Gewalt gegen Kinder ist eine Straftat – egal, ob Du meinst, sie hätte Dir ja auch nicht geschadet

Veröffentlicht von leitmedium am

Ey, mein Puls. Da stolpere ich über die Facebook-Seite von n-tv und lese eine Artikel-Ankündigung mit folgender Frage: »Gewalt in der Erziehung ist gesellschaftlich immer weniger akzeptiert. Wie sehen Sie das?«. Was für eine bescheuerte Frage ist das denn?, denke ich so vor mich hin. Gewalt in der Erziehung ist schließlich keine Geschmacksfrage, sondern schlichtweg verboten. Ende Gelände. Fragt ja auch keiner, ob ein bisschen Raub oder Ladendiebstahl okay ist und wie da jetzt so die allgemeine Meinung zu sei. Der verlinkte Artikel stellt auch deutlich klar: Menschen, die Gewalt oder Vernachlässigung in der Kindheit erfahren haben, leiden häufiger an Spätfolgen:

»Menschen, die Missbrauch oder Vernachlässigung erlitten, haben ein höheres Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen sowie ein höheres Suizidrisiko. Deutlich häufiger als Menschen ohne Gewalterfahrungen leiden sie an Übergewicht, Diabetes, Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und chronischen Schmerzen, sagte Markus Huber-Lang, Chirurg am Zentrum für Traumaforschung der Universität Ulm im März 2017.«

Doch dann lese ich die Kommentare unter dem Artikel. Ja, man soll sie nicht lesen. Und doch, ich tat es. Und mir rollten sich die Fingernägel hoch. Die drei meistgelikten Kommentare:

  1. »Ein „Klaps auf den Po“ oder eine Ohrfeige sind für mich ehrlich gesagt keine „Gewalt in der Erziehung“. Früher nannte man sowas noch Respektschelle und wenn ich mir die Jugend von heute (zu der ich leider auch gehöre) mal ansehe, hätte eine Respektschelle vielen nicht geschadet. Naja.« (482 Likes)
  2. »Wahrscheinlich werde ich für das, was ich nachfolgend schreibe angefeindet aber: Ein Klapps, oder mal ein packen am Arm hat mir nie geschadet. Immer nur „du du du“ nimmt auch ein Kind irgendwann nicht mehr ernst.« (315 Likes)
  3. »Wenn ich sehe, wie lappenhaft manche Eltern mit ihren Kindern umgehen und diesen alles kaufen was sie wollen, wundert es mich nicht, dass diese Generation so verzogen und asozial ist.
    Wenn ein Kind etwas falsch macht und man ihm nur sagt „Das darfst du nicht machen“, dann macht es das trotzdem. Gibts jedoch mal ne Ohrfeige, überlegen es sich die meisten zweimal.« (124 Likes)

 

Und jetzt nochmal für alle da draußen, die Artikel nicht lesen, bevor sie kommentieren:

  1. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Gewalt Kindern mit statistisch deutlich erhöhter Wahrscheinlichkeit ein Leben lang – teils schwer – schadet.
  2. „Mir hat es nicht geschadet“ ist weder ein stichhaltiges Argument, noch ein wertvoller Diskussionsbeitrag. Schon abgesehen von der Tatsache, dass Gewaltopfer nicht zwangsläufig Schäden erkennen und diese den Ursachen zuordnen, ist das eigene wohlbehaltene Überstehen von Gewalt kein Grund, zu fordern, andere Menschen mögen dies doch auch erleben. Schon allein diese Haltung kann man als mögliche Schädigung diskutieren, denn: Wie empathielos muss man eigentlich sein, um Gewalt gegen Kinder zu dulden?
  3. Gewalt gegen Kinder ist strafbar. Zunächst stellt das BGB §1631 klar: »Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig.«. Zudem gilt natürlich auch bei Kindern als Opfer § 223 des StGb: »Wer eine andere Person körperlich mißhandelt oder an der Gesundheit schädigt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.«

Und noch einmal zu n-tv: In Eurer „Netiquette“ für „spannende Diskussionen“ legt Ihr fest: »Beleidigungen, Rassismus, Hasspropaganda, Pornografie, Obszönitäten, sowie Gewaltaufrufe sind untersagt.« Nun, Gewalt gegen Kinder ist auch Gewalt. Vielleicht mal Zeit, statt mit reaktions-heischenden Fragen solche Antworten herauszufordern, moderierend einzugreifen. Ok?

