Elternverachtende Kindersitze, Biss in den Zeh, Dusche mit Himbeer-Duft

Veröffentlicht von leitmedium am

(Fast) jeden Montag schreibt @leitmedium seine Gedanken zur letzten Woche mit und ohne Familie.

»Kannst Du vorm Losgehen noch kurz die Kindersitze umbauen?«. Ich breche innerlich ein wenig zusammen. Hat das mit dem schnellen Verabschieden doch nicht funktioniert. Kindersitzeumbauen kommt ganz knapp hinter vorm Schlafengehen „Ach, kannst Du noch schnell die Babywindelwechseln“ zu hören. Erinnert mich immer an Office Space, wenn ich mich nachts durch die Wohnung Richtung Bett schleiche und doch noch erwischt werden:

Wenn ich Autokindersitze umbaue, frage ich mich, was ich eigentlich falsch gemacht habe im Leben. Gurt abfummeln, Sitze raushieven, aufpassen, dass der Regen den Sitz nicht so nass macht, im Kreis ums Auto rennen, usw. Oder Isofixe abziehen und wieder ranbasteln. Das geht oft auch nur in der Theorie einfach. Eigentlich wollte ich das gar nicht schreiben, denn letztens erst habe ich gelernt: Niemals im Internet „Isofix“ erwähnen, sonst kommen komische Menschen und kauen einem ein Ohr ab, dass Isofix blöd und mindestens an der Klimaerwärmung oder dem Dritten Weltkrieg schuld ist. Mit drei Kindern und zwei FahrerInnen jedenfalls gibt es diverse Anlässe und Möglichkeiten die drei Sitze anzuordnen. Manchmal stelle ich mir vor, diesen einen Kindersitz, der ungefähr eine Tonne wiegt und dessen Anschnallsystem von Menschen entworfen wurde, die noch nie im Leben ein Kind anschnallen mussten, einfach mit einen „zu verschenken!“-Schild auf die Straße zu stellen und schnell loszufahren, ohne in den Rückspiegel zu blicken. »Huch, wo ist denn der Kindersitz?!«, frage ich dann scheinheilig zu Hause. Und weil ein Sitz ja kein Tier ist, fahren wir dann auch nicht rum, um ihn zu suchen. Er ist dann eben weg, hat ein besseres Leben oder ist im Himmel und es wäre ein Mysterium bis ans Lebensende. Weil ich aber nett bin – zumindest was Kindersitze angeht – baue ich morgens mal wieder diese widerspenstigen Dinger um und verfluche alles. Aber leise. Weil mich vier Kinderaugen sehr skeptisch dabei beobachten.

Das tun sie ja eh oft, die Kinder: skeptisch schauen. Oder zuhören – wie zum Beispiel am Vorabend. Wir haben die Kinder ins Bett gebracht und liegen zu fünft im Familienbett. Wird langsam auch ein wenig knapp, trotz der 2.8m Breite. An mir liegt es nicht, rede ich mir dann immer ein. Wir reden jedenfalls nach dem Vorlesen noch über Aufstehen und Wecker und ich versuche meinen Geheimtrick, um die Kinder zum Schlafen zu bewegen: Ich spreche sehr ruhig und stelle die Stimme tiefer. Das habe ich von einer Sprechtrainerin für meinen Podcast gelernt. Ich brumme so vor mich hin und erzähle, wie man früher mit dem Tageslicht aufstand und bei Dunkelheit schlafen ging, weil „die Menschen hatten damals keine Uhren“. Obwohl es eh schon still im Zimmer war, herrscht plötzlich betretenes Schweigen im Bett. Dann schreit es plötzlich »WAS DIE MENSCHEN HATTEN FRÜHER KEINE OHREN?!«, und alle brechen in schallendem Gelächter aus. Also außer mir. Einschlaferzählung gescheitert. Ich drehe mich leicht beleidigt auf die Seite und kichere heimlich mit.

(Ein Foto von einer Socke auf einen Ast. Sowas findet man im Internet. Man darf sich ruhig fragen: Warum?)

