(k)ein Geburtsbericht

Veröffentlicht von leitmedium am

Ob ich nicht auch einen Geburtsbericht schreiben könne, fragt sie. Ist ja nicht so mein Ding, denke ich. Was soll ich da jetzt schreiben? Nur so ein bisschen Tralala oder mit den ganzen schmaddrigen Details? Sie hat ja selbst mit Texten gut vorgelegt – auch schon unter den Wehen morgens um zwei (ein bisschen einen Knall hat sie ja). Langweilig war es jedenfalls nicht. So mit Blaulicht und so. Aber sie hat das schon so schön emomäßig notiert. Da fallen mir nur noch ein paar Momente ein.

Du kannst weiterschlafen!

Der morgens-um-zwei-Artikel wäre ja nicht entstanden, wenn ich sie nicht beim Wort genommen hätte. Kurz davor rüttelte sie nämlich an meinem Fuß und flüsterte laut „Es ist so weit! Es geht los! Aber Du kannst weiter schlafen!“. Äh, ja. Das ist einer der Momente, in der man nur verlieren kann: Stehst Du auf, bist Du den ganzen Tag übermüdet. Bleibst Du aber liegen, denkt sie insgeheim, dass sei ein bisschen Verrat. Ich habe eine Sekunde für eine Entscheidung. Die Wahl fällt auf: Lieber ausgeschlafen bei der Geburt sein. Danach bin ich es die nächsten Wochen eh nicht mehr. Also murmle ich „ok“ und schlafe weiter. Sie hat später angedeutet, dass sie das ein bisschen doof fand.

Pause

Zum Beispiel dieser erholende Moment, als ich die Kinder zu Freunden bringen konnte. Die Wehen waren in vollem Gange, die Hebamme zu Hause und eine gute Freundin auch (zufällig auch Hebamme, doppelt hält besser, ne). Die Kinder wollten jedenfalls weg und es war zu unruhig. Also fuhr ich los und genoss kurz eine Geburtspause im Sonnenschein unterwegs. Ein paar Brötchen habe ich noch in der Bekarei gekauft. Für später, wenn wir sicher nicht in der Lage sind, irgendwas aufzubacken. Und ein paar Minuten länger kann ich ja so auch noch mit Grund Pause haben. Klingt auch irgendwie doof: Als Partner eine Geburtspause haben. Tut aber gut und danach ist man wieder frisch dabei.

Blaulicht

Und dann der Moment, als der Krankenwagen da war und fraumierau mit der Hebamme drin losfuhr. Es sollte erst ins Krankenhaus Friedrichshain gehen weil Wunschkrankenhaus geht halt nicht mit Krankenwagen. Die Rettungssanitäter hatten ganz offensichtlich panische Angst vor einer Frau mit Wehen. Nicht, dass da noch ein Kind rauskommt. Was soll man da nur machen? Oh weh. Geburtskrankenhaus Friedrichshain – mein Geburtskrankenhaus. Was ein Saftladen. Ich glaube, in 38 Jahren ist es da nicht besser geworden. Habe kurz vor meinem 30. Geburtstag meinen Geburtsbericht angefordert. Puh. War dem Krankenwagen aber egal, also hin da. Kurz davor wird festgestellt, dass alle Geburtsplätze schon belegt sind. Also ab ins nächste. Glück für uns. Krankenwagen jedenfalls mit Blaulicht unterwegs und ich so leicht verwirrt hinterher. Ein paar Verkehrsregeln habe ich gebrochen. Nicht weitererzählen.

Lichterorgel

Im Krankenhaus komme ich in der Erwartung in einen engen weißen Saal mit so einer Zahnarztlampe und Menschen in grünen Kitteln zu gelangen, in ein geräumiges Zimmer, mit Couches, Musikanlage, doppelt breitem Bett und bemühtem Deko-Schnickschnack. Das sei der Vorwehenraum, wird mir erklärt. Weil die Kreißsäle leider alle belegt seien. Ach, wie schade, denke ich. Nochmal Glück gehabt. Denn in diesem Raum bleiben wir dann auch. Kann man machen. Leider habe ich kein Foto von der dimmbaren mehrfarbigen Sternenhimmel-Lichterorgel über dem Bett.

Äh… Hallo?

So eine Krankenhausgeburt kannte ich ja noch nicht. Und dieses ewige Warten auf Menschen. Da sitzt man dann, hält seiner Frau die Hand, die sich rhythmisch verkrampft, die Tür öffnet sich, jemand kommt herein und… räumt ein paar Materialien in irgendwelche Schränke. Und geht wieder. Ohne etwas zu sagen. Extremes Augenrollen. Manchmal fragst Du Dich, warum Menschen sich selbst das Leben so ungemütlich machen müssen.