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Bildnachweis Artikel-Coverbild: Pixabay

Kategorien: Allgemein

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Parteiloser Postprivatier.

19 Kommentare

Ch. Schmitt · 13. Juli 2017 um 22:58

Vielen Dank für den Beitrag. Mir kommt da auch jedes Mal die Galle hoch, wenn ich solche Sachen mitbekomme.
Wenn dann dummerweise in der Familie die Diskussion anfängt, hört es leider komplett auf.
Ich weiß nicht, warum wir darüber immer noch reden müssen.

Carina · 13. Juli 2017 um 22:59

Die leidige Diskussion musste ich in der Verwandtschaft auch schon öfter führen. Damals noch kinderlos war meine Ansage schon klar: Wer meinem Kind auch „nur“ einen Klapps auf die Finger gibt, hat mein Kind das letzte mal gesehen. Antwort: Wenn du mal Kinder hast wirst du deine Meinung noch ändern. Wenn du nicht willst, dass sie dir auf der Nase rumtanzen.

Ja… ohne Worte.

Ich hab dann gefragt, was wäre, wenn mein Mann mich schlagen würde. Wäre das okay? Das ist dann komischerweise nicht okay – aber ist ja eh was ganz anderes. Meine antwort darauf: Ja, ich bin erwachsen, ich kann mir hilfe holen. Und ich kann meinen Mann auch verlassen. Wenn ein Kind geschlagen wird, kann es sich nicht einfach von den Eltern scheiden lassen. Ich bin die einzige Mama, die mein Kind hat.

Es ist einfach nur traurig ?

Und Gewalt fängt bei mir schon viel früher an. Denn auch Worte können verletzen.

Henrike · 13. Juli 2017 um 23:07

Puh. Verstehe ich gut mit dem Puls. Meiner geht da auch rasant in die Höhe. Ohne Worte, so was!!! >:-(

glaskerze · 14. Juli 2017 um 0:43

Mal so aus dem Aspekt eines Kindes, das Gewalt erfahren hat:

War nicht so häufig, aber ich kann mich an jede. einzelne. Situation. bis ins kleinste Detail erinnern. Ist ziemlich scheisse. Und, Überraschung: das „bisschen“ an Gewalt, das meine Brüder und ich erfahren haben, hat bei mir zum Anfressen einer Schutzmauer geführt (Spoiler: Teufelskreis, war nämlich Angriffsfläche für Mitschüler) und sorgt noch heute dafür, dass meine Brüder Emotionen und Kritik eher schlecht bis gar nicht verarbeiten können, nicht funktionierende Dinge gerne kurz und klein hauen und insgesamt eher zur Nutzung von ‚Kraftausdrücken‘ und Gewalt neigen.
Ja, Herr Huber-Lang kann bei uns eine Bestätigung finden.

Danke für diesen Beitag!
Und bitte unbedingt an n-tv senden!

    glaskerze · 14. Juli 2017 um 0:58

    Übrigens ein grandioser Vergleich mit dem „bisschen Ladendiebstahl“!

N. · 14. Juli 2017 um 6:26

Großartiger Artikel, danke dafür! Ich bin mit diesem Thema grade zwangsweise auch sehr beschäftigt (in beruflichem Umfeld) und bin so fassungslos, wie man seinem Kind das antun kann!

    Sabrina · 14. Juli 2017 um 12:21

    Geht mir genauso. Ich finde den Artikel sehr gut geschrieben. Danke dafür. Ich bin in meiner Arbeit auch regelmäßig mit diesem Thema konfrontiert und gerade an einem Punkt, an dem ich mich mal wieder frage, wie lange ich das noch aushalten kann. Es macht mich fertig das, was längst selbstverständlich sein sollte, immer und immer wieder diskutieren zu müssen. Und die Frage aus dem Ursprungsartikel ist dementsprechend einfach nur zum kotzen.

Christine Finke · 14. Juli 2017 um 8:52

Und das Irre ist: Alles, was bei uns nicht gut läuft, führen diejenigen Nachbarn/Bekannten, die ihre Kinder schlagen, darauf zurück, dass ich genau DAS nicht tue. Da klaffen Welten zwischen den Eltern.

