»Meine Torte schmeckt nach Marzipan!« – Ein Sonntag mit Familie

Veröffentlicht von leitmedium am

Sonntag, 14:30 Uhr. Ich bin im Büro und arbeite ein wenig an meiner Dissertation. Die Tochter sitzt nebenan und hört Bibi & Tina. Es klappt ganz gut. Einen halben Tag fahren wir zusammen zum »Arbeiten«, wie wir es nennen. Sie hört Hörspiele und bastelt nebenbei, ich nutze die Ruhe, um meinen Text weiterzuschreiben. Danach geht es rituell weiter: Nach Hause fahren, @fraumierau und den Sohn eintüten und mit dem Auto aufs Land fahren, gucken, wie weit die Handwerker gekommen sind und vielleicht die Nachbarn besuchen.

»Wir düsen los«, schreibe ich, kurz bevor ich den Zündschlüssel umdrehe. Der leicht verhasste aber praktische blaue Daumen erscheint im Messenger. Wir fahren los und die Tochter zählt aufgeregt, wie viele grüne Ampeln wir schaffen. Ampeln, bei denen ich im Schritttempo fahren muss, um nicht bei rot komplett zu halten, zählen nur halb. Wir kommen auf neun richtig grüne und zwei halb-grüne Ampeln. Nicht schlecht.

In zweiter Spur halten wir vorm Haus. »Sind da«, schreibe ich. Und warte. Die Minuten verstreichen. Ob ich ihr hätte schreiben sollen, dass wir vor dem Haus und nicht hinter dem Haus stehen, überlege ich. Genau da kommt sie mit leicht grimmigem Gesicht und dem Sohn mit noch grimmigerem Gesicht um die Ecke gebogen. Okay, ich hätte. Sie steigen ein und fummeln ewig am Kindersitz rum. Diese Anschnallerei ist echt nervtötend. Als sie Platz nimmt, schnauft sie wieder wie eine Dampflok. »Meh«, sagt sie nur. Das ist das Kürzel für »Stimmung schlecht.« Ich lasse die Dampflok-Scherze pietätvoll weg. »Müssen wir ins Haus fahren? Der Sohn wird einschlafen und in meinem Bauch zieht es.«, wendet sie ein. Hmm. »Nein. Wir sollten vielleicht, um nach dem Rechten zu sehen. Aber wir können auch hierbleiben. Wollt Ihr lieber einen Kuchen essen fahren?« Eine Frage, die wohl nie mit „nein“ beantwortet wird in dieser Familie. Wir schweigen fünf Minuten über der Frage, wo denn nun genau, weil dennoch alle etwas missgelaunt sind.

Ich fahre los, hole Geld. Wir entscheiden uns, wo wir Kuchen besorgen. »Willst Du schnell rüberlaufen und wir holen Dich ab?« frage ich. Der Weg ist vielleicht 50 Meter auf der anderen Straßenseite. »Nein, das dauert so lange« antwortet sie. So schwanger sind auch kurze Wege lang. Ich fahre weiter. Eine Baustelle verhindert das Abbiegen an gewohnter Stelle. Das heißt: langer Umweg. Gerade mäßig günstig.

Wir stop-and-go-en uns so durch die Straße. Dem Sohn fallen langsam die Augen zu. 15 Uhr. »Guck mal, da sind Polizisten«, sage ich ihm. Die stehen tatsächlich dort vor einem Restaurant. Ein Mann mit Kochschürze gestikuliert aufgeregt, ein Mann mit Koffer verdreht dabei demonstrativ die Augen, Passanten sehen zu. Irgendwann löst sich der Mann mit Koffer und geht so affektiert los, als wollte er es allen beweisen. Er nimmt gleich die nächste Ampel als Gelegenheit, um bei rot rüberzustolzieren. Ich mache noch eine Bemerkung dazu – beide Kinder sind mittlerweile wach – als wir sehen, wie der Koffer-Mann von einem Fahrradfahrer umgefahren wird. Eine Menschentraube steht etwas ratlos um den Mann am Boden, der offenbar alle beschimpft. Der Radfahrer fährt schulterzuckend weiter. Ich kann endlich abbiegen.