Nachdem die beiden großen Kinder eingeschlafen sind, heißt es, wieder aufstehen. Der Babysohn ist dann noch wach, krabbelt leise durchs Wohnzimmer und beißt mir irgendwann in den großen Zeh. Das sieht sehr drollig aus, aber seine dreieinhalb Zähne sind durchaus schmerzhaft. Da will man sich dann als großer Papa natürlich nichts anmerken lassen, während sich die Zähnchen so langsam in den Fuß graben und man unschuldig angelächelt wird. Aber ein bisschen frage ich mich schon, was das jetzt eigentlich soll und ob ich eigentlich „nein“ sagen müsste, weil das ja doch irgendwie merkwürdig klingt. Und, was hast Du gestern Abend gemacht? Ach, mein Sohn hat mir wieder in den Zeh gebissen. Vielleicht ist es ja auch nur sein Protest, dass es bei uns zu viel vegetarisches Essen gibt?

Aber um auf nackte Füße zurückzukommen: Vielleicht würde ich ja auch mehr Socken tragen, wenn ich denn welche finden würde. Ich habe mir dieses Jahr knallbunte Socken gekauft, damit fraumierau sie nicht heimlich einkassiert. Die hat ja fast so große Füße wie ich und ich habe wirklich große Füße, weswegen mich manchmal die Vermutung beschleicht, die Strümpfe da an ihren Füßen, die sie pfiffelnd trägt, gehörten vielleicht mal mir? Wäre ja auch kein Problem, wenn man mehr waschen könnte, aber leider geht das nicht mehr, bzw. ist der Wäschetrockner jetzt zum Gerät non grata erklärt worden. Unser Nachbar aus der Wohnung unter uns hat uns ja vor ein paar Monaten geschrieben, dass er uns gern einen Teppich schenken wolle. Weil Kinder seien ja toll, aber es sei eben so laut. Jetzt kam ein Brief, dass er immer in der Küche schlafen würde, denn nur da sei es ruhig. Aber es würde immer so brummen, so dass er da auch nicht schlafen könne. Das Brummen ist der Wäschetrockner, der eigentlich immer läuft. Oder lief. Weil das geht ja nicht mehr. Jetzt schläft also der Nachbar in der Küche und wir haben nichts mehr zum Anziehen. Ich weiß nicht, was schlimmer ist. Ich hoffe, im Büro fällt nicht auf, dass ich jetzt alles immer fünf mal trage. Die gute Nachricht: Der Nachbar zieht Anfang nächstes Jahres aus. Ab dann habe ich wieder frische Wäsche.

Was jetzt besser klappt, ist duschen gehen. Bestimmt zwei mal die Woche. Glatter Luxus. Nur wenn ich dann so unter der Dusche stehe und mit den Augen den Wannenrand abtaste, fällt mir wieder auf, dass wir dreihundert verschiedene Bade- und Duschzutaten für Kinder haben, aber nichts für Erwachsene. Dann dusche ich mit Todesverachtung mit Prinzessin Lillifee Himbeerduft, putze mir mit Sharky-Erdbeergeschmack die Zähne und muss die Ohrstäbchen vor der Benutzung platt drücken, weil es so bescheuerte Sicherheitsstäbchen sind, die niemand braucht. Wenigstens kommt das Wasser noch neutral aus der Leitung und ich muss nicht die Socken der Kinder anziehen. Wobei ich ja würde, wenn ich könnte. Dann hätte ich wenigstens welche. Dass die Kinder Socken auf ihren Weihnachtswunschzettel geschrieben haben, spricht wohl auch für die allgemeine Wäscheverzweiflung. Aber so kann man ihnen wenigstens mit etwas Praktischem Freude machen. Da fällt mir wieder ein, wie wir letztens nicht mal Schmerztabletten da hatten und ich aus lauter Verzweiflung Nurofensaft mit Geschmack trank. Nicht nachmachen. Wirklich.

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Kategorien: Montagspost

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16 Kommentare

Fränzi · 19. Dezember 2016 um 23:43

Sehr gut, sehr lustig! Hab im Laufe des Abends schon ein- zweimal vorbeigeschaut, ob heute einer dieser „Fast- Montage“ ist, an denen ein neuer Beitrag erscheint.
Glückwunsch, das der Nachbar auszieht, ist wahrscheinlich für alle am Besten so. Stellt sich nur die Frage, wer dann einzieht… 🙂

Fränzi27

Daniela · 20. Dezember 2016 um 8:56

Danke Danke Danke Danke Danke Danke das Duschgel, ich kringle mich gerade vor Lachen, Danke Danke Danke

Ulla · 20. Dezember 2016 um 9:55

Armer Papa, der Hilfeschrei ist zwar lustig verpackt, aber dennoch hörbar?