Anna · 14. Juli 2017 um 8:53

Wie kann man die Hilflosigkeit und die Loyalität, die Kinder ihren Eltern/Verwandten/Lehrern etc. haben, nur so missbrauchen?! Kinder sind schutzbedürftig! Wir müssen sie vor Unheil bewahren, damit sie eines Tages gesund und stark in ihr eigenes Leben aufbrechen können! Nur weil ein Kind sich nicht wehrt – wie sollte es auch? – heißt das nicht, dass Gewalt, welcher Art auch immer, keine nachhaltigen Schäden verursacht! Kinderseelen zu brechen ist keine Kunst. Die Kunst besteht darin. Kinderseelen zu stärken, sie in ihrer eigenen Entfaltung und Entwicklung zu begleiten bis sie stark genug sind, sicher sind, widerstandsfähig sind!!! Studien beweisen, dass verbale Gewalt, z.B. Anschreien, Beschimpfungen, Demütigungen, die gleichen negativen Auswirkungen auf Kinder haben, wie körperlich zugefügte Gewalt! Und nein, geliebte Mama, dein „Hintern versohlen“ war damals kein „reinigendes Gewitter“ für mich! NIEMALS werde ich meine Kinder schlagen, sie anderweitig körperlich züchtigen, sie zum Essen zwingen (nur weil ICH stundenlang in der Küche gestanden habe) oder sie verbal demütigen! Das habe ich meinen Kindern versprochen!!!

Julie · 14. Juli 2017 um 8:53

Danke für den Beitrag! Es gibt keine Ausrede für Gewalt. Sie ist immer falsch. Punkt!
Leider denken da viele noch anders. Gewalt gegen Erwachsene ist schlimm, aber bei Kindern? …

Ich kann mich heute noch daran erinnern, wie schnell ich rennen musste, um meine Zimmertür zuzuhalten, wenn mein Vater sauer auf mich war. Ein Angstgefühl, das ich keinem wünsche.
So etwas kann man nicht relativieren.

Dana · 14. Juli 2017 um 9:33

Dann muss ich wohl mal Farbe bekennen: Denn ich gebe meinem Sohn ab und an einen Klaps auf den Po und wenn ich es für nötig erachte hau ich ihm auch mal auf die Finger. In diesem Artikel ist auch die Gewalt nicht definiert, was es schwierig macht eine Grenze zu ziehen wo Gewalt anfängt. Trotzdem geht eine Ohrfeige für mich zu weit und wenn ich merke es war zu fest, dann entschuldige ich mich bei ihm, auch wenn ich an einem Tag mal besonders viel schimpfen musste oder sehr laut war. Denn was ich absolut nicht möchte, ist, dass er nur aus Angst ‚gehorcht‘, sondern weil er versteht warum etwas falsch ist. Ich werde mich nicht rechtfertigen, oder um Verständnis bitten, ich wollte nur einen ehrlichen Beitrag zum Text schreiben. Denn wir sind alle Menschen und kommen an unsere Grenzen, was keine Entschuldigung für Gewalt gegenüber Kindern sein soll. Aber wenn man sein Kind liebt, schließt sich Gewalt von alleine aus und wo sie doch geschieht, ist man als Eltern vielleicht einfach an eine Grenze gestoßen, wo man über neue Wege nachdenken sollte. Gewaltfrei und dennoch konsequent.

    Julie · 14. Juli 2017 um 10:36

    Auch ein Klaps auf den Po ist Gewalt! Würden Sie sich von ihrem Partner eine Backpfeife geben lassen, weil er das für richtig erachtet? Aber Kinder, die sich nicht wehren können, müssen das erdulden.
    Na danke auch…
    Wenn Sie an ihre Grenzen kommen und zu Gewalt greifen müssen, dann sollten Sie sich Hilfe suchen, statt ihrem Schutzbefohlenen auf die Finger zu schlagen.

      Key · 16. Juli 2017 um 22:03

      Ich kann die Antwort gut nachvollziehen, aber auch Dana verstehen….
      Dennoch würde ich ihre offene Antwort nicht damit kommentieren, dass sie sich Hilfe suchen muss…
      Aus beruflichen Alltag möchte ich behaupten, dass die seelische Gewalt von allem (ausgenommen übelste körperliche Züchtigung uä), das aller schlimmste ist.
      Wenn man sich ein bisschen in der Forensik und Psychiatrie tummelt, dann waren es seltenste der “ Klaps auf den po“, sondern vielmehr die seelischen Demütigungen uä die Menschen in den Wahnsinn getrieben haben…
      An dieser Stelle möchte ich gerne das Stichwort „Mobbing“ anführen…
      Das ändert natürlich nichts an dem kritischen Inhalt des Artikels…

May · 14. Juli 2017 um 9:53

Ich hatte das vor Kurzem auch das erste Mal in meinem Bekanntenkreis. Bei der Mutter der besten Freundin meiner Tochter.