Nach gefühlt stundenlanger Autofahrerei kann ich endlich fraumierau vorm Café absetzen. Eine große Baustelle ist davor, wir müssen weiter. »Wir drehen eine Runde, dann holen wir Dich ab!«, rufe ich ihr hinterher. »Warum denn, Papa? Sie hat doch noch gar keinen Kuchen!« wirft die Tochter ein. Boah, jetzt noch diskutieren. »Was würdest Du denn machen, wenn Du jetzt am Steuer sitzt?«, frage ich leicht genervt. Schweigen von hinten. Eine Kurznachricht trifft ein »Kuchen leergekauft. Fahrt Ihr heim, ich besorge was.« Okay. Wir schleichen mit dem Auto weiter zurück. Der Sohn droht wieder einzuschlafen. Ich mache Grönemeyers »Mambo« an. Da flippt er immer etwas bei aus und wird aktiv. Er lächelt und schunkelt. Die Tochter findet es doof.

»Hier gibt es auch keinen Kuchen. Und nebenan ist eine lange Schlange. Ist doch doof.«, schreibt sie. »Ach egal, machen wir Waffeln«, antworte ich, schnappe die Kinder und laufe bei gefühlter Eiseskälte zurück vom Auto. Warum auch immer sie dem permanent fröstelnden Sohn eine dünne Regenjacke angezogen hat. Weder regnet es, noch ist es warm. Wahrscheinlich hat er auf dem Knallrot bestanden. »Mir ist kalt!« ruft er. Ich nehme ihn auf den Arm.

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(Andere Kuchen- und vor allem Frühstücks- und Brötchen-Bilder gibt es auf Instagram.)

»Hab Kuchen!« schreibt sie. Nach einer halben Stunde Odyssee sind wir endlich alle wieder zu Hause. Jetzt wird alles gut, denke ich. Ich packe die Kuchen auf Teller. Der Sohn probiert seine Schokoladentorte und ruft empört »Da ist Marzipan drin!«. Die Tochter mustert ihn und insistiert »Ist es nicht! Die ist mit Schokolade« und knabbert an ihrer Erdbeertorte rum. »Doch. Marzipan!« – »Nein!«. Ich würde jetzt gern eine Runde schlafen. »Ach Kinder, jetzt streitet Euch doch nicht darüber. Er kann doch selber entscheiden, wonach es schmeckt für ihn, oder?«. Ich hätte Diplomat werden sollen. So richtig glaube ich ja auch nicht an Marzipan. »Hier Papa, probier mal!« Er hält mir eine verschmierte Hand hin. Okay. Ich nehme ein Stück und… es schmeckt nach Marzipan. Nein… verdammt… nach Rum! »Ähm… hast Du eine Schoko-Rum-Torte gekauft?« frage ich. »Was? Nein! Oder? Nein. Das müssen die einem doch sagen!«. Wir fangen an zu lachen. Der Sohn hat schon das halbe Stück gegessen. Ich halte ihm ein Glas Wasser hin. »Bitte trink viel, ja? Da war Alkohol drin.« Natürlich verfalle ich kurz in eine elterliche »Oh mein Gott, wir haben das Kind vergift, es muss jetzt sterben»-Panik. »Ob er jetzt eine Alokholvergiftung hat?« frage ich. »Nein. Oder?«. Hmm.

»Mir ist so heiß. Ich muss was ausziehen! Mir ist so schwitzig« kommt er angerannt und reißt sich das Oberteil vom Körper. Ist er immer so oder hat einen sitzen von der Torte?

Meine Güte. Was für ein Tag. Ein typischer Sonntag mit Familie. Definitiv: nicht langweilig.

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Kategorien: Allgemein

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Parteiloser Postprivatier.

2 Kommentare

Barbara · 29. Februar 2016 um 6:26

Das klingt irgendwie nicht so harmonisch wie bei fraumierau 😉 Schön gibt es überall ähnliche Momente.

Sabrina · 1. März 2016 um 6:44

Hihi, wie lustig, genau das Gleiche ist uns am Samstagnachmittag zur Kaffeezeit auch passiert. Bei uns gab es Tartufo, diesen italienischen Nachtisch und wir bemerkten auch erst, dass es Alkohol enthält, als das Lieblingskind anmerkt, dass es scharf sei. Ich dachte erst „Häh, Schokolade scharf?“ Dann machte es Klick und es bekam sofort einen anderen Nachtisch.

LG Sabrina

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