Heike W. aus LIP · 20. Dezember 2016 um 9:55

Die Autositzkatastrophe kommt mir sehr bekannt vor; zusätzlich ist man ja gleichzeitig in ein grässliches Nahrungsmittelrestekrümelproblem involviert…

    leitmedium · 20. Dezember 2016 um 9:59

    Gibt es Autositze ohne Krümel?!

      Heike W. aus LIP · 20. Dezember 2016 um 10:16

      Autositze ohne Krümel sind so selten wie Kinderfüße ohne Dreck- und Strumpfkrümel zwischen den Zehen!

Ines · 20. Dezember 2016 um 10:15

Großartig!
Unser Nachbar schläf auf seinem Sofa im Wohnzimmer, sein Vorschlag zur Entschärfung der Situation: Er ist wirklich nur von 3Uhr Nachts bis 10 Uhr morgens im Schlafzimmer, danach könnten wir alles machen was wir wollen, aber ob wir bitte bis 10 Uhr unser Wohnzimmer nicht betreten könnten. Klar, kein Problem, meine Tochter steht soiweso erst um 5Uhr auf.

    Micha · 20. Dezember 2016 um 12:08

    Unser armer Ex-Nachbar hatte uns auch gebeten, doch einfach bis mittags einen Teil unserer Wohnung nicht mehr zu benutzen. Andernfalls müsse er wohl in der Badewanne schlafen.
    Ex-Nachbar, gottseidank.

Sarah · 20. Dezember 2016 um 10:45

Danke für die Duschgel-Geschichte! 😀
Was ich aber wirklich nicht kapiere: warum kann der Trockner tagsüber nicht mehr benutzt werden? Selbst wenn der Nachbar Nachtschicht hat, könnte man den Trockner doch spätnachmittags benutzen? Oder dient das nur der Dramaturgie und ich verstehe es nicht? 😉

    leitmedium · 20. Dezember 2016 um 11:00

    Unser Trockner braucht wirklich sehr lange (über zwei Stunden) und es ist unangenehm, wenn er läuft und man in der Küche Essen zubereitet (warm, laut). Bisher klappte es ganz gut, ihn morgens einmal anzumachen, wenn alle gegangen sind und abends. Wir haben ihn öfters auch abends zwei Mal hintereinander laufen lassen. Jetzt müssen wir uns natürlich anpassen, aber wie das so ist mit eingefahreren Routinen: Man muss erstmal neue finden. Es ist aber wirklich so, dass ich … äh… Kleidungsnotstand habe. Also wir alle 🙂

      Hallo · 22. Dezember 2016 um 14:34

      … hmmm … warum hängt ihr die wäsche nicht einfach auf? nahe der heizung ist sie doch schnell luftgetrocknet.

Sarah · 20. Dezember 2016 um 12:39

Das mit dem nurofensaft, das kenne ich! Schon seit drei Wochen will ich in die Apotheke gehen und normale Tablette kaufen …. und gestern wieder … oh nein … aaaaaach, der Saft der Kinder tut es auch. Schnell Wasser hinterher trinken!

Dana · 20. Dezember 2016 um 13:12

…und Wäsche auf der Leine ist nicht so euer Ding? 😀

Kathrin · 20. Dezember 2016 um 13:28

Wir haben mal unter einer jungen Frau aus einen anderen äh Kulturkreis gewohnt, in dem es normal ist, dass viele, sehr viele Familienmitglieder ein- und ausgehen… Die Kinder durften toben, was das Zeug hielt und vornehmlich morgens gegen vier haben sie sich oben lautstark gestritten… Die ersten paar Male bin ich aufgeschreckt, weil ich dachte unsere Kinder weinen. Dann jedoch hatte ich es einfach in meine Träume eingebettet und träumte fort an von orientalischen Märkten! Gut war, dass in Semesterferien immer komplette Ruhe herrschte, da waren offenbar alle nie da… Die Frau war max. 20 Jahre jung und hatte die Wohnung mit ihrem Vater gemietet… Also sage doch Eurem Nachbarn einfach, er soll den Trockner als Meeresrauschen in seine Träume einbetten oder das Kindergetrabbel als Pferderennen… 😉

Ein verschwundener Schreibtisch, Laugengebäck, das gute Wasser, böse Plastikflaschen und Muggler - vier plus eins · 16. Januar 2017 um 22:51

[…] verstopfen gehässig das Flusensieb. So langsam bildet sich die Sockenlage ordentlich ab: Entweder landen sie an fraumieraus Füßen, oder sie lässt sie im Altpapier verschwinden oder die Maschine frisst sie. Nachdem ich all dies […]

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