Die Frage lautete: „Du findest wahrscheinlich auch, dass man Kindern nicht mal einen Klaps geben sollte?“.

Bei allen anderen als der Fragenden hätte ich gedacht, dass nur die eigene Meinung bestätigt werden soll und Gewalt gegen Kinder natürlich nicht in Frage kommt. Hier nicht. Mit ihr bin ich schon aneinander geraten, wenn die Kinder sich gestritten haben, wer bei Vater-Mutter-Kind die Mutter sein darf (Ich: „Dann seid doch beide die Mama. Solche Familien gibt es doch auch.“. Sie: „Ich bin gegen Homo-Propaganda, weil ich denke, dass sie die Kinder homosexuell macht), oder wenn es um Flüchtlinge und die AFD geht.

Ich habe natürlich geantwortet, dass ich denke, dass es den Kindern schadet und auch der Beziehung zu den Eltern. Sie hat nichts mehr gesagt und das Thema gewechselt.

Seitdem frage ich mich, ob die beste Freundin meiner Tochter zuhause unter Gewalt leidet. Wie ich das herausfinde. Und was ich dann tun könnte.

senf · 14. Juli 2017 um 11:15

„Immer nur „du du du“ nimmt auch ein Kind irgendwann nicht mehr ernst.“

Da würde ich sogar zustimmen. Aber die Schlußfolgerung ist eben nicht so zwangsläufig wie der Autor/die Autorin das zu glauben scheint.

Wenn etwas tatsächlich „verboten“ ist (z.b. weil das Kind oder andere sich dadurch unmittelbar körperlich verletzen), kann man schließlich auch verbal mehr als nur „du du du“ kommunizieren.

Aber absurderweise scheint für viele der oben Zitierten diese Angelegenheit nur als eine mit zwei völlig gegensätzlichen Optionen wahrnehmbar – also Eltern, die gar nicht in der Lage sind, irgendwelche Reglementierungen zu vermitteln und durchzusetzen… und andererseits derer, die ihrem Kind (in diesem Fall sogar wortwörtlich) Disziplin einprügeln.

(dabei dürfte sich – glücklicherweise – der Großteil aller Eltern eher irgendwo im Spektrum dazwischen bewegen)

walter neumann · 16. Juli 2017 um 10:38

Eine Ergänzung zur Gewalt- Anwendung in unserer Gesellschaft, die bei den meisten Eltern und Pädagogen aus dem Blickwinkel geraten ist, nenne ich „strukturelle Gewalt.“

Zwei Beispiele:

Schulpflicht= Zwang (siehe auch Schulpflicht vor dem GG; Dissertation von Dr. Tobias Handschell)
Notengebung in Schulen, die viele Kinder beeinträchtigt und unter Druck setzt und gesellschaftlich legitimiert wird.

    Key · 16. Juli 2017 um 22:05

    Danke! Thats it!

Florian K. · 16. Juli 2017 um 15:18

Danke für diesen Beitrag. Ich bin gerade in der Situation, mich mit der Gewalt in der Kindheit und der Person, die diese ausgeübt hat, auseinander zu setzen. Da sind solche Kommentare wie oben zitiert ein Schlag in die Magengrube.

Aber viele Menschen wissen es halt einfach nicht besser. Sie machen im Prinzip nur das nach, was ihnen von ihren Eltern und ihren sozialen Kreisen vorgelebt wurde.

Rechtschreibkorrektur · 25. Juli 2017 um 21:53

lieber leitmedium – vielen dank für dein engagement gegen gewalt ggü. kindern. ich bin absolut deiner meinung.

tür an tür mir uns wohnt ein 6-jähriges mädchen, das oft mit unseren kindern spielt. die mutter ist psychisch sehr labil, der vater sehr alt – aber ruhig, geduldig und liebevoll.

kürzlich erzählte er mir, dass die mutter ein „schnelles händchen“ hätte – er wirkte angesichts der situation unglücklich und besorgt.

heute sagte mit das mädchen am kaffeetisch, dass es öfter „den po voll“ bekomme – umd zwar von mutter und vater.

was soll man in einer solchen situation tun? mit dem vater hatte ich bisher ein solidarisches und gutes nachbarschaftsverhältnis. ich kann die gewalt nicht ignorieren, klar. ich werde ein gespräch suchen. aber mit welcher botschaft? dass ich das jugendamt alamiere? nützt das etwas?

überforderte grüße, toni

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