Himpelchen und Pimpelchen

Und dann geht die Tür auf und Himpelchen und Pimpelchen schlendern rein. Zwei Ärztinnen in Weiß, Hände in den Kitteltaschen. Sie wollten nur mal gucken, ob der Alarm wegen des fehlenden Pulses beim Kind echt sei. Der geht ja nun ein paar Minuten, denke ich. Scheinen ja sehr besorgt zu sein. Ach, na sieht ja gut aus hier. Aber irgendwas müssen sie jetzt doch noch entscheiden, steht in ihren Augen. Ähm… also … die Hebamme soll dann dies und jenes machen und überhaupt. Himpelchen und Pimpelchen verlassen die Szene und kommen nie wieder. Dadurch kriegen sie wohl auch nicht mit, dass die Hebamme sie ignoriert und weiter macht, wie bisher. Danke.

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17°C!

Und nach der Geburt. Als ein Kinderarzt uns aufklärt, dass Kinder bei kühlen Temperaturen schlafen sollten. Und dann noch fragt, ob uns als Eltern von drei Kindern noch etwas einfällt, was er uns hätte erzählen müssen. Kaum ist er raus, kommt eine Pflegekraft rein und stürzt zum Fenster. Ich hatte es geöffnet, weil die Luft zum Ersticken war. Nein, soooo kalt könne man doch nicht Kinder im Zimmer haben, ruft sie entrüstet und schließt das Fenster hektisch. Ich vermute, wir hatten 17°C im Zimmer, also kichere ich in mich hinein und denke, sie sollte mal mit ihrem Kollegen reden. Um eine Diskussion zu vermeiden, lasse ich sie machen. Kaum ist sie raus, öffne ich das Fenster wieder. Es ist eine laue Frühlingsnacht, draußen zwitschern Vögel. Beim dritten Kind lässt man sich nicht mehr leicht verunsichern von diesem ständigen Gerede irgendwelcher Meinungen.

Pralinen am Bett

Ob ich nicht etwas zu Essen bei hätte, fragt sie nach der Geburt. Oh ja, das habe ich. Eine riesige Schachtel Pralinen. Sie hat nämlich Geburtstag und ich habe morgens noch die Geschenke mitgenommen. Genüsslich verspeist sie ein paar Pralinen am Bett. Nicht der schlechteste Energielieferant nach 17 Stunden Geburt. Jeder reinkommenden Person bietet sie eine Praline an. Ich glaube, die halten sie spätestens jetzt für ein wenig verrückt.

p.s.: Auch wenn die Geburt anders verlief, als geplant, hatten wir Glück: Glück, dass das Krankenhaus Friedrichshain voll war (ganz ehrlich: I hate you deep from my heart), eine Krankenhaus-Hebamme, die sehr entspannt war und sehr bedacht und ruhig unterstütz hat, Krankenhaus-ÄrztInnen, die vor allem nicht anwesend waren und ein merkwürdiges Geburtszimmer, mit einer Beleuchtung, dessen Entstehungsgeschichte hoffentlich irgendwann niedergeschrieben wird.

p.p.s.: Ich hatte am Geburts-Tag ein wenig auf SnapChat berichtet. Für die Nicht-SnapChatterInnen unter Euch hier eine kurze Zusammenstellung der Videos. Man kann schön beobachten, wie ich anfangs nur müde und im Laufe des Tages zunehmend fertig aussehe 🙂

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4 Kommentare

Ulla · 8. April 2016 um 23:23

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Meise · 8. April 2016 um 23:43

Dankeschön.
Du bringst das (die Zeit im KH) so humorvoll rüber und ich finde es so traurig, dass es die normale Realität einer KH-Geburt ist. (Und bin sehr dankbar über meine beiden Hausgeburten.)
Es hört sich trotzallem -und auch dir zum Dank- alles sehr gut und geborgen an und das war „uns“
ja wichtig!
Und dass du an die Geschenke (Pralinen!!!) gedacht hast: <3

Debbie · 9. April 2016 um 0:10

Herzlichen Glückwünsch!

Suei · 25. März 2017 um 14:51

Unsere Geburt in Fhain war so toll – unfassbar nette Menschen, zwei Hebammen, zwei Ärztinnen, viel Ruhe und Humor! Jederzeit wieder!!

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