Urlaub, oder: Ein ganz normaler Familien-Tag

Veröffentlicht von leitmedium am

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Ich soll mal wieder was vier plus eins schreiben, hat sie gesagt. Hat sie Recht mit. Nur was? Ob ich einfach mal einen Tag aufschreibe, so mit Kindern und schwangerer fraumierau, überlege ich. Mache ich dann morgen, denke ich. Morgen ist ja immer gut. Aber morgen war gar nicht so richtig gut.

28. Dezember 2015

6:45 Uhr Ich habe Urlaub. Zum erstmal mal seit sieben Jahren habe ich Urlaub, denn ich bin seit kurzem wieder fest angestellt. Urlaub heißt Ausschlafen, dachte ich mir. Meine Tochter aber nicht. Zwei warme Kinderhände patschen in meinem Gesicht rum: »Papa, Du musst aufstehen, es wird schon hell!« Ich erleide einen mittleren Herzinfarkt, erkenne alles andere als »hell« und frage »Warum denn?«. »Na… weil… Du musst Frühstück machen!«. Ich bin zu müde, um schlagfertig etwas zu sagen, was meinem trägen Gedankenschock entspricht.

7:30 Uhr Ich rufe die Familie zum Frühstück. Es gibt frisch aufgebackene Brötchen. Verschlafen kommen sie angetappst. Wo denn eigentlich der Kaffee sei, fragt fraumierau undiplomatisch aber berechtigt nach. Vergessen. Ich bin so müde, dass ich den Kaffee vergessen habe. Währenddessen hustet ein Kind sich fast die Seele aus dem Leib, weil es seit Tagen erkältet ist. Das andere Kind klagt über Bauchweh.

8:00 Uhr Eigentlich wollte ich mit der Familie aufs Land fahren. Das wird nichts mit der Erkältung. Also verschaffe ich fraumierau etwas Zeit zum Schreiben. Ich schnappe mir das nicht erkältete Kind und erkläre, dass wir jetzt ganz außerordentlich tolle Dinge machen werden – und es auch vorn sitzen darf im Auto. Point taken.

9:00 Uhr Wir sind die ersten im BSR Recyclinghof und geben circa zehn Kubikmeter Einpackpapier und Kartons ab. Der Hof ist noch leer und ein Müllmann (sagt man das so?) versucht mein Kind in ein Gespräch zu verwickeln. Das antwortet unabhängig vom Inhalt der Fragen mit »Nö« und zieht dabei eine Schnute.

9:30 Uhr Das Internet empört sich, weil ich eine Schreibmaschine nicht mitgenommen habe, die ich wahrscheinlich nicht mitnehmen durfte. Ja, fahrt doch selber hin!

9:45 Uhr Kind rutscht öfters auf dem Sitz hin und her und klagt über Bauchweh. Ist das jetzt so Bauchweh oder Bauchweh-Bauchweh?

10:00 Uhr Wir gehen in einer Schneiderei vorbei. Ich will ein Sacko und eine Winterjacke abholen. Termin war heute. Ja, also, das sei jetzt gerade in Arbeit, aber sie hätten ja noch länger auf heute, heißt es an der Theke. Ich überlege kurz, alles anzuzünden und lächle dabei. Draußen beschwert sich das Kind bitterlich, was das für eine »Frechheit« sei. Für drei Jahre gutes Vokabular.

10:30 Uhr Wir sind im Elektronik-Markt und suchen einen Raclette-Grill. Ist ja bald Silvester. Ich stehe ratlos eine Viertelstunde vor circa zwanzig verschiedenen Modellen. Kind tapst um mich herum. Ich schicke Fotos an fraumierau. Den mit integriertem Fondue? Den mit Warentest gut? Was denn jetzt? Ich suche einen aus, wir stellen uns an die Kasse. Kind fängt an zu jammern. Bauchweh. Eine Frau vor überlässt uns ihren Platz in der Schlange. Danke. Davor packt ein Typ ca. hundert Gutscheine aus, die Kassiererin kriegt instantan schlechte Laune und empfiehlt uns eine andere Kasse. Sohn fängt an zu weinen. Ich lasse den Grill stehen und sage betont laut, dass könne man ja auch bestellen. Denen habe ich es gegeben.

11:00 Uhr Es geht dem Sohn doch wieder gut. Wir fahren im Baumarkt vorbei, um eine Glühbirne zu kaufen. Seit den neuen Regeln für Glühbirnen kosten die alle ein Vermögen, oder? Immerhin ist Baumarkt immer eine Reise Wert. Kind irrt mit mir durch die Gänge und wir bestaunen Dinge.

11:30 Uhr Heimfahrt. Kind weint wieder. Das ist Bauchweh-Bauchweh. Ich hoffe, es ist nicht…

12:00 Uhr Wir kommen zu Hause an. fraumierau kommt uns im Flur entgegen. Kind jammert noch einmal „Ich habe Bauchweh!“ und übergibt sich sofort. Ach, Fuck. fraumierau kümmert sich ums Kind, ich mache sauber.

12:30 Uhr Bauchweh-Kind schläft, Husten-Kind hustet weiter. Heilungs-Angebote (Inhalator, Dampfbad, selbst Honig-Bonbons) werden eloquent abgelehnt. Dann halt nicht.

13:00 Uhr Ein Freund meldet sich. Er ist in Berlin. Ob wir uns treffen wollen. Treffen? Wie geht das eigentlich im Urlaub? Und mit Familie? Ich bin unsicher. fraumierau? Sie findet, ich könne das machen. Dafür sei doch Urlaub da. Vielleicht ist Urlaub ja doch gar nicht so schlecht?

15:30 Uhr Ich treffe mich mit meinem Freund zum Waffelessen. Mitten am Tag. Das die-Familie-ist-krank-schlechte-Gewissen ist mit dabei, aber hey: Waffel ist Waffel. (Leider nicht so gut, wie behauptet, aber was solls). Alle paar Minuten schaue ich aufs Telefon, ob es Notfall-Nachrichten gibt. Gibt es nicht. Ich bin dankbar für die anderthalb Stunden.

17:00 Uhr Mit einer Waffel für fraumierau bewaffnen komme ich heim. Husten-Kind hustet, Bauchweh-Kind jammert. Oh je. Ich nehme letzteres auf den Arm, setze mich auf den Schaukelstuhl. Es schläft ein, während ich den Bauch streichle. Wenn ich mehr Zeit zu Hause habe, sind es diese Momente, die ein Geschenk sind.

17:30 Uhr Kind wacht jammernd auf, ich ahne es, eile ins Bad und … nicht auf das Schaf-Fell! … muss wenige Sekunden später das halbe Bad reinigen. Immerhin nur das Bad. Punkt für leitmedium. Dennoch missgelaunt beginne ich, in der Wohnung Teppiche und Decken zur Seite zu räumen. Das Husten-Kind wird überstimmt und wird zum Inhalator hofiert. Abendessen wird aus den restlichen Brötchen vom Frühstück gebastelt.

18:00 Uhr Ich bin wieder auf dem Schaukelstuhl. Kind schläft wieder auf mir ein. Das andere Kind wird von fraumierau ins Bett gebracht. Heute liest sie Pu, der Bär vor. Ich bin ein bisschen eifersüchtig. Das ist mein Vorlese-Buch.

18:30 Uhr Wir wechseln uns mit dem Schaukelstuhl ab. fraumierau übernimmt das Kind. Das andere Kind beschwert sich, nicht allein im Bett einschlafen zu wollen. Wir stellen den Schaukelstuhl so ins Wohnzimmer, dass er vom Bett aus zu sehen ist. Wird kaum als Kompromiss anerkannt. Ich baue im Arbeitszimmer ein Bettchen auf und biete dies als Alternative an. Wird naserümpfend abgelehnt. Ich ziehe die Schultern hoch. Kind geht murrend zurück ins Bett.

20:00 Uhr Die Kinder schlafen. Ich wiederhole: Die Kinder schlafen. Ich beginne, Jahresend-Büroarbeiten (Steuern, Rechnungen schreiben), fraumierau macht irgend etwas bloggiges und fragt mich zwischendurch, ob wir nicht doch noch eine Hängematte bräuchten. Sie hat da so ein Ding zu laufen. Hab‘ ich auch schon dokumentiert. Unser halber Garten ist mit einer Hängematte belegt. Keine Ahnung.

21:00 Uhr Husten-Kind schlafwandelt durch die Wohnung. Macht es schon seit der Geburt. Ob es auf die Toilette will? Ich versuche, es Richtung Bad zu lenken. Es geht in die Küche, dann ins Arbeitszimmer, beschimpft mich kurz und geht wieder ins Bett.

22:00 Uhr Ob ich auch den Lärm im Hausflur höre, fragt fraumierau. Ja, irgendwas ist da. Ich könne ja mal gucken. Ok. Ich ziehe mich an, habe Handy, Schlüssel und Taschenlampe in der Hand. Nein, ich könne doch nur mal aus dem Türspalt schauen, korrigiert sie sich. Seit unserer Stalker-Geschichte bin ich deutlich resoluter geworden.
Ich gehe in den Hausflur. Er ist dunkel, aber es hämmert. Ich hoffe, es wird niemand mishandelt. Ich höre Rufe. »Hallo?!« rufe ich. Eine Männer- und eine Frauenstimme antworten. Eine Etage tiefer hämmern sie von innen gegen die Wohnungstür. Sie seien Freunde meines Nachbarn brüllen sie durch die Tür und er hätte von außen abgeschlossen, sie kämen nicht mehr raus. Aha. Aber sie hätten einen Schlüssel, ob sie ihn mir runterwerfen könnten, damit ich von außen aufschließe. Ja, kann ich. Ich weise sie darauf hin, den Schlüssel nicht in den Baum zu werfen, wie fraumierau letztens. Sie verstehen den Hinweis nicht. Was solls. Ich gehe vor die Tür, nehme den fallenden Schlüssel in Empfang, stapfe verstimmt wieder hoch, schließe auf. Ein Pärchen, das so aussieht, als wolle es in die Oper (sie werfen sich gerade farbige Schals um), bedankt sich erleichtert und faselt was von »Ihr Nachbar wusste nicht, dass wir hier sind und hat abgeschlossen«. Klar. Ich denke nur „Generation AirBnB“, lächle gekünstelt und gehe wieder hoch.

22:30 Uhr Netflix-Zeit! Oder? Leider heute nicht. Kind schläft immernoch auf fraumierau, das andere meldet sich alle paar Minuten.

23:30 Uhr Schlafen gehen. Wir trennen die Kinder auf. Ich schlafe beim Husten-Kind. fraumierau schläft mit dem Bauchweh-Kind im Wohnzimmer auf dem Teppich. Wer weiß, wie die Nacht wird. Bettwäsche waschen ist immer so aufwändig.

03:00 Uhr fraumierau kommt wutschnaubend mit Kind ins Bett. Das sei alles zu hart gewesen und Luftzug sei da auch.

03:05 Uhr Wo eigentlich ihre Decke sei, fragt sie. Moah. Die hatte ich doch im Arbeitszimmer fürs Kinderbett verbaut. Ob ich die mal holen könne. Natürlich. Ich stehe auf, hole die Decke.

04:00 Uhr Bauchweh-Kind hat Durst. fraumierau will aufstehen, etwas holen. Ich lege ihr die Hand auf Schulter, damit sie liegen bleibt. Im Arbeitszimmer steht noch der Tee. Leider stürzt ein Teil des selbst konstruierten Schreibtisches zusammen. Es rumpelt in der Wohnung. Ob alles okay sei, ruft sie aus dem Bett. Ja. Jaha. Ich bringe den Tee ans Bett. Bauchweh-Kind trinkt. Noch drei Stunden Schlaf bis zum Aufstehen.

Ein ganz normaler Tag. Wenn ich nächster wieder im Büro und jemand fragt, »Wie war der Urlaub?«, was antworte ich dann eigentlich? Wahrscheinlich: »Anstrengend aber schön.« Denn so ist es mit Familie. Anstrengend, aber schön.

p.s.: Väter sind auch nur Eltern

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Kategorien: Allgemein

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Parteiloser Postprivatier.

7 Kommentare

Jannis · 29. Dezember 2015 um 23:18

Leidmedium erzählt :-*

sunshine · 30. Dezember 2015 um 7:13

könnte von uns sein;-)

Eetje · 30. Dezember 2015 um 10:04

Genau so ist es.
Anstrengend aber schön 🙂

Susan · 30. Dezember 2015 um 11:36

Ich wundere mich immer so sehr wie man sich da noch ein drittes Kind vorstellen kann…Hut ab! Wie geht das dann??? Mir reicht schon ein krankes Kind.
Ich habe auch den schönen Teil an dem Tag noch nicht entdeckt. :)))

Ulla · 30. Dezember 2015 um 13:58

Der schöne Teil: er hat noch Freunde, die ihn zum Waffelessen animieren, seine Frau gönnt und ermöglicht ihm die Auszeit, sie „arbeiten“ im Team zuhause und irgendwann gibt es wieder leckeren Kaffee für alle und das Alltagschaos gibt immer schöne Anekdötchen für alle her… Hold on, hold on…???

key · 7. Januar 2016 um 17:23

Ähm, kann man Wohnungstüren nicht von innen aufschließen?

Victoria · 16. Januar 2016 um 6:17

Bisher haben wir nur ein Kind, aber dank diesem Bericht weiss ich nun ziemlich genau was uns erwarten wird. Denn das klingt alles jetzt schon sehr vertraut. Hab viel gelacht, danke.

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