knaller Schreibe finde ich auch – du fasst die kleinen, schwer erklärbaren Momente in runde Worte. Danke und gute Erholung!

Elter · 30. Dezember 2016 um 13:40

Das Ergebnis zählt! 😀
(Aber ein bisschen bedenklich ist es schon, dass deine Frau regelmäßig vor Erschöpfung wegtritt, oder :?)

Gaby · 6. Januar 2017 um 0:21

Und die Gans??? Habt ihr die noch gegessen oder das Essen auf den Folgetag verschoben?
Ich mag Deine Schreibe. Es ist so unharmonisch und ehrlich. Es ist wie bei uns.

    leitmedium · 8. Januar 2017 um 20:04

    Die Gans wurde noch am selben Abend – zumindest zur Hälfte – gegessen 🙂

Kalay · 8. Januar 2017 um 1:35

;;;wieder Tränen gelacht;;;; Macht einen Film draus;;;;sichert Euch die Rechte;;;;ehrlich;;;D-A-N-K-E;-)

geLASSEnheit&Liebe · 8. Januar 2017 um 21:14

Oh herrlich, ich heule vor Lachen- danke!

Lena · 30. Januar 2017 um 10:20

Haha, einfach zu witzig. Dabei denkst man schon alles erlebt zu haben an Weihnachten, aber das ist wirklich außerordentlich. (Und das auch noch, obwohl Weihnachten schon lange vorbei ist :))

Wochenende in Bildern 24./25.Dezember 2016 -Weihnachtsedition - Geborgen Wachsen · 25. Dezember 2016 um 21:52

[…] Wie unser Heiligabend für meinen Mann war, könnt ihr hier lesen. […]

BER, (nicht) brennende Flugzeuge und Kamele in Venedig - vier plus eins · 2. Januar 2017 um 21:45

[…] Wochen später sind wir alle Venedig. Der Weg dahin war nicht ganz leicht. Weihnachten verlief etwas, nun ja, chaotisch und erst in letzter Sekunde waren fraumierau und der Babysohn fit genug, um doch noch mitfliegen zu […]

Über Singnüsse und Trotzphase Nummer 3 - vier plus eins · 25. Dezember 2017 um 23:31

[…] Heiligabend verläuft dennoch deutlich unspektakulärer als letztes Jahr. Und das ist auch nicht ganz schlecht. Für fraumierau war es sowieso wenig überraschend, denn sie […